Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1884)
- Date
- 1884-04-29
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
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283 Heranziehung zum Handwerk, als zunächst liegend, zu leisten haben und was die erstere betrifft, so gab cs manche Discussion darüber, ob konfessionell oder interconfessionell. Ganz abgesehen davon, daß die israelitische Allianz wohl nur eine cvnsessionelle Schule gründen kann, da es ihr nicht obliegt, für andere Confessionen zu sorgen, gebietet es der praktische Sinn, vorerst nur die confessionelle Schule zu schaffen, weil durch sie allein den Chedarim und den Talmud Thoras wirksame Concurrenz gemacht werden kann und so hat sich auch unser Vorstand in einer prinzipiellen Debatte mit überwiegender Majorität für die confessionelle Schule ausgesprochen. Es wird damit nur das erprobte Beispiel der Protestanten, des Gustav Adolph Vereines wie der Missionäre befolgt, wenn auch Letztere andere Motive leiten. Ebenso mußte der Frage, ob polnischer oder deutscher Unterricht, näher getreten werden und — ich habe mir als Deutscher mit schwerem Herzen Zwang anthun muffen, — aber ans praktischen Gründen und um der Unterstützung der Landcsbchörden theilhaftig zu werden, mußte der herrschenden Nationalität Rechnung getragen werden. Wir wollen nicht gcrmanisiren, nicht polonisiren, wir wollen den galizischen Juden zum Menschen heranbilden und da muß der Weg cingeschlagcn werden, der am ehesten zum Ziele führt.- Diesem Expos'- trat in manchen Stücken Herr Baumgarten entgegen. Er ergänzt die statistischen Daten des Vorredners durch folgende jüngere Daten: Im Jahre 1882 waren in Galizien 41,225» schulpflichtige jüdische Knaben und 38,412 schulpflichtige jüdische Mädchen vorhanden. Von crsteren genossen 10,68s, von letzteren 19,070 den vorgeschriebenen Schulunterricht, 30,.'>37 Knaben und 19,342 Mädchen blieben also ohne diesen Unterricht. Für den Unterricht der israelitischen Schuljugend bestehen 5 confessionelle Schulen und zwar 2 in Lemberg, 1 in Tarnow, 1 in Brody, 1 in Bolochow und 2 städtische Communalschulen, nämlich: die Czacky-Schulc in Lemberg und die Kazimirz-Schulc in Krakau. Die ganze Miffre dieser Erscheinung tritt uns erst recht vor die Augen, wenn man sich vorhält, daß in Wien, wo die gesammte schulpflichtige Jugend lange nicht die eben bezcichnete Zahl erreicht, für den Unterricht derselben 130 öffentliche — und 50 Privatlehranstalten bestehen, an denen 2042 Lehrkräste thätig sind, abgesehen davon, daß viele dieser Kinder den häuslichen oder den Unterricht an Mittelschulen erhalten, während für eine weitaus größere Anzahl von Schulkindern in Galizien nur 7 Schulen vorhanden sind. Weiters lenkt Herr Baumgarten die Aufmerksamkeit darauf, daß die israelitische Bevölkerung in Galizien und der Bukowina im Verhältnisse zu der übrigen Population mehr als 13 Prz. ausmacht, während im diesseitigen Oesterreich mit Ausschluß von Wien der diesbezügliche Perzentsatz nicht mehr als 0.87 beträgt; ferner, daß in Galizien auf eine HI Meile 482 Juden kommen, während in den übrigen 16 Provinzen des diesseitigen Oesterreich ebenfalls mit Ausschluß von Wien blos 46 auf eine Hs Meile entfallen. Welchen nachtheiligen Einfluß eine solche Verdichtung der Bevölkerung übt, braucht wohl nicht erst hervorgehoben zu werden: Pauperismus, Demoralisation sind die nächsten Folgen davon. Angesichts solcher Verhältniffc erscheint es auch als schweres Unrecht, wenn gesagt wird, die galizischen Juden seien ein Unglück für ihre übrigen Glaubensgenossen. Sie sind vielmehr die Unglücklichen, welche die volle, ungetheilte Theilnahmc verdienen, und in keinem Falle Unglückbringende. Der Beweis für diese Behauptung liegt wohl schon darin, daß in Galizien ein vollkommen friedliches Einvernehmen zwischen Juden und Christen besteht und für den Antisemitismus bisher dort kein Boden gewonnen wurde. Wie nun die Sachen liegen, erscheint es ebenso vom Humanitären als vom culturellcn und politischen Standpunkte aus dringend geboten, daß nicht nur die Juden Oesterreichs, sondern die des ganzen gebildeten Europa alle Anstrengungen machen, um unfern galizischen Glaubensbrüdern durch das Medium der Cultur eine menschenwürdige Existenz zu ermöglichen. Er empfiehlt daher eindringlich, die von dem in der Mitte der israelitischen Allianz in Wien befindlichen Somit«'- für galizische Angelegenheiten gestellten Anträge zur Annahme. Serthold Auerbach und der Antisemitismus. Nachdem der Antisemitismus einen räumlich und zeitlich ausgedehnten Umfang angenommen, wird sich leider der Geschichtsschreiber unsrer Zeit nicht enthalten können, ihn als ein charakteristisches Moment unsrer Culturzustände zu behandeln. Glicht am wenigsten wird es aber hierbei gelten,; auch die Eindrücke und Wirkungen auf den zunächst davon! betroffenen Thcil des Volkes, die Juden, zu erforschen und; zu zeichnen. Auch in dieser Beziehung wird er, der Natur unsrer Zeit gemäß, aus mannigfaltige Schattirungen stoßen, die nicht unbeachtet bleiben dürfen. Wir wollen heute auf! diesen interessanten Gegenstand in seiner ganzen Ausdehnung nicht eingehen; wir erinnern nur an die völlig verschiedene > Auffassung dieser ganzen Bewegung Seitens Lasker's und Auerbachs, die sich bei persönlichem Begegnen darüber aussprachen. Jener, der Politiker, der die Wandelbarkeit i und Veränderlichkeit der politischen Zeitströmungen so vielfach erfahren hatte, sah den Antisemitismus als eine krankhafte Erregung der Zeit, begründet in der politischen und socialen Verwirrung des Momentes an, die zwar immerhin Schaden hcrbeiführen, aber wieder vorübergehen würde. Auerbach dagegen, der phantasiereiche und sentimentale