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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-08 · Heft 15 (8.4.1884) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 15 (8.4.1884)
Date
1884-04-08
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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so daß viele Frauen sich dieser Pflicht entziehen, und weil! hier kein biblisches Verbot vorhanden. In der 18. (letzten)! Sitzung wurde noch die Errichtung einer jüdisch-theologischen! Facultät sür einen Gegenstand von höchstem Interesse erklärt und zur Förderung der Ausführung eine Commission ge-. wählt. Wer die Gründlichkeit und Ausdauer, mit welcher^ die Verhandlungen geführt wurden, kennen lernen will, braucht nur die Discussion über die an die Berliner Genossenschaft, an den Breslauer Verein rc. zu erlassenden Antworten durchzulesen, wo selbst die einzelnen Ausdrücke der Erwägung unterzogen wurden. Ueberaus interessant sind auch die, den; Protokollen beigefügten Ausschuß- und Commissionsberichte,! in welchen man über vielfache Gegenstände Belehrung findet. Aus dieser Skizze wird man erkennen, daß die Rabbinerversammlungen in dieser Zweiten eine bedeutende Entwickelung, vielleicht ihren Höhepunkt gefunden haben. Es wird sich aus der Prüfung der Debatten ergeben, daß die Mehrheit der Mitglieder den „historisch-positiven" Standpunkt nicht verließen, daß die extremen, so entschieden sie sich auch aussprachen, in der Mehrheit genügenden Widerstand erfuhren, daß jede Frage aufs Gründlichste erörtert und dabei an die talmudisch-rabbinische Ansicht angeknüpft wurde. Die Versammlung war durchdrungen von dem Bewußtsein, daß jede destruktive Richtung zu vermeiden sei, Mißbräuche energisch bekämpft, aber zugleich möglichst zeitgemäßere Einrichtungen an ihre Stelle gesetzt werden müßten. Die Mitglieder wußten wohl, daß sie mit ihren Voten selbst in ihren eigenen Gemeinden noch lange keinen Platz finden würden; waren sich aber bewußt, sür die Zukunft zu arbeiten, und für die Ausgleichung von Lehre und Leben Schritte vorwärts zu thun.->) (Forts, folgt.) In-eusreun-liche Stimmen. Die letzten Jahre war es sür uns eine traurige, aber unabweisliche Aufgabe, die zahllosen Zeitungsartikel, Flug, blätter und Broschüren zu durchmustern, welche mit fanatischer Verblendung die gesammte Judenheit beschimpften, verleumdeten und gegen sie hetzten; wir waren dazu verpflichtet, theils um den Umfang der gegen uns gerichteten Verfolgung zu ermessen, theils um sie nach Kräften abzuwehren. Damals waren nur selten fteundliche Stimmen zu hören; ein muthiges Eintreten gegen Lüge und Fanatismus von Seiten unbefangener christlicher Männer war selten, denn die Gegner überhäuften jeden Bertheidiger der Juden mit der Schmähung, ein „erkaufter Judenknecht" zu sein. Aber die Dinge fangen an, sich zu ändern. Jede extreme Aktion ruft ihre Reaktion hervor; sehen sich unparteiische Männer in der Wirklichkeit um, so gewahren sie, daß von den Anschuldigungen nur ein geringer 5) Die Protokolle erschienen Frankfurt a. M. E. Ullmann 1845. Theil sich in der Wirklichkeit bewährt und dieser schließlich in den Reihen anderer Glaubensparteien nicht minder zutrifft; so bricht sich die Wahrheit wieder Bahn und das aufgehende Licht gewinnt bald an Kraft. Hierzu kommt, daß sich der ganzen Agitation doch kein Mann von Gewicht, von hervorragendem Verdienst, von berechtigter Autorität offen angefchlossen hat; daß unter den Agitatoren sich so viele ignoblc Elemente, viele Persönlichkeiten, die dem Strafrichter nicht unbekannt geblieben, befanden. Endlich offenbarten sich die Folgen und Wirkungen der antisemitischen Wühlerei in so schmählichen Excessen, in so dem Gesetz und der Ordnung Hohnsprechenden Thätlichkeiten, daß Alle, denen Staat und Gesellschaft am Herzen liegen, denen die Grundsätze des Rechts und der Humanität noch heilig sind, jene „Schmach unsres Jahrhunderts" verurtheilen müssen. So kommt es denn, daß jetzt die Bertheidigung der Juden, die Vcrurthcilung der Antisemiten an den verschiedensten Orten sich vernehmbar macht, und so ergiebt sich für uns die entgegengesetzte und tröstliche Aufgabe, auf diese Stimmen der Anerkennung, daß das Recht auf unserer Seite steht, aufmerksam zu machen, so weit sie uns zu Gesichte kommen. In Berviers (Belgien) erscheint ein ,Feuille du Dimanclie41, ein sehr geachtetes Blatt, denn es zählt bereits den 36. Jahrgang. In Nr. 12 vom 23. März bringt es einen Leitartikel 7,1.68 Juifs", von welchem wir hier eine kurze Analyse geben. Er beginnt mit den Sätzen: „Die Geschichte der israelitischen Nation bildet ein für die Menschheit schimpfliches Blatt. Nicht ohne tiefe Entrüstung kann ein sittlicher, von Parteigeist nicht angekränkelter Mann die endlose Reihe unbeschreiblicher Grausamkeiten und schrecklicher Verfolgungen lesen, denen die unglücklichen Juden während langer Jahrhunderte unterworfen waren". Nicht die wechselnden Schicksale dieser Nation während ihres Bestandes in Palästina seien verschieden von denen, welche andere Völker betroffen haben, sondern erst seit der christlichen Aera seien die Mißhandlungen und Verfolgungen derart geworden, „daß die Wnth der Christen gegen Diejenigen, welche doch ihre wahren Vorgänger waren und von denen sie den größten Theil ihrer Sitten und Bräuche angenommen, ebenso unerklärlich wie auf's Höchste ungerecht ist." Es ist in der That wunderbar, daß unter solchen Verfolgungen die Juden bestehen blieben, und diese Missethaten verübten „die Fahnenträger der Civilisation, die sich rühmten, die Vertreter eines Gottes der Barmherzigkeit und der Güte zu sein!" Ter Berf. versucht, die Motive „dieses grausamen Betragens der Christen" anzugeben. Er findet sie einerseits in dem religiösen Fanatismus, weil die Juden die christlichen Dogmen nicht anerkennen wollten, und doch fände man auch heute solchen Fanatismus nicht blos im Osten, sondern selbst in Deutschland. „Es ist dies so unsinnig, daß man Lust hätte zu lachen, 15*

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