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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-08 · Heft 15 (8.4.1884) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 15 (8.4.1884)
Date
1884-04-08
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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239 risch über die gegen die Juden erhobene Blutanklage sagen! läßt, zusammengestellt, in energischer Weise besprochen und' mit polnischen und lateinischen Aktenstücken versehen worden. Im Jahre 1841 besorgte Dr. L. Löwe in London eilte | englische Uebersetzung. So noth es auch gethan hätte, die-! ses treffliche Werk ins Russische zu übertragen, so ist doch! dies erst jetzt durch Herrn I. Sorkin geschehen und die Uebertragung in schöner Ausstattung in Petersburg erschienen. Sie ist mit einer trefflich geschriebenen Einleitung in hebräischer Sprache versehen. Wir wünschten, daß diese russische Uebersetzung eine allgemeine Verbreitung in Rußland fände und eine Gratisvertheilung durch alle Provinzen besorgt würde. Handelt es sich doch hier darum, eines der trübseligsten Erzeugnisse des Aberglaubens, des Fanatismus und der Verfolgungssucht aus den Geistern aller derer zu verdrängen, welche der Belehrung und der wahrheitsgetreuen Ueberzeugung zugänglich sind?) „Der Neustettiner Synagogenbrand-Prozeß vor den Geschworenen zu Köslin und Könitz. Stuttgart, Levy und Müller 1884." Die sehr regsame Buchhandlung hat in dem Heftchen ein treues und authentisches Bild dieses vielbesprochenen Prozesies geliefert. I) Es thut uns leid, bemerken zu müssen, daß in dem Prachtexemplar, welches uns durch die Güte des Herrn Sorkin zugekommen, in der hebräischen Einleitung die Seiten XVI— XXIV fehlen, dagegen die Seiten XXV—XXVIII dreimal eingebunden sind. Aeurrleton. Die Juden von Medina.') i. Ueber die ersten Einwanderungen der Juden in das Hedjaz, die Nordwestküste der arabischen Halbinsel, läßt sich geschichtlich Sicheres nicht sagen, da die mohamedanischen Schriftsteller die Lücken der Geschichte durch selbsterfundene Fabeln und Legenden auszufüllen gewohnt find. Aus der Mischna (Sabbath 6, 6) läßt sich der Schluß ziehen, daß im zweiten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung die arabischen Juden schon zahlreich waren, wie es sich auch voraussetzen läßt, daß nach der Zerstörung des zweiten Tempels viele flüchtige Juden ihren Weg nach dem Süden nahmen, nach Arabien so gut wie nach Egypten. Diese Einwanderung hat zahlreiche Legenden hervorgerufen, so die folgende: „Als Moses und Aaron die große Wallfahrt nach Mekka machten, der schon durch Abraham für heilig erklärten Stadt, blieb aus ihrem Gefolge eine große Anzahl Israeliten in Medina, das sich auf ihrem Wege befand. Moses und Aron setzten ihren Weg fort, aber bei ihrer Rückkehr starb Aaron auf dem Berge Ohod, nahe bei Medina." Aus dieser confusen Legende geht nichts als eine Erinnerung an den Zug der Israeliten durch die Wüste hervor, höchstens noch an die Niederlafluug der drittehalb Stämme im cisjordanischen Lande und an den Tod Aarons. Die Anwesenheit der Juden in Medina ist von sehr großer Wichtigkeit, denn es ist einsichtlich, daß Mohamed sich nur nach dieser Stadt begab, weil sich hier Juden befanden, bei denen er sich zu unterrichten hoffte und weil er fand, daß die arabischen Bewohner von Medina durch ihre Jahrhundert alte Berührung mit den Juden vorbereiteter waren, die neuen Ideen des Islam aufzunehmen. Die Bewohner von Mekka waren nur schlechte Heiden, die ihn verfolgten und es auf sein Leben abgesehen 1) Aus der Revue des Etudes juives Nr. 15 von Hartwig Hirschfeld. S. Literar. Wochenbericht. hatten. Seine Blicke richteten sich unwillkürlich auf Medina und die Bewohner dieser Stadt, Juden wie Araber, wandten sich ihm zu. Man könnte deshalb sagen: ohne Hegira (Flucht Mohameds nach Medina) kein Islam; ohne Juden in Medina keine Hegira. Wie dem aber auch sei, wir finden einige Jahrhunderte vor Mohamed Medina in den Händen der Juden. Sie waren die Eigenthümer des Bodens und der Palmpflanzungen und übten eine Art Souveränetät über ihre arabischen Mitbürger aus.') Aus einer großen Anzahl Gedichte, welche aus dieser und der späteren Zeit herrühren, geht hervor, daß sie in ihren Sitten und Gebräuchen vollständig den Arabern glichen. Nach der Gewohnheit des Landes theilten sie sich in zahlreiche Tribuffe, welche sämmtlich ihren Eigennamen das Wort Banu (Söhne) voranstellten. Wir kennen die Namen mehrerer von ihnen. Alle diese Juden eigneten sich die Ländereien von Medina und der Umgegend an und waren so gut wie Herren des Landes. Sie besaßen befestigte Schlösser, die sie in den Stand setzten, sich gegen jeden Angriff zu vertheidigen und ihren Besitzstand sich zu sichern. Selbst einige arabische Tribus hatten sich unter den Schutz der jüdischen Tribus gestellt und waren thcilweise zum Judenthume übergetreten. Dies war die Stellung der Juden in Medina, als gegen das Jahr 300 der gew. Ztr. zwei arabische Tribus, die an der großen Wanderung der Völkerstämme von Deinen nach Syrien theilgenommen, durch den Hedjas ziehend, sich in Medina niederließen. Sic thaten dies inmitten der Juden, errichteten wie diese feste Schlösser und contrahirten mit ihnen eine Allianz. Aber als die Juden bemerkten, daß die Zahl und die Macht ihrer neuen Nachbarn von Tag zu Tag wuchs, suchten sie nach einer Gelegenheit, die Allianz zu brechen und die Araber zu unterwerfen. Damals stand ein Mann auf, Namens Al- 1) Die Belege für die in unserer Skizze besprochenen geschichtlichen und literarischen Erscheinungen befinden sich in der citirten Revue. 15*

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