Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1884)
- Date
- 1884-04-15
- Page
- Seite 251 (sequence 7)
- Language
- German
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251 „Vom Griechen und Römer haben wir Alles"gelernt, was von ihnen zu lernen war. Um aber die allen Herren nicht gänzlich umkommen zu lassen, genießen sie als Sprachlehrer ihr Gnadenbrod an unseren klassischen Gymnasien. Der Jude ist auch ganz gern bereit unser Sprachlehrer fürs Chaldäi''che und Hebräische zu sein, will sich aber auf keinen Fall in den Ruhestand versetzen lassen, nimmt auch kein Gnadenbrod, sondern zieht es vor, sich auf eigene Faust, nach wie vor, durch die Welt zu schlagen. Es scheint also, daß das auserwählte Volk seine Mission als freipraktizirender Religions- und Sittenlehrer noch nicht ganz erfüllt hat." Um es kurz zu sagen: der Vers, sieht die Mission der Juden darin, den Christen „außer der theoretischen noch eine beständige praktische Ermahnung, sittlich zu leben, dringend zu geben." Und dafür diene zum Beweise „die unumstößliche Thatsache, daß Laster trotz christlicher Religion nach wie vor üppig wuchern." Als ersten Beweis giebt er die Heuchelei mit der Nächstenliebe an. Er bemerkt, geben wir nicht Summen für Missionsangelegenheiten in Afrika re. aus, während unsere im wahren Sinn des Wortes, Nächsten physisch und moralisch verhungern? Christen verhungern zwischen Christen, während Negern Nächstenliebe für schweres Geld gepredigt wird! Sind j wir nun nicht Heuchler?" „Der Jude ist ein praktischer Mann. Er geht auch in alle Welt und predigt, nicht durch Worte, sondern durch die That, die rührend einfache, höchst nachahmungswürdige Lehre: „Juden verhungern zwischen Juden nie." Ist der Jude also, fragen wir, nicht unser Lehrer?" Alsdann blickt er auf die Beerdigungen, wo „häufig Summen ausgegeben werden, die Lebenden Jahre lange Existenz sichern könnten." Während der Jude, „ob ihm der Todte bei Lebzeiten theuer oder nicht theuer war, ihn gleichmäßig in einen einfachen schwarzen Kasten legt und nach dem Friedhof bringt." Das größte Laster bei den Christen findet der Verf. in der Verschwendung des Menschenlebens durch! die Kriege, „als ob wir mit dem uns geschenkten Leben die! Verpflichtung übernommen hätten, die Mutter Erde mit gesunden lebensdurstigen Leibern zu düngen." Er sagt: „Der! Jude ist nie Ritter gewesen, er hat aber auch nie Religions» 1 kriege geführt, ja es liegt ihm sogar nichts daran, andere zu seinem Glauben zu bekehren. Er ist nicht bis zu seinem 25. Jahre Idealist, um nachher krasier Materialist zu werden. Auch ist der Jude nicht naturwidrig flott und behauptet nie, daß das Leben der Güter Höchstes nicht sei. Er schätzt sein und anderer Leben aus einfachem Selbsterhaltungstriebe und — weil seine Religion ihm das vorschreibt." — So geht der Berf. noch eine Reihe von Mißständen durch, die sich bei den Juden in viel geringerem Maße fänden, blickt auf das eheliche Leben, auf die tolle Verschwendungssucht, namentlich auch die Trunksucht, die Zahllose ins Verderben stürzt, und wo der Jude theils passiv, theils aktiv als Lehrer des Besseren dient oder dienen könnte! > >vu*/C Deutschland. Berlin, 3. April. (Privatmitth.) Die gestrige Sitzung des Abgeordnetenhauses brachte eine Verhandlung, die auch einiges Interesse für uns bietet. Stöcker, mit Unterstützung einiger Conservativen, hatte den Antrag eingebracht, die Staatsregierung zu ersuchen, auf Abstellung des in den größeren Gemeinden bestehenden kirchlichen Nothstandes hinznwirken und hierzu Staatsmittel zu bewilligen. Er hatte dabei insonders im Sinne, die Zahl der Kirchen in den großen Städten zu vermehren, ebenso die Zahl der Geistlichen und diese besser zu dotiren. Stöcker schilderte in der Begründung seines Antrags die „wahrhaft erschreckenden religiösen Verhältnisse" in den größeren Städten. In Berlin z. B. kommen 20 Kirchen und 27 Geistliche auf 800,000 Seelen (in den Vorstädten). Nach Erlaß des Civilstandsgesetzes sei in den Großstädten ein Zustand eingetreten, „den man geradezu als einen Bankerott des kirchlichen Lebens bezeichnen müsse, und zwar nicht blos bei der evangelischen, sondern auch bei der katholischen Kirche." Der Cultusminister v. Goßler antwortete in sehr wohlwollender Weise und wies darauf hin, daß nach der Lage der Gesetzgebung der Staat nur beiläufig beispringen könne. Dagegen übernahm es vr. Reichensperger (Köln), Herrn Stöcker in ironischer Weise zu antworten. Er wies darauf hin, wie jüngst das Centrum bei dem Anträge das Sperrgesetz in Posen aufzuheben von der conservativen Partei verlassen worden sei. Er citirt das Beispiel der schottischen Presbyterianer, die in wenigen Jahren aus eigenen Mitteln eine große Anzahl von Kirchen erbaut haben. Er fährt fort: „Herr Stöcker hätte also wohlgethan, wenn er neben seinen vielen politischen Versammlungen auch einmal eine kirchliche Versammlung in der Weise hier zusammenberufen hätte, daß er die Macht seiner Beredtsamkeit anwenj dete, um die vielen reichen Leute in Berlin zu bewegen, für! kirchliche Zwecke in die Tasche zu greifen. (Zuruf.) Man I rust mir nun eben zu, diese reichen Leute seien alle Juden