Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1884)
- Date
- 1884-04-15
- Page
- Seite 250 (sequence 6)
- Language
- German
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250 schnelle Verbreitung der Juden in Ostfibirien unter den' schwierigsten klimatischen Einflüssen zu berichten gehabt. Aus' den innersten Landschaften Mexikos erfahren wir, daß sich jüdische Familien daselbst niedergelassen, Ehen schließen, die Knaben der religiösen Ceremonie unterziehen und blühende Enkel die Großeltern umgeben. Diese Eigenthümlichkeit kann nicht erworben werden; sie muß in einer naturgesetzlichen Beschaffenheit begründet sein, welche jedoch die physiologische Wissenschaft bis jetzt nur als Thatsache entgegenzunehmen hatte, ohne sie erklären und ihre Bedingungen feststellen zu können. Diese Eigenschaft muß in einer physischen Qualität begründet sein, welche von der Erhaltung der Abstammung bedingt wird, und die deshalb ein physikalisches Zeugniß gegen die jüngst von Renan mit mehr gutem Willen als gründlichem Erweise vorgetragene Ansicht abgiebt, als ob die gegenwärtigen Juden gar nicht mehr vom alten jüdischen Stamme herrührten. Wie dem aber auch sei: es ist dies sicherlich ein providentielles Produkt, durch das allein eine gewisse Mission der Juden, unter allen Völkern zu wohnen und sich der Verfolgung in einem Lande durch die Flucht in ein anderes zu entziehen, bethätigt ist. — Der Verfasser ergeht sich nunmehr in statistischen Nachweisen. Wenn bei den Juden eine Geburt auf 28 Einwohner und bei den Nichtjuden schon auf 25 kommt, so fällt erst auf 46 Juden ein Todesfall, während bei den europäischen Völkern auf 34. Da die Mehrzahl der Juden, wie der Berf. sagt, in prekärer Lage, der Armuth benachbart, lebt, so kann diese geringere Sterblichkeit nur aus „ihrer außergewöhnlichen Mäßigkeit, ihrer regelmäßigen und geordneten Lebensweise" erklärt werden. Dieselbe Seelenzahl, an einem und demselben Tage geboren, zeigt, daß bei den Christen 1ji in 6 Jahren II Monaten verschwindet, bei den Juden erst in 28 Jahren 3 Monaten; die Hälfte der Christen erreicht das Alter von 36 Jahren 6 Monaten, der Juden das von 53 Jahren 1 Monat; 3/4 dieser Christen werden in 59 Jahren 10 Monaten verstorben sein, der Juden in 71 Jahren. Aehnliche Ergebnisse hat die Statistik hinsichtlich der Epidemien gefunden, z. B. auch betreffs der Tuberkulose, welcher 5 Juden gegen 7 Christen unterliegen. Die Hautkrankheiten, die intermittirenden Fieber, die Dyssenterien, der Krup, die Diphteritis, die skrophulösen und rachitischen Kachexien treffen die Juden in viel geringeren Maßen als die anderen Racen. Dagegen find sie den Affektionen des Herzens und des Gehirns merklich mehr ausgesetzt, was „von einer größeren Entwickelung ihrer Gehirnmasse, von einem bewegteren und unruhigeren Leben herrührt, wie endlich daß sie gewöhnlich die oberen Etagen der Häuser bewohnen. Die Wochenbettkrankheiten find bei den jüdischen Frauen selten, die auch selten in die Gebärhäuser gehen, wo in der Regel die Bauchfellentzündung herrscht." Aus allem diesem zieht der Berf. folgenden Schluß: „Hieraus geht hervor, daß die jüdische Race eine der widerstandsfähigsten, wenn nicht die lebensvollste ist, welche auf der Erde existirt, trotz ihrer meistens elenden Verhältnisse, trotz der Häufigkeit ihrer Verbindungen unter Blutsverwandten und ihres Wohnens in den Städten. Diese Widerstandskraft, diese Immunitäten erklären uns allein, wie die Juden den schmählichen Hetzen und den grausamen Verfolgungen während der Jahrhunderte, deren Gegenstand sie waren, widerstehen konnten." „Besteht hier eine eigene, höhere, der Race erbliche Lebenskraft, die sich durch die Jahrhunderte hindurch, unter allen Climaten unverändert erhalten hat, oder muß man als Ursache dieser Vorzüge eine genaue Befolgung der Gesundheitsvorschriften der fünf Bücher Mosis, obgleich sie nur für das Klima Aegyptens und Judäas anwendbar waren, zugeben, oder auch die glücklichen Wirkungen des Geistes der Ordnung und Regelmäßigkeit in den Gewohnheiten, der Sittenstrenge, des Familienlebens? Wie dem auch sei, die jüdische Race ist eine der schönsten, der stärksten, der begabtesten; sie hat in ihren 5 bis 6 000 000 über die Erdkugel zerstreuten Vertretern die größten Berühmtheiten in der Wissenschaft, der Kunst, der Literatur, der Philosophie, dem Handel geliefert und diese Leistungen sind derartig, daß der Glanz keiner anderen sie jemals übertroffen hat." „Die jüdische Race, durch ihre Natur wie durch ihre Eigenschaften steht für uns an der Spitze der weißen Racen, sowohl physisch wie moralisch, wir stehen nicht an, es zu sagen und wir fühlen uns glücklich, diesen Mitgliedern der großen Menschenfamilie, denen wir unsre Bruderhand reichen, den gerechten Tribut der Wahrheit, auf den sie das Anrecht haben, zu zollen."-Wir schließen hieran die Notiz von einer soeben in Petersburg (W. Erickson, 1884) erschienen Broschüre: „Beiträge zur Studenten-, Frauen- und Judenfrage. Plaudereien von Franz Böncken." Wir würden vielleicht dieses Schriftchens kaum Erwähnung thun, wenn nicht judenfreundliche Stimmen aus Rußland, hier von einem christlichen Deutschen aus den Ostseeprovinzen, so überaus selten wären. Die Schrift ist satyrisch und kaustisch gefärbt, birgt aber unter der Maske der Ironie einen tiefgefühlten Ernst. Was der Verf. über die „Studenten- und Frauenftage" sagt, übergehen wir an dieser Stelle. Seite 26 beginnt er, sich mit den Juden zu beschäftigen unter der Überschrift: „Eine Mission der Juden, eine Wilnaer Studie." Er fängt seinen Aufsatz mit folgenden Sätzen an, die seine Art charakterifiren: „Bekanntlich hat die jetzt lebende europäisch-civilisirte Menschheit aus der alten Geschichte drei Lehrer gehabt: einen Religions- und Sittenlehrer — den Juden; einen für allgemeine Wissenschaften und Künste — den Griechen, und einen speciell für Staatswissenschasten und Jurisprudenz — den Römer."