Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1884)
- Date
- 1884-04-15
- Page
- Seite 256 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227518--41656-3310145- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Süd-Afrika. Port Elisabeth, im März. In einer Corresp. der „Köln. Z." liest man: Port Elizabeth muß, nach der Zahl seiner Kirchen zu rechnen, sehr fromme Bürger besitzen, denn ich zählte über 15 Kirchen der verschiedenen christlichen Secten, die sich hier gegenseitig mit derselben christlichen Liebe betrachten wie zu Hause, dann zwei Moscheen und eine Synagoge. Zur Erklärung der letzteren will ich hier bemerken, daß nicht nur in Port Elizabeth, sondern in ganz Süd-Afrika bis tief ins Innere hinein ein oft überwiegend große Theil all der Tausende dort lebender Deutschen aus Juden besteht. Ich kann mir diese Masseneinwanderung deutscher und polnischer Jude», von welch letzteren heute noch mit jedem Dampfer eine Anzahl ins Land kommt, am leichtesten dadurch erklären, daß der Handel im Innern größtentheils ein Hausir- und Tauschgeschäft war und ist, bei welchem mit wenig Capital und viel Intelligenz verhältnißmäßig große Summen verdient werden können; auch hat wohl der Diamantenhandel viele Juden nach dem Cap gezogen. Bonn, 6. April. (Notizen.) Aus Pest wird geschrieben: Im hiesigen israel. Cultustempel ging vorigen Samstag eine seltene Feier vor sich, selten durch den Umstand, daß es ein taubstummer Knabe war, der dort Bar Mizwa wurde. Derselbe las die Haphthora und sprach die einzelnen Worte so laut und verständlich aus, daß die Anwesenden in Staunen versetzt waren. — Das „Wiesb. Tgbl." schreibt: Se. Majestät der Kaiser und König haben allergnädigst geruht, dem Herrn Bezirksrabbiner vr. S. Süskind hier in Anerkennung seiner 40jährigcn segensreichen Wirksamkeit in hiesiger Gemeinde den rothen Adlerorden 4. Classe zu verleihen. Derselbe wurde dem Herrn Rabbiner, welcher vom 1. April ab in den Ruhestand getreten ist, und seinen Wohnsitz in Frankfurt a.M. genommen hat, gestern im Aufträge der Königl. Regierung dahier durch den Königl. Polizeipräsidenten Herrn v. Hergenhahn in Frankfurt a. M. überreicht. Die hiesige Cultusgemeinde war durch eine Deputation des Gemeindevorstandes, bestehend aus den Herren Benedict Straus und Albert Reifenberg, bei der Ueberreichung vertreten. — Wir machen die vielen Freunde und Schüler des Landrabbinen und Profesiors Heidenheim in Sondershausen darauf aufmerksam, daß derselbe am 16. Juni cr. seinen 70. Geburtstag und sein oOjähriges Dienstjubiläum feiert. — Pest, im April. (Literarische Notizen.) Das März- Heft der Magyar-Zoido Szemle — Ungarisch-Jüdische Revue, herausg. von W. Bacher und I. Bünöczi enthält an wichtigeren Beiträgen folgende Artikel: M. Güdemann, Die Juden Italiens im 13. Jahrhundert (aus des Verfassers unter der Presse befindlichem Werke, Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der italienischen Juden im Mittelalter); I. Goldziher, die biblische Wissenschaft und das moderne religiöse Leben (Schluß); E. Neumann, Das jüdische Dogma; L. Paloczy, Der Zustand der Bildung in Ungarn, mit besonderer Rücksicht auf die Juden (dritter Attikel); H. Bloch! bespricht das neueste Werk von Gregorovius über Kaiser Had-!rian; Abr. Jbn Esra's Klagelied um seinen abgefallenen j Sohn Isaak metrisch übers, von B. Bajda. — Unter den! mitgetheilten Documenten ist besonders interessant ein Statthaltereierlaß aus dem Jahre 1800, in welchem der damals noch zum Altofener Rabbinate gehörigen Pester isr. Gemeinde kundgegeben wird, Se. Majestät — Kaiser Franz — habe ihr Gesuch, einen besondern Rabbiner anstellen zu dürfen,! abschlägig beschieden. Keuilleton. Aus -er peßachHagada. Der Peßachabend mit seiner ganzen festlichen Ceremonie gehört zu den liebsten Erinnerungen aus der Kindes- und Knabenzeit und noch das Alter, wenn es Söhne, Töchter und Enkel zur Festesfeier um seinen Tisch versammelt sieht, fühlt sich wundersam gehoben und blickt auf die lange Reihe von Jahren zurück, in welcher ihm so viel gegeben, so viel genommen und so viel erhalten worden! Gerade das Alterthümliche muthet uns eigenthümlich an, denn es weist zurück auf die vielen Jahrhunderte, in welchen diese Ceremonie in solcher Weise vollzogen ward, auf die vielen Generationen, die darüber hinweggegangen, und wie dieselbe vom Ufer des einen Oceans bis zur Küste des anderen Weltmeeres getragen worden. Da nun eben der Seder wieder gehalten worden, mögen wir einmal einige Blicke auf die eigenthümliche Liturgie desselben werfen. Beschäfttgen wir uns zuerst mit den Anfangssätzen. Man beginnt mit den Worten: „Dies ist das Brod des Elends, welches aßen unsre Väter im Lande Aegypten!" Es ist eigenthümlich, mit welcher Freiheit hier das geschichtliche Moment behandelt worden. „Das Brod des Elends" ('.'7 an^) ist ein biblischer Ausdruck (5 Mos. 16, 3), und gerade da heißt cs: Sieben Tage sollst Du Ungesäuettes essen, Brod des Elends, denn in Eilfertigkeit bist du aus dem Lande Aegypten gezogen ff." Und dies bezieht sich auf die Erzählung 2 Mos. 12, 33 ff.: „Da drängte Aegypten auf das Volk, sie eilends zu entsenden aus dem Lande; und das Volk ttug seinen Teig davon, bevor er gesäuert, ihre Backschüffeln in ihre Gewänder gebunden auf ihren Schultern." Und V. 59: „Und sie buken den Teig, den sie aus Aegypten ge-