Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1884)
- Date
- 1884-04-22
- Page
- Seite 264 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Rabbinerversammlungen nicht theilten, daß wir vielmehr bei' 1. biographische Skizze, der Autonomie und dem Unabhängigkeitsgefühle der jüdischen! Ignaz Kuranda wurde am 8. Mai 1811 in Prag ge- Gemeinden die Arbeiten einer Rabbinerversammlung nur für! boren. Sein Vater, ein unbemittelter Antiquariats-Buchdie Klärung und Verbreitung der Ideen und für das Wecken, Händler, war ein frommer Mann, der schöne Kenntnisse im des geistigen Lebens bestimmt und wirksam glaubten, und Talmud hatte und auch seinen Sohn in der Bibel und im daß jene Versammlungen hierin recht viel geleistet hatten., Talmud unterrichten ließ. Aber die Bücher im Laden seines Aber die Strömung war einmal in diesen Weg geleitet, und. Vaters interessirten den jungen Kuranda bald mehr als der so war cs jedenfalls das Werk der Casseler Versammlung,! Talmud, dessen Studium ihm durch die barsche Behandlung den Gedanken der Synode in den Vordergrund gebracht zu seines Lehrers verleidet wurde. Er las viel und Vielerlei haben. Wir werden daher jetzt ins Auge fassen, wie und mit welchen.Erfolgen er zur Ausführung kam.') (Fortsetzung folgt.) Igna; Luran-a. bunt durcheinander ohne Leitung, ohne Wahl, und ohne regelrechte Studien gemacht zu haben, verfügte er, reichbegabt, wie er war, bald über ein bewunderungswürdiges Wissen. Sein Wissensdrang ließ ihn nicht allzulange in der Vaterstadt; erging als 23jähriger junger Mann nach Wien, wo er mit Lenau, Castelli, Grillparzer, Anastasius Grün Umgang pflog und auch selbst in die Saiten der Leier griff. Es ist gewiß eine höchst beachtenswerthe Erscheinung, Unermüdlich an seiner eigenen Ausbildung arbeitend, betrat daß eine Reihe hochbegabter jüdischer Männer, die schon vor er zugleich den Boden der Journalistik; er wurde Mitarbeiter der Gleichstellung sich in literarischer und politischer Be-; einer schöngeistigen Zeitschrift „Der Telegraf" für die er Reziehung hervorthatcn, und nachdem diese verfassungsmäßig censionen über Kunst, Skizzen aus dem Wiener Leben u. s. w. erfolgt war, in das parlamentarische Leben cintraten, lieferte. Um diese Zeit trat er auch als dramatischer Dichter sich zugleich durch Charakterfestigkeit und sittliche Reinheit mit einem Trauerspiel hervor, „Die letzte weiße Rose", zu auszeichncten, so daß sie hierdurch ihren Werth und ihre , dem der Stoff den Schiller'schen Bruchstücken „Warbeck" ent- Vcrdienste erst recht erhöhten. Da bewährt sich die Ueber-! lehnt war und das auf verschiedenen Bühnen Süddeutschzeugungstreue vom Beginn ihrer öffentlichen Laufbahn bis' lands, später auch in Wien begeisterte Aufnahme fand. Unter zum letzten Athemzuge; da ist kein Streberthum, keine Wenden damaligen Zeitverhältniffen war in Wien seines Bleibens düng und Veränderlichkeit aus eigennützigen Motiven; sie! nicht, er ging nach Deutschland und zwar nach Stuttgart sind alle dahingegangen ohne Aemter und Orden, und wenn! und Tübingen, wo er mit Männern, wie David Strauß, dem einige von ihnen in Frankreich und Holland zeitweise ein! Kirchenhistoriker Gfrörer, mit Uhland, mit Grafen Alexander Ministeramt bekleideten, so gaben sie dasselbe bei der ersten ^v. Würtemberg, mit dem Buchhändler Cotta in sehr nahe Veränderung der politischen Richtung und Zwecke im Regierungskreise sofort auf. Wir wollen nur die hervorragendsten nennen: Gabriel Rießer, Moritz Beit, Johann Jakoby, Kosch, Cr^mieux, Goudcheaux, Godefroy, Eduard LaSker. Zu diesen Männern nun gehörte auch Ignaz Kuranda, und in den Reden, die an seinem Sarge gehalten wurden, war es wiederum die sittliche Reinheit und Charakterfestigkeit, die er durch sein ganzes Leben bewährt hat, welche die Sprecher hervorzuheben und zu rühmen sich veranlaßt sahen. Es ist dies ein Zeugniß von dem sittlichen Elemente, das in dem jüdischen Stamme enthalten und lebenskräftig ist, welches alle unsre Hasser zu leugnen nicht im Stande sind. Scheiden auch wir daher von dem Grabhügel des Verewigten, von welchem wir ja auch noch besonders das warme und vielbethätigte Interesse an seiner Glaubensgenossenschaft zu rühmen haben, nicht ohne auch an dieser Stelle seinem Andenken einen größeren Platz gewidmet zu haben. Geben wir zuerst eine i) Tie an die Rabbinerverfammlung gestellten und den Commissionen übergebenen Anträge haben wir in Nr. 37 Jahrg. 1868 veröffentlicht. Beziehungen trat. Im Aufträge Cottas besuchte er 1838 Paris; hier gewann er jenen offenen Blick für den Zusammenhang der Weltereignisse, der ihn in so hohem Grade auszeichnete. Bald darauf ließ er sich in Brüssel nieder, wo viele Deutsche und der Hof Leopold's seinen Vorlesungen über deutsche Literatur mit Interesse folgten und ihm Gelegenheit boten, die Zeitschrift „Die Grenzboten" zu gründen; sie waren bestimmt die geistige Verbindung zwischen Belgien und Deutschland, zwischen dem romanischen und deutschen Volksgeiste zu vermitteln. Nur zu bald mußte Kuranda sich eine neue Heimath suchen, er zog nach Leipzig und gab dort seine „Grenzboten" heraus, als eine „Zeitschrift für Politik und Literatur", welche bald Männer aus den vornehmsten und höchsten Gesellschaftskreisen zu ihren Mitarbeitern zählte und als eine Macht galt. In den denkwürdigen Märztagen von 1848 kehrte Ku randa in sein Vaterland zurück, er wurde nach Frankfurt am Main und im Mai 1848 als Abgeordneter der Stadt Teplitz in die deutsche Nationalversammlung entsendet, wo