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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-15 · Heft 16 (15.4.1884) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 16 (15.4.1884)
Date
1884-04-15
Page
Seite 257 (sequence 13)
Language
German
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bracht, zu ungesäuerten Kuchen, denn er hatte nicht gesäuert, weil sie getrieben wurden aus Aegypten und sie nicht ver-! ziehen konnten, und auch Zehrung hatten sie sich nicht bereitet. Man kann daher, genau genommen, nicht sagen: „Das unsre Väter im Lande Aegypten gegessen," da sie es erst auf der Flucht aus Aegypten verzehrten. Jndeß wird in dem Gesetze über das Borbereitungsfest zum Auszuge, welches Israel am Abende vor dem Auszuge feiern sollte, vorgeschrieben (2 Mos. 12, 8), in dieser Nacht das Peßachlamm „und ungesäuertes Brod mit bitteren Kräutern zu essen." Es wurde also das Ungesäuerte in Aegypten wenigstens am Abend vor dem Auszuge gegessen. Dagegen kann auf dem Boden des Gesetzes wiederum das Ungesäuerte nicht „Brod des Elends" genannt werden. Im Heiligthume durfte niemals Sauerteig vorhanden sein und die Priester dursten im Heiligthume zu aller Zeit nur Ungesäuertes essen. Es war dies in der Symbolik des mosaischen Cultus begründet. Der Sauerteig war das Symbol der Gährung, der Verwesung, des Unreinen, des Todes, und mußte so dem Heiligthume fernbleiben. Das Ungesäuerte war die Nahrung des Priesters, wenn er als solcher fungirte. Nun war das Peßach das Weihefest des ganzen Volkes als Bekenner der Gotteslehre, als geweiht zur Erfüllung der höchsten sittlichen Zwecke derselben; das ganze Volk wurde als ein „Priestervolk" (2 Mos. 19, 6) angesehen, das als solches während des Peßachfestes fungirte und deshalb verbot ihm das Gesetz alles Gesäuerte während der Festtage. Diese Anschauung, die genau biblisch ist und schon bei älteren Exegeten klar erkannt; war, giebt allerdings eine viel tiefere Beziehung des Ungesäuerten zu Israel, als die Erinnerung an einen nebensächlichen Umstand bei dem Auszuge aus Aegypten, wenn auch; das Verzehren desselben ganz besonders befähigt war, die; Erinnerung an diesen Auszug im Volke wach zu erhalten, j Weiter heißt es: „Jeder Hungrige komme herein und speise mit; jeder Dürftige komme herein und feiere das Fest!" Das sind goldene Worte, auf die Pforte des Festes geschrieben. Die Festtafel ist bereitet, je nach den Verhältnissen des j Familienvaters; sie ist versehen mit Allem, was zum Begehen; des Festes, zur Befriedigung des religiösen und des materiel-; len Bedürfnisses nothwendig ist; alle Glieder des Hauses sind um den Tisch versammelt. Da ist der erste Gedanke, der zum Ausdruck kommt: draußen giebt es Hungrige, denen das Nothwendige fehlt, draußen giebt es Fremdlinge, welche keine Stätte haben, das Fest zu feiern. Oessnet die Thüren, rufet sie herein, und welchen Standes, welcher Beschaffenheit sie seien, sie sind geladen, mit uns ihren Hunger zu stillen und die Festesfreude zu genießen. Daß dies bei Israel nicht bloße Phrasen, nicht blos salbungsreiche Worte waren, ist allbekannt. Es war immer und überall geheiligte Sitte, nicht blos die in der Gemeinde vorhandenen Dürftigen mit ungesäuertem Brode, mit Fleisch und dem zur Festfreude nöthigem Weine zu versehen, sondern auch die herangewanderten Fremden an seinen Tisch einzuladen, und darin bestand kein Unterschied zwischen den bemittelten und unbemittelten Familien: Jeder gab von dem was er hatte. In dem Augenblicke also, wo man die angeführten Worte sprach, waren sie bereits erfüllt. Aber sie wurden hier zum Beginne des Festes und der religiösen Ceremonie als höchste Grundsätze des religiösen, sittlichen und nattonalen Lebens ausgesprochen, auf die Lippen des Volkes gelegt, dessen Herz dem längst entsprach, und die Pflicht der Barmherzigkeit und der Gleichachtung Aller als eine unbedingte und zum Heile des Hauses zu erfüllende nicht blos bettachtet, sondern als natürlich fühlte. Die folgenden Sätze erregen bei den neueren Juden wohl einiges Bedenken. Sie lauten: „Gegenwärtig hier, im folgenden Jahre im Lande Israel; gegenwättig geknechtet, im folgenden Jahre freie Männer!" Die Einen werden einwenden, daß sie gar kein Verlangen fühlen, nach Palästina aus-; zuwandern; die Anderen werden denken, daß sie durch die! bürgerliche Gleichstellung freie Männer geworden. Und wir überlassen gern den Anschauungen jedes Einzelnen ihr Recht. Hier aber handelt es sich um einen Ausspruch dessen, was in langen Jahrhunderten die ganze Volksseele erfüllte und bewegte. Und da eröffnet sich uns ein ganz anderer Gesichtspunkt, nämlich die unverwüstliche Hoffnungsbefähigung in dem Geiste dieses Volkes. All' die unseligen Leiden, all' die bei keinem anderen Stamme vorgekommene Zerstreuung und Zersplitterung hielten das Herz dieses Volkes nicht ab, die Hoffnung auf einstige Freiheit, aus einstige Wiederherstellung festzuhalten und zu nähren. Es bekundet sich hierin eine Elasticität, eine Lebensttaft des Bolksgeistes von außerordentlichem Werthe. Wer hofft, wer zuversichtlich hofft, der giebt sich nicht auf, der verzweifelt nicht, der hält fest an dem Idealen, an dem geschichtlichen Zwecke und der Mission, an dem Gedanken der Gerechttgkeit in der göttlichen Weltordnung, der verliert nicht seine Widerstandsttaft, seine Entschiedenheit, den Kampf des Leben zu bestehen, so gewaltig auch die Macht der Elemente ist, die sich zu seiner Vernichtung auf ihn stürzen. Man mag also die angeführten Worte mehr oder weniger für seine eigenen Neigungen und für die Verhältnisse der Gegenwart angemessen finden — immer aber wird man zugestehen müssen, daß in ihnen die ganze Lebenskraft des jüdischen Stammes, die ganze unverwelkliche Frische seines Geistes sich wiederspiegeln. Ach,^Millionen unserer Glaubensgenossen sind noch heute in der Lage, diese Sätze aus vollem bewegten Herzen auszusprechen, aus der Hagada aller dieser Millionen, ist dieser BerS noch nicht auszustreichen; für alle Zeiten aber bleibt er ein hoch bedeuten-! des Zeugniß für die geistige Kraft, welche diesem Stamme einwohnte, wie er niemals, auch im tiefsten Elend, nicht an

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