Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1884)
- Date
- 1884-04-22
- Page
- Seite 267 (sequence 7)
- Language
- German
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267 er durch seine umfassenden Kenntnisse, durch seine reiche Erfahrung und durch seine glänzende Beredtsamkeit zu dessen hervorragendsten Mitgliedern und wird für alle Zeiten anerkannt bleiben als eine Zierde des österreichischen Abgeordnetenhauses. Wir aber, die jahrelang gemeinsam mit ihm gewikt, haben an ihm nicht blos den hochbegabten, stets consequenten Politiker, den glänzenden Redner hochschätzen gelernt; was wir an ihm ebenso hoch achteten, das war sein edler Charakter, i was ihn vor Allem kcnnzeichnete, war das Wohlwollen, das er stets jedem ernsten Streben cntgegenbrachte, die neidlose Anerkennung fremder Erfolge und fremder Thätigkeit. Er besaß jenen liebenswürdigen Charakter, der nur Jenem eigen sein kann, der mit dem Reichthuine des Geistes wahre Güte des Herzens verbindet. So wird denn sein Name in der Geschichte der österreichischen Publicistik und des österreichischen Parlamentarismus stets ein ehrenvolles Blatt ausfüllen. Die Heranwachsende Jugend möge in ihm ein Muster und das Borbild eines Mannes erblicken, der den Idealen seiner Jugend treu blieb bis an das Ende seiner Tage. Wir aber, seine vieljährigen Freunde und Genosten, die fast ein Bierteljahrhundert gemeinsam in nie gestörter Harmonie zusammenwirkten, werden stets eine wehmüthige Erinnerung bis an das Ende unseres Lebens bewahren dem braven Kameraden, dem treuen, allzeit bewährten Genossen, dem liebevollen, wohlwollenden, theuren Freunde." Nach der Rede Herbst's, die einen sehr tiefen Eindruck machte, wurde der Sarg unter Psalmengesängen aus der Halle auf den Friedhof getragen. Das Grab Kuranda's befindet sich einige Schritt hinter der Halle. Als der Sarg hinabgelasten worden war, trat der Präsident des Journalisten- und Schriststellervereins „Concordia", Rckter v. Weilen, vor und hielt dem Verstorbenen, der lange Jahre Mitglied dieses Vereines war, folgenden Nachruf: „Als Vertreter der Wiener Journalisten und Schriftsteller liegt es mir ob, an dem offenen Grabe eines edlen Menschen, eines hochgeachteten Mitbürgers und treuen Patrioten Worte wehmuthsvollsten und dankbarsten Gedenkens dem abgeschiedenen Schriftsteller und Journalisten, dem theueren Mitgliede der „Concordia" zu weihen. Wenn ich um mich blicke, sehe ich schon hie und da an der Grenze von Winter und Lenz in verborgener Heimlichkeit das erste Grün hervorsprießen, einen freudig begrüßten Boten, daß der Frühling kommt. So sendete er, im lebensfrischen Mannesmuthe, von jenseits der Grenze grün umhüllte Boten in stiller Heimlichkeit nach seinem geliebten Oesterreich, die uns, dir wir damals jung und bildsam und hoffensdurstig waren, zuflüsterten, daß auch für uns bald ein Lenz der Freiheit erstehen werde und müsse. Und als nun wirklich der Bölkerfrühling und Bölkersturm hereingebrochen, da eilte er aus der Verbannung, aus Deutschland nach dem geliebten Ostreiche, er selbst eine „Ostdeutsche Post", kündend Tag um Tag und Jahre hindurch, daß es gälte, die errungene Freiheit zu behaupten, die verloren gegangene zurückzuerobern und zu befestigen, und sic mit dem innersten und eigensten Wesen unseres eigenthümlich gearteten Staatengebildes zu verquicken. Worin liegt die Bedeutung eines Schriftstellers? In der Form wie in dem Inhalte dessen, was er schafft und wie sich Form und Inhalt mit dem Menschen in ihm decken. Rastlos war er bemüht, seine Gedanken in die klarste und bezeichnendste Gestaltung zu kleiden; den Glanz seines Styls borgte er von den Franzosen, gab ihm aber die Gedrungenheit und Phrasenlofigkeit der deutschen Prosa, und wurde hiedurch Vorbild und Lehrer für eine jüngere Schriftsteller-Generation. Der Inhalt alles dessen, was er schriftstellerisch schuf und von der Rednerbühne herab sprach, war die Dreieinigkeit: Wahrheit, Freiheit, Vaterlandsliebe, und diese heiligen Drei auch in das praktische Leben, rastlos thätig, umzusetzen, war er immer bestrebt, und der Mensch Kuranda, der Schriftsteller Kuranda, der Politiker Kuranda waren Eins und unzertrennlich und ununterscheidbar. Und was gab ihm die Kraft, in so mancher wetterschwülen Stunde auszuharren in schweren politischen Kämpfen; was gab ihm, einer weichen, empfindsamen Natur, den Muth, dem Spotte der Feinde die Stirne zu bieten und bis zum letzten Athemzuge den Idealen seiner Jugend treu zu bleiben? Weil er auch ein Poet gewesen, weil er aus einer Zeit stammte, wo nicht nur der Kopf mit Wissen gefüllt und der abwägende zersetzende Verstand geübt, sondern auch das Herz mit den Flammen der Begeisterung genährt wurde. Können wir Ueberlebende etwas Höheres, des unvergeßlichen Abgeschiedenen Würdigeres von dieser seiner letzten Ruhestätte mit uns nehmen, als indem wir unter uns, fortzeugend, sein Andenken wollen wirken lassen, indem wir als Schriftsteller und Journalisten gleich ihm Eins sein wollen in Wort und That, treu den Idealen der Wahrheit und des Fortschrittes, entschlossen, gleich ihm jederzeit männlich einzutreten für das Recht, die Ehre und die Zukunft des Vaterlandes. Und wenn sich jetzt Scholle um Scholle auf seinen Sarg legt und ihn menschlichem Auge für alle Zeit entrückt, sein Beispiel, wenn es in unserer Mitte fortlebt und fortwirkt, wird ein bleibender, sichtbarer Zeuge seiner Unsterblichkeit sein. So werfe ich denn die erste Scholle auf den Sarg des edlen Berufsgenossen, des hochgeachteten Collegcn, des vieljährigen treuen Mitgliedes der „Concordia". Die Schlußrede hielt Gcmeindcrath Ritter v. Borkenau