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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-29 · Heft 18 (29.4.1884) · p. Seite 282

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 18 (29.4.1884)
Date
1884-04-29
Page
Seite 282 (sequence 6)
Language
German
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282 Wählerpflicht bewußt würde. Doch werden wir auf die Frage der Polonisirung noch zu sprechen kommen und ich möchte mir nur jetzt erlauben, die drei Hauptgruppen der osteuropäischen Judenschaft, die galizische, die russische und die rumänische mit einander zu vergleichen. Ich kann hier aus eigener Anschauung sprechen, denn ich habe die russischen Juden im vorigen Jahre bei der Emigration in den verschiedensten Schichten und heuer durch Anwesenheit in den russischen Gouvernements Warschau und Petrokow kennen gelernt, während mir die Verhältnisse an der unteren Donau durch jahrelangen Aufenthalt daselbst geläufig sind. Entgegen der galizischen Judenschaft steht der russischpolnische Jude auf einer weitaus höheren Stufe. An der großen industriellen Entwicklung Russisch-Polens hat sich der Jude nicht in geringem Maße betheiligt und die Rückwirkung auf Handel und Landwirthschaft haben auch dem Zwischenhandel Vortheile gebracht. Die charakteristische Kleidung mußte der russisch-polnische Jude ebenso wie die Locken in Folge Regierungsverordnung oblegen und die grelle Unterscheidung von seinem Mitbürger wurde wesentlich gemildert. Der Bildung, wenn auch in gleichmäßiger Russificirung — wird die Sorgfalt der Regierung zugewendet. Aber was das Wichtigste ist, der russische Jude stellt gleich den anderen Bewohnern des Landes sein Contingent zu allen gewöhnlichen Berufsarbeiten der großen Masse, sei es, daß es sich um Ackerbau, Fabrikarbeit oder um schweres und leichtes Handwerk handelt und einer der hervorragendsten galizischen Aristrokaten, der gleichzeitig in Russisch-Polen reich begütert ist, sagte mir im vorigen Jahre aus feiner Erfahrung, daß wenn auch bei den russischen Judenaustreibungen politische Motive und administrative Willkür je nach den verschiedenen Orten im Spiele sein mögen, doch diese Bestrebungen jedenfalls gefördert wurden durch das die anderen Bewohner niederdrückende Gefühl nicht bloß der geistigen und sittlichen, sondern auch der physischen Ueberlegenheit der russischen Juden in allen Erwerbsarten des täglichen Lebens. Die gleiche Erscheinung zeigt sich in den Schulen und der Russe benutzte gern die Gelegenheit, um sich die Eoncurrenz vom Halse zu schaffen, indem er die Concurrenten von Haus und Hof jagte. Wenn auch in Bezug auf Industrie naturgemäß ungünstiger, so ist das Berhältniß in Bezug auf das Handrvcrk bei den rumänischen Juden noch günstiger als bei den russischen. Vor 20—25 Jahren wußte man in Rumänien noch nichts von Judenhaß — und heute ist es nur die Furcht, wirthschaftlich erdrückt zu werden, welche zu Gegenmaßregeln schreitet. Bis vor nicht langer Zeit, ehe Oesterreicher und Deutsche einwanderten, war der Jude nahezu der einzige Vertreter des Handwerks jeder Art in Rumänien; der nationale Rumäne schämt sich dieser Arbeit und ein rumänischer Unterrichtsminister war es, der die Handwerksthätigkeit des rumänischen Juden in offener Kammersitzung rühmend hervorhob und als Beispiel für die Rumänen hinstellte. Es wird wenige von den vielen Thürmen der hauptstädtischen Kirchen geben, welche nicht von Juden mit dem weitblinkendcn Bleche belegt sind, denn ein Rumäne würde sich zu der lebensgefährlichen Arbeit nicht hergcben. Aber es gabüberhaupt wohl kaum ein Handwerk, in welchem der Jude nicht vertreten war und das übertrug sich auch auf die Nachkommenschaft. Eine verständige, weitblickende Regierung hätte daraus ein kräftiges Bürgerthum schaffen können, und wenn der rumänische Jude den Drangsalen eher Widerstand zu leisten vermochte, so dankt er das seiner Arbeit. Rumänien hat aber auch seine Schnapshändler, Typen, die den Bauer verderben, aber den Haß, welcher hervorgerufen wurde, hat zumeist die flottante, ans Galizien zuströmende jüdische Bevölkerung auf dem Gewissen. Aber auch die Schule hat in Rumänien theils aus eigener Initiative der Juden, theils in Folge der Maßnahmen der Regierung Fortschritte gemacht, vou denen man im Westen keine Bolstellung hat. So stellt sich die galizisch-jüdische Gruppe, — und ich sage es als Oesterreicher mit wahrer Beschämung — als die unglücklichste der drei Hauptgruppen der osteuropäischen Judenschüft dar, welche wegen ihres Mangels an geistiger und manueller Ausbildung der rettenden Hand zuerst und in größtem Maße bedarf, um sie anderen redlicheren Erwerbsarten zuzuführen, und wenn ich mir auch das Wort des Propheten Vorhalte, daß man fein Volk nicht lästern solle, so muß doch die Wunde aufgedeckt werden. Es muß gesagt werden, daß mindestens hierzulande der galizische Jude mit seinem eckigen Benehmen, seinem Kauderwälsch, seiner Verwahrlosung, seiner Unbildung und seiner nicht an den heimathlichen Herd gebundenen, sondern auf die Gasse getragenen Erwerbsart selbst bei dem besseren Juden, vielmehr aber bei dem Christen Mißstimmung und Antipathie wecken muß und als das Prototyp des Juden den Antisemitismus nährt, der immer weitere Kreise nach Mittel- und West- Europa zieht. Wir haben aus den vorgeführten Daten gesehen, daß der Bildungsdrang bei den galizischen Juden im Aufschwung ist, sie beginnen die Gefahren zu erkennen, von welchen sie bedroht sind und bei der ihnen angeborenen geistigen Begabung ist unter den heutigen Umständen die Hoffnung berechtigt, daß unsere Bestrebungen auf fruchtbaren Boden fallen. Schon auf unsere vorläufige Anregung bilden sich an! manchen Orten Comit^'s aus angesehenen Männern in Lemberg und an Orten, wo wir Filialen haben, um uns ihre Mitwirkung zu leihen und die Verwendung der zu widmenden Beträge zu überwachen. Das Wichtigste wird hierin die Volksschule und die

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