Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1884)
- Date
- 1884-04-15
- Page
- Seite 255 (sequence 11)
- Language
- German
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255 den heftigen Angriffen der Antisemiten nnd der Hofprediger; ausgesetzt sind, sucht die türkische Regierung im Gegentheil! unsre Race so viel wie möglich zu heben, indem sie ver-! fchiedenen ihrer Mitglieder hohe Gunstbezeugungen zukommen läßt. So hat S. M. der Sultan in vergangener Woche unseren Glaubensgenossen Elias Bey, künftig Elias Pascha, den Arzt des Kaiserlichen Palastes und einen der besten praktischen Aerzte der Hauptstadt, zum Pascha Liva und Brigadegeneral erhoben. Elias Pascha ist der erste Israelit, der diesen hohen Grad in der ottomanischen Armee erlangt hat. — In dem Civilstande haben wir Daoud Effendi (Molha), den Kanzler des Divan, der zum doppelten Sula Sani und Ervel erhoben, er ist soeben mit dem Medjdie decorirt worden. Außerdem haben wir noch Behvr Effendi Laquiarda, Souspräfekt der Stadt. — Jehazquel Effendi, der Professor des Letzteren, ist zum Rath am Appelationshofe ernannt worden; er ist ein juristischer Gelehrter, der einen Lehrstuhl an der Rechtsschule bekleidete. Unter seinen Schülern ist unstreitbar Behor Effendi Laquierda derjenige, dem es am besten geglückt ist. Gabriel Uziel, Professor der arabischen Sprache im Lyceum von Galata Sevay. Amerika. NcwHork, im März. Die kleinen Ackerbaucolonien, welche in Amerika von den aus Rußland vertriebenen Juden gegründet worden, befinden sich, den dem C. C. der Alliance zugekommenen Berichten zufolge, in höchst gedeihlichem'Zustande. Die bisher erzielten Ergebnisse haben die Gesellschaft in New- Äjork ermuthigt, in Dakotah eine neue Colvnie zu gründen, welche den Namen „Montefiore" tragen soll. Neben der Colvnie „Alliance", welche in Beavy Dam (New-Jersey) gelegen ist, wurde eine kleine Colonie, genannt „Carmel", gegründet, deren Mitglieder ihren Lebensunterhalt theils durch Ackerbau, theils durch Beschäftigung in einer Cigarrenfabrik verdienen. Die Colonie „Alliance" wird von 67 Familien, die etwa 500 Seelen zählen, bevölkert. Jede Familie bewohnt ein nettes Häuschen und Contracte sind unterzeichnet worden, welche den Colonisten den schließlichen Besitz ihrer Farmen verbürgen. — „The Oecident“ vom 14. März enthält folgenden Bericht: Ungefähr 22 (engl.) Meilen südwestlich von Mitchell, Dakotah, liegt die Cremieux-Colonie, gegründet im August 1882 durch die Bemühungen des Herrn Heilprin und einiger Genossen. Die Colonisten sind jetzt 70 an der Zahl; einige haben schon Ackergüter in Betrieb genommen. Herr Rosenthal hat eine Farm von beinahe 1000 Acres mit guten Wirthschaftsgebäuden, und wohnt in einem Hause von 8 Zimmern. Bernhard Flight hat eine Farm von fast 500 Acres. Einer der Colonisten, F. S. Mashbir, war als Eisenbahnarbeiter angestellt, ist aber jetzt Professor der deutschen Sprache an der Hochschule zu Mitchell. Ein Correspondent der „8t. Paul Pioneer Press“, der jüngst diese Colonie besuchte, welche sich durch sich selbst erhält, schreibt, daß eine empfehlensirerthe Eigenschaft ihre geduldige Ausdauer sei. Sie sind in ein fremdes Land gekommen, wo sie unbekannt mit den Sitten und der Sprache des Volkes waren. Sie arbeiten hart, sind praktisch und sehen die Dinge von der richtigen Seite an. Sie sind sparsam, und kein Dollar wird vergeudet, kein Cent für Getränke ausgegeben; sehr wenige machen Schulden, und dann nur in Fällen dringender Noth. Einige Colonisten legen schon größere Summen zurück, aber eine Anzahl ist trotz harter Arbeit noch nicht im Stande so viel zu sammeln, um die nöthigsten Ochsengespanne zu kaufen. Ihre Zahl wird nächsten Sommer bedeutend wachsen durch Verwandte und Freunde, die von Rußland kommen wollen. Die Colonisten haben eine Privatschule in der Wohnung des Herrn Rosenthal, geleitet von Fräulein Burns, einer unterrichteten Dame. Sie wird durch Subscription bezahlt, und die Schule wird gut besucht von den russischen Kindern, welche alle das Englische fließend sprechen lernen. Sie lieben im allgemeinen die Musik, das Lesen und die Geselligkeit. Selbst die Geringsten haben eine gute Erziehung, und der Ungebildetste Kenntniß der Musik. An den langen Winterabenden und an Tagen, wenn es zu kalt zum arbeiten ist, versammeln sie sich und verbringen die Zeit mit Musik und Tanz und gemeinsamer Berathung von Gegenständen des praktischen Lebens. Gesellschaften werden oft veranstaltet, zu welchen ihre amerikanischen Nachbaren immer willkommen sind. Es giebt viele tausend jüdischer Familien in Rußland, welche Ackerbauer sind, und sie sagen, es würde bald die Zeit kommen, wo sie alle nach den Bereinigten Staaten verpflanzt werden, da sie so viel von der russischen Tyrannei zu leiden hätten. In Rußland sind die Ackergüter klein, und die Steuern sind so drückend, daß der Bauer, nach Bezahlung der Abgaben, nur noch von der dürftigsten Nahrung leben kann und alles dessen beraubt ist, was das Leben lebenswerth macht. Es ist die Absicht dieser russischen Juden, von welchen viele keine Kenntniß der Landwirthschaft haben, Ackerbauer zu werden. Die jüngeren Leute im militärpflichtigen Alter finden es oft schwer fortzukommen, da alle Auswege von der starken Polizeimacht bewacht werden. Sie werden zu Hunderten zu kommen fortfahren. Sie sagen, daß das Volk in Rußland mit Liebe nach den Vereinigten Staaten blicke; diese sind ihre Hoffnung. Es ist ihre stärkste Sehnsucht, in dies Land der Freiheit zu gehen, welches ihnen meist wie ein Feenland erscheint. — Es giebt jetzt eine große Zahl von russisch-jüdischen Ackerbaucolonien in den Bereinigten Staaten, aber sie sind alle noch neu. Die zahlreichste ist die von New-Odeffa. 16*