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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-01 · Heft 14 (1.4.1884) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 14 (1.4.1884)
Date
1884-04-01
Page
Seite 223 (sequence 11)
Language
German
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1 223 werden müsse, da sie vom ersten bis zum letzten Blatt der! Hasse gegen Nationalitäten und Confesfionen bezüglichen Pacanonischen Bücher hochgestellt und dringend empfohlen wird, ragraphen des Strafgesetzes verstoßen, die gesetzlichen Schritte und nur irrige, kaum der Widerlegung werthe Interpretationen einzuleiten." finden in manchen Bibelstellen, namentlich in der Genesis, eine Geringschätzung der Agricultur. Der Ackerbau bildete ferner nicht nur die Basis des Nationallebens, sondern auch der culturellen Existenz des jüdischen Volkes. Die Patriarchen widmeten sich auch der Landwirthschaft mit Lust und Liebe. Könige und Propheten rühmten sich derselben und nannten sich mit Stolz Landwirthe. Die drei Hauptfeste standen im engsten Zusammenhang mit der Agricultur, so sehr auch ihre Bedeutung rein geistiger Natur ist und sein sollte, wie überhaupt die Gesetzgebung mächtig in das Gebiet der Landwirthschaft eingriff. Die besondere Vorliebe für die Agricultur blieb den Juden selbst nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer. So mußten die Lehrer in Babylon ihre Vorträge in jener Jahreszeit abhalten, in welcher die Jünger von der landwirthschaftlichen Thätigkeit frei waren. Am Schlüsse seines gründlichen und klaren Vortrages richtete der Redner an die Versammlung einen warmen Apell, dahin zu wirken, daß eine Lücke in dem Humanitären Wirkungskreise der Juden Böhmens, insbesondere Prags, ausgefüllt werde. Es möge ein Verein zur Beförderung der Agricultur errichtet werden, nicht nur im Interesse der Jugend, sondern auch des Judenthuws, da ein solcher Verein nach Innen wie nach Außen heilsam wirken würde. Es wäre überflüssig zu bemerken, daß den begeisternden Ausführungen lang anhaltender, rauschender Beifall folgte. —a,— Pest, 19. März. (Privatmitth.) Wir wollen es doch nicht ganz übergehen, daß Tißa in seinem Reformvorschlage für das Oberhaus in dieses neben dem Episcopate zwei protestantische Geistliche und einen Oberrabbiner des Landes ein-; führen wollte. Er versammelte eine Anzahl Magnaten und j legte diesen seinen Reformvorschlag vor, fand aber solchen j Widerspruch, daß er seine Reform vertagte. — Die Umtriebe' betreffs der bevorstehenden Wahlen nehmen bereits einen beunruhigenden Charakter an. Das ofsiciöse „Nemzet" enthält folgendes Communiquä: „Laut Nachrichten aus der Provinz! haben mehrere antisemitische Abgeordneten-Canditaten an manj chen Orten die Agitation schon begonnen, und zwar in einer j Weise, welche die mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen! Ordnung betrauten Organe zu reger Wachsamkeit nöthigt.! So hat beispielsweise in einem Bezirke des Comitats Hadju! der Stadthauptmann es für nöthig erachtet, wegen der Reden! des dortigen Candidaten der Antisemitenpartei der königlichen! Staatsanwaltschaft eine Anzeige zu machen. Nachdem die? königliche Ober-Staatsanwaltschaft von dem Falle amtlich ver-! ständigt worden, wies sie die betreffende Staatsanwaltschaft ■ an, in dem Falle, als in den betreffenden Reden solche Ausdrücke Vorkommen, welche gegen die auf die Aufreizung zum Sehr bedauerliche Unruhen, immerhin antisemitschen Charakters, wenn auch die Juden dabei aus dem Spiele blieben, fanden in Szegled statt. Szegled hat den rühmlichen Vorzug, daß sein Abgeordneter Julius Berhovay ist, der bekanntlich sich wegen Unterschlagung zu wohlthätigen Zwecken eingesammelter Gelder in Untersuchung befindet, und zwar so, daß an seiner Schuld kein Zweifel besteht. Demungeachtet haben die Bewohner von Szegled keinen Schritt gethan, um Berhovay, den wüthigsten Antisemiten, zu bedeuten, daß er seine Rolle als Abgeordneter ausgespielt habe; sie schreien ihn vielmehr als unschuldiges Opfer seiner Gegner aus. Als nun in diesen Tagen auf Einladung des Magistrats drei Mitglieder der Unabhängigkeitspartei nach Szegled kamen, um Ansprachen an die Wähler zu halten, eilte Berhovay herbei, regte den Pöbel auf und es entstand ein Handgemenge, bei welchem einer der Abgeordneten auf's Schwerste verwundet wurde. Das sind schlimme Aussichten; das Bemerkenswerthe! hierbei ist, daß diese unter der Maske des Antisemitismus j sich bewegenden leidenschaftlichen Parteibewegungen nur in I der ungarischen Bevölkerung stattfinden, während die anderen! Völkerschaften, z. B. die Rumänen und die Siebenbürger, I sich ganz ruhig verhallen und der gemäßigten liberalen Opposition sich anschließen. So hoch man den Ministerpräsidenten i Koloman Tißa schätzen muß, so hat er doch hinsichtlich des! Antisemitismus in Ungarn eine Zweideutigkeit bekundet, die!sich jetzt an ihm selbst rächt. In hohem pathetischen Tone hat er immer wiederholt verkündet, daß er den Antisemitis-! mus unnachsichtig treffen- und unterdrücken werde, dabei aber nicht das Geringste gethan, was hiernach ausgcsehen hätte. Er ließ den Antisemitismus zu einer politischen Macht aufschießen, behielt den antisemitischen Justizminister Pauler trotz vielfachem Verlangens aufrecht und selbst nach dem Tißa- Eßlarer Proceß blieben alle Compromittirten, Behörden und Nichtbehörden unangetastet. Er hatte verheißen, Führer und Verführte zu treffen; aber außer der gerichtlichen Bestrafung einiger armer Schlucker ist nichts geschehen. In gleicher Weise ist die Unabhängigkeitspartei verfahren und verfällt nunmehr demselben Schicksal. Bei den bevorstehenden Wahlen bildet der Antisemitismus die Parole und den Schlachtruf und wird in den Reihen der entgegenstehenden Parteien, besonders der Regierungspartei, in bedauerlichster Weise große Lücken schaffen. Rußland. Petersburg, 20. März. Auf eine von Israeliten des Kreises Poltawa eingereichte Petition um Sistirung der Verfügung der Gouvernements-Regierung Poltawa, wonach I solche Israeliten, die kein unbewegliches Eigenthum besitzen, 14*

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