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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-08 · Heft 15 (8.4.1884) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 15 (8.4.1884)
Date
1884-04-08
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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wenn die Sache nicht so traurig wäre!" Andrerseits werfe man den Juden Gewinnsucht und feindliche Gesinnung vor. Auf die erstere habe man die Juden durch die Lage angewiesen, die man ihnen geschaffen, und die letztere sei nicht von ihnen, sondern von den Christen ausgezangen. Uebrigens brauche sich nur Jeder in seiner Umgebung umzusehen, um auf viele Beispiele der Gewinnsucht und äußersten Härte bei den Christen zu stoßen. Das sei Alles nur eine Maske für die Leidenschaften der rohen Masse und „bei den Intelligenteren für einen wahren unbewußten Racenhaß, den nichts rechtfertigt und der in einem Jahrhundert des Fortschritts und der Schulpflicht eine empörende Monstrosität" bildet. Demgegenüber entfaltet der Vers, „die Annalen des jüdischen Stammes, die stumm vor Erstaunen machen, wenn man sich von den zahllosen Diensten überzeugt, welche die Israeliten der Menschheit geleistet haben. Hier reiht sich der unfaßbaren Wildheit ihrer Feinde die schwärzeste Undankbarkeit an. Es wird unmöglich sein, sagt er, wenn man die Größenverhältnisse berücksichtigt, aus der ganzen Erde ein Volk zu finden, das so viele große Männer in allen Zweigen des menschlichen Strebens, wie das jüdische Volk, hervorgebracht hat." Er durchmustert nun die Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit und zählt eine Reihe hervorragender, verdienstvoller Männer und Frauen auf, die dem jüdischen Stamme angehörten. Er rühmt die Widerstandskraft des letzteren, welche ein „einziges Phänomen in der Geschichte der Menschheit bildet". Er schließt: „Die jüdische Nation ist eine große und edle: sie hat alles Recht aus die Sympathie, auf die Bewunderung Aller. Was die Tauben betrifft, die nicht hören, die Blinden die nicht sehen wollen, laffen wir sie in ihren großen Phrasen über die Barmherzigkeit, die Duldung und den Fortschritt lügen und überlassen wir sie getrost ihrer unheilbaren Dummheit." — — In Köln erscheint ein „Nationalliberales Centralblatt für die Rheinlande." In Nr. 12 finden wir eine Correspondenz aus Crefeld vom 1 G. März, der wir, obschon sie nur eine Bemerkung enthält, die seit längerer Zeit aller Orten gemacht werden kann, die weiteste Verbreitung wünschen. „Während man bei Mittheilungen von Verbrechen und Vergehen, welche von Getauften begangen werden, für den Thäter nur die Bezeichnung „Individuum", „Strolch" rc. hat, pflegt man, wenn der Miffethäter zufällig mosaischen Glaubens ist, das in der Regel ausdrücklich zu bemerken oder sich der speciellen Bezeichnung „Jude" zu bedienen. Es ist dieses eine alte, mißbräuchliche Gewohnheit, von der sich sogar manche sonst freisinnig sein wollende Blätter noch nicht ganz haben befreien können, indem sie die desfallsigen Notizen der judenfeindlichen Presse aus Unbedachtsamkeit mit jener Bezeichnung abdrucken. Wenn denn in unseren Tagen nun einmal sauf Kosten der Religion) die Confession im bürgerlichen Leben eine immer größere Rolle spielen soll, so erfordert es doch die einfachste Consequenz, dann auch bei jedem Conflict mit dem Strafgesetz die Confession des Contra venienten zu nennen und nicht blos, wenn derselbe ein Jude ist." „Diese Moral möge auch der „Niederrheinischen Volkszeitung" aus dem garstigen Reinfall erwachsen, der ihr dieser Tage passiert ist. Das ultramontane Blatt brachte nämlich in seiner Nr. vom 5. ds. eine Notiz aus Kempen über einen daselbst angeblich von einem „jüdischen Ehepaar" an einem Bäuerlein verübten „Schurkenstreich". Tags darauf las man in der „Creselder Zeitung" folgende energische Berichtigung: Die „Niederrh. Volkszeitung." läßt sich in ihrer Nr. vom 5. d. M. aus dem Kreise Kempen über einen dort von einem Juden und einer Jüdin verübten Schurkenstreich berichten, nach welchem ein jüdischer Metzger in Verbindung mit seiner Frau ein strebsames Bäuerlein um einen Ochsen im Werthe von M. 465 betrogen haben solle. Der ganze Bericht ist von Anfang bis Ende von einem fanatischen Hasse gegen die Israeliten durchzogen, da nicht ein einziges Mal von Mann und Frau, sondern fortwährend, fast in jeder Zeile, nur von Jude und Jüdin die Rede. Am Schluffe kommt dann noch der Vermerk: Muß man nach solchen Vorgängen sich noch wundern, wenn das Volk erbittert wird gegen die Juden? Dann drückt die Redaktion noch die Hoffnung aus, daß der Staatsanwalt hier einschreiten möge. Die Geschichte ist wahr bis auf den Umstand, daß weder ein Jude noch eine Jüdin, sondern 2 Dülkener Katholiken den Schurkenstreich an dem armen Bauer verübt haben und daß dieselbe schon 3 Wochen alt und den hiesigen Metzgern genau bekannt ist. Aber was hindert das? Die „Niederrh. Bztg." läßt sich den Hergang aus „Kempen" berichten und dann — Hepp! Hepp! Weiter hat es keinen Zweck. Der „Jud" muß herhalten. Nur frisch drauf losgehetzt, es bleibt immer etwas hängen. Jede Gelegenheit wird vom Zaun gebrochen, um auf die „Juden" zu schimpfen, bis die Wahltage kommen — dann dreht sich für einige Tage das Blatt, dann sind es auf einmal „israelitische Mitbürger" geworden, welche man auf ihre „Bürgerpflichten" aufmerksam zu machen sich bemüßigt glaubt, dann behandelt man sie fast wie Menschen, bis man sie wenige Tage später wieder wie gewohnt als einen Auswurf der Menschheit zu kennzeichnen sucht. Dies sind eben die Manieren eines Organs für „Wahrheit, Freiheit und Recht". Unfern israelitischen Mitbürgern werden aber hoffentlich nach dieser letzten famosen Produktion des hiesigen Centrumsblattes endlich einmal die Augen voll und ganz aufgegangen sein." Zugleich sah sich auch die „Niederrhein. Bolkszeitung" zu dem Geständnis genöthigt, daß sie mystificirt worden und

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