Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 15 (8.4.1884)
- Date
- 1884-04-08
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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233 das Missethäterpaar keine Juden, sondern römische Katholiken gewesen".- Der Reichstagsabgeordnete und Vertheidiger im Neustettiner Synagogenbrandproceß Di-. Erich Sello veröffentlicht in der zu Berlin erscheinenden „Nation" einen höchst bemcrkenswerthen Aufsatz über jenen Prozeß, den hier wiederzugeben der Umfang des Artikels nicht gestattet. Derselbe hat zu seiner Aufgabe, die sittliche Atmosphäre Neustettins, in welcher jene Anklage entstanden und emporgeschossen, und besonders den sittlichen Zustand der Belastungszeugen zu kennzeichnen. Herr Sello beginnt: „Das kleine, in einem weltentrückten Winkel Hinterpommerns belegene Städtchen Neustettin hat in den letzten Jahrzehnten zu zwei verschiedenen Malen in unserer politischen Geschichte eine Rolle gespielt; das eine Mal, als es während der Konfliktsperiode Wahl für Wahl mit gesinnungstreucr Beharrlichkeit den konservativsten der Konservativen: Herrn Gcheimrath Wagener als Abgeordneten in den preußischen Landtag entsandte, das andere Mal, als der Brand der Neustettiner Synagoge mit grellen Schlaglichtern die antisemitische Bewegung unserer Tage und ihre praktischen Konsequenzen beleuchtete." „Es war zu Anfang des Jahres 1881, als Dr. Henrici auf seinen Kreuzgängen nach Neustettin kam; seine Lehre fiel auf fruchtbaren Boden, die „Norddeutsche Presse" — das „Deutsche Tageblatt" Ncustettins — hatte sich schon längst mit löblichem Eifer der guten Sache gewidmet; angesehene Bürger der Stadt, Beamte, Lehrer, Gewerbetreibende übersetzten die Stöcker'sche Theorie der Duldung und der Nächstenliebe erfolgreich in die Praxis, und — Dank diesen Hetzereien stehen dort die Dinge seit einigen Jahren so, daß ein unterer Polizeibeamter der Stadt noch jüngst mit Gelassenheit das große Wort aussprechen konnte: „In Neustcttin ist jeder Christ schon an der Mutterbrust Antisemit." Er schildert hierauf in höchst drastischer Weise die Entstehungsgeschichte und den Verlauf des Prozesses, dessen „ausführliche und ins Einzelne gehende Darstellung einen werthvollen Beitrag zur Psychologie der Volksseele und zur Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts liefern würde". Sein allgemeines Urtheil drückt er folgendermaßen aus: „Welche Abgründe der geistigen und sittlichen Verwahrlosung thun sich bei solchen Vorkommnissen vor uns auf! — So nahe auch die Vermuthung liegen mag, so kann ich mich dennoch nicht zu der Annahme entschließen, daß alle diese Zeugen nur als die unbewußten Marionetten im Vordergründe agirten, während die eigentlichen, bewußten Akteurs aus sicherem Hintergründe die Fäden des Spieles lenkten. Ein solcher Plan, mit bewußter Bosheit ersonnen und mit kaltblütigem Raffinement durchgeführt, würde zu teuflisch sein, als daß man ohne die allerzwingendsten Gründe an ihn glauben dürfte. Ich nehme auch jetzt noch an, daß absichtliche Lüge, fanatisches Vorurtheil und gemeiner Weibcrklatsch sich schließlich zu einem Netz der Täuschung verwoben haben, welches die Gemüther dergestalt in Banden schlug, daß sie die Wahrheit nicht mehr von der Unwahrheit zu unterscheiden vermochten." Es mag dies wohl sein; dennoch aber haben die Thatfachen bekundet, daß leitende und vorbereitende, auch zum Meineid verführende Hände thätig waren. Der Verf. schließt: „Die Sage erzählt von einem See, der ruhig schlummerte, bis ein Wanderer seinen Frieden durch einen Steinwurf störte; dann stiegen die feindlichen Geister dräuend aus der Tiefe; schäumend brandeten die Wogen empor und verschlangen den Frevler. Auch in der Tiefe der Volksseele schlummern dämonische Kräfte, an die menschlicher Vorwitz nicht rühren soll. Es ist dennoch geschehen! Tie Geister des Hasses und der Verfolgung sind aus der Tiefe cmporgcsticgen und noch immer harren wir dessen, der sie bannen soll! — Wehe denen, die den Stein warfen!" CV \Kvxw cp VI ac z/ic^ Kcw.! lung zu diesem Zwecke inhibirt wissen wollte, da sie für Deutschland. biefe armen Leute genügend sorgen werde. In der That hatte sie ca. 5000 fl. gesammelt, die sie in Partien von Bonn, 30. März. (Privatmitth.) Als die unschuldig 500 bis 150 fl. an die Betreffenden vertheilte. Das war angeklagten Juden von Tißa-Eßlar freigesprochcn worden, recht schön, aber konnte um so weniger genügen, als die haben mehrere Zeitungen Veranlassung genommen, zu Familien der Eingekerkerten während deren Gefangenschaft Sammlungen für die Unglücklichen, die 15 Monate im Kerker das Meiste davon schon verzehrt hatten. Auch wir hatten geschmachtet und die an sich arm, durch diese Hast mit ihren in unsrer Zeitung eine Sammlung veranstaltet, die jedoch in Familien in die größte Armuth und Roth gestürzt worden, Folge jener Bekanntmachung der qu. Landeskanzlei, obschon aufzufordern. Da erschien eine Bekanntmachung der „Ungawir trotz derselben unsere Aufforderung aufrecht erhielten, rischen Israelitischen Landeskanzlei", welche jede Sammkaum etwas über 400 Mark (= fl. 237. 95 Kr.) erreichte.