Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1884)
- Date
- 1884-04-08
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Die Freigesprochenen hatten sich untcrdeß zerstreut, und so erhielten von unsrer Sammlung Weißstein 56 fl., Schwarz! 30 fl., Junger 45 fl., Taub 30 fl., Braun 46 fl.. Lustig; 25 fl., Roth 3 fl. Der kleine Rest erhielt noch nachträglich! einer derselben. Die Anderen waren nicht mehr erreichbar.! Die eigenhändigen Quittungen liegen bei uns vor. — Da! erhalten wir nun von dem unglücklichen Buksbaum aus! Neu-Sandez in Galizien, unterzeichnet vom dortigen Ober-\ rabbiner Halberstamm, eine Zuschrift in hebräischer Sprache, die in wortgetreuer Uebersetzung also lautet: gehenden Beiträge an mich oder an den hiesigen Rabbiner zu senden. Meine Adresie: Abraham Buksbaum, Neusandez in Galizien. Adresie des Rabbiners: Ober-Rabbiner Halberstamm. Wir haben diesem nichts weiter hinzuzufügen, als daß wir alle Gaben für den unglücklichen Mann gern entgegennehmen, davon in diesem Bl. Kenntniß geben und sie direkt an die Adresie senden werden. P. P. Sie wissen, wie viel Leid und Schmerz ich und meine j Genossen wegen der Tißa-Eßlarer Affaire zu ertragen hatten,! wie wir 15 Monate im Kerker geschmachtet u. s. w. Nach-, dem wir dann freigesprochen waren, begab ich mich in das | Haus meines Schwiegervaters nach Tanzal(?), wo meine Familie weilte, mußte aber von dort fliehen, weil Nachts die räuberischen Banden in unser Haus einbrachcn. Alles! demolirten u. s. w. So nahm ich denn Zuflucht hierher j nach Sandez in Galizien, wo meine bejahrten Eltern wohnen, und will Ungarn verlassen. Allein, wo das Geld dazu hernehmen? Meine Frau hat während meiner Gefangenschaft den letzten Pfennig aufgebraucht und war sogar zum Kaiser gereist, um dessen Rechtsschutz anzuflehen. Allerdings habe ich durch die Landes-Kanzlei 250 Gulden erhalten; indeß ging das vollauf hin durch die Kosten des Umzuges hierher, Lebensbcdarf u. s. w. und hätte mir nicht Sir Moses Montefiore 117 Gld. geschickt, so wäre ich und meine Familie längst Hungers gestorben. Nun hatten wir die Hoffnung, daß die Landes-Kanzelei irgend wie für uns Sorge tragen werde, damit wir einen Handel oder was sonst unternehmen könnten, was sie uns versprochen hatte; sie hat jedoch nicht das Geringste gethan, und da andere Länder für uns Sammlungen veranstalten wollten, machte sie überall bekannt, daß sie selber für Alles sorgen werde, und untersagte überall die in Aussicht gestellten Sammlungen. Bon meinen | Leidensgefährten weiß ich. seitdem ich hier bin, nicht das | Mindeste; meine Erkundigungen deshalb bei der Landeskanzelei j blieben das eine, wie das andere Mal unbeantwortet. In meiner Bedrängniß entschloß ich mich nun, wieder als Schächter und Vorbeter zu fungiren. Allein ich werde überall abgewiesen, weil man Mord und Todtschlag meinetwegen fürchtet. Zum Betteln bin ich nicht geeignet und würde auch abgewiesen werden, weil man annimmt, daß die Landes-Kanzelei genügend für mich gesorgt hat. Das wurde ja durch alle Zeitungen ausposaunt. Meine Noth ist groß. Auf Anrathen des hiesigen Rabbiners wende ich mich an Sie mit der Bitte, meine Angelegenheit in der Allgem. Zeitg. des Judenthums zu veröffentlichen und zu befürworten und die einvr. L. Philippson. Berlin, 26. März. (Privatmitth.) Wenn auch der Antisemitismus im Ganzen bedeutend abgenommen hat, so wird er doch bei den im Herbste bevorstehenden Reichstagswahlen in Berlin immerhin eine Rolle spielen, und die Bemühungen nach dieser Richtung hin werden schon gegenwärtig begonnen. Man muß nicht vergessen, daß sich zu Wahlzwecken Antisemiten, Christlich-Sociale und Conservative — die letzteren mit geringer Ausnahme — völlig decken; ihnen gegenüber stehen die Fortschrittspartei und die Socialdemokraten. Die letzteren sind entschiedene Gegner von Stöcker und Genossen. Namentlich im zweiten Wahlbezirk, wo viele! Conservative wohnen, wird der Kampf ein heftiger sein, und! die Conservativen haben deshalb Stöcker zu ihrem Candidaten gewählt, der sich selbstverständlich nicht zweimal bitten ließ, in der Hauptstadt sein Glück zu versuchen. Man kann daher schon jetzt voraussehen, daß in diesem Wahlkreise bei ' den drei sich gegenüberstehenden Parteien eine Stichwahl eintreten werde, deren Erfolg von dem Compromiß zweier Parteien abhängen wird. Berlin, 26. März. (Privatmitth.) Sie werden ersucht in Ihrem geschätzten Blatte mitthcilen zu wollen, daß zu Ostern in der jüdischen Taubstummenanstalt zu Fürstenwalde zwei Freistellen offen werden, und daß das Bureau des Deutsch-Israel. Gemeindebundes (Sigismundstr. 5) Meldungen hierfür entgegen nimmt. Neustettin, 21. März. Daß in diesem Städtchen noch lange keine Beruhigung eingetreten. bewies folgende Nachricht der „N. Stett. Z.": Anläßlich einer gestern Abend in der zehnten Stunde stattgehabten Schlägerei, bei welcher ein jüdischer Lederhändler der Geprügelte war, wurden durch eine! Militärpatrouille drei Verhaftungen vorgenommen. Der! kommandircnde Offizier muß dem Ausritt eine gewisse Bej deutung beizulegen genöthigt gewesen sein, denn derselbe lies; die Truppen alarmiren und schickte mehrere Patrouillen in . bic Unterstadt. Tags zuvor wurde in einer jüdischen Wohnung ein Fenster eingeworfen. Zu diesen Zuständen bemerkt man: Als in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom! 14. d. Mts. die bedauerlichen jüngsten Vorgänge in Neu-! stettin zur Sprache kamen, suchte der Minister v. Puttkamcr