Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1884)
- Date
- 1884-04-01
- Page
- Seite 222 (sequence 10)
- Language
- German
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in Tißa-Eßlar und Neustettin; da heißt es: „In beiden > Fällen hat die Gerechtigkeit schließlich gesiegt, aber die Berj Handlungen vor den Gerichtsschranken haben uns einen Ent-! setzen erregenden Einblick in die Geheimnisse einer Bewegung - eröffnet, die mit dem stolzen Anspruch auftritt, die öffentliche Moral zu heben, und die in Wahrheit nur auf die niedrigsten Leidenschaften der Maßen spekulirt." Hierauf erfolgt eine Charakterisirung der ganzen Vorgänge in Neustettin, derart, wie der Prozeß durch Nebcnbehörden und Nebeninstanzen instruirt worden, und cs wird ausgesprochen, man dürfe nicht zweifeln, daß man an zuständiger Stelle einer Wiederholung des seltsamen Verfahrens energisch und erfolgreich Vorbeugen werde. Im Anschluß an den Lehrer Pieper heißt es weiter: „Es ist leider eine bekannte Thatsache, daß der Antisemitismus besonders in einigen Kreisen der Lehrer — auch der höheren Schulen — Eingang gefunden hat. Nirgends wirkt er natürlich verderblicher, als hier. Wenn die Bildner der Jugend selbst von dem antisemitischen Gifte angefüllt sind, dann ist es unvermeidlich, daß dasselbe auch aus die Schuljugend übertragen wird. Und dann stelle man sich vor, welcher Behandlung die armen Kinder jüdischer Eltern ausgesetzt sind, die von solchen Lehrerrr den Unterricht empfangen! Glücklicherweise fehlt es nicht an Anzeichen dafür, daß die antisemitische Bewegung sich im starken Rückgänge befindet. Viele von denen, welche in derselben anfangs den berechtigten Kern gelten ließen, haben sich schon längst von derselben abgewandt. Die Regierung, die eine Zeit lang mit derselben kokettirte, würde unseres Dafürhaltens sehr klug handeln, wenn sie diese fragwürdige Gefolgschaft mit einem kräftigen Ruck endgültig von sich abschütteln wollte. In unfern westlichen Provinzen aber, wo bisher die antisemitischen Agitatoren vergeblich ihr Unkraut zu säen suchten, wird man auch fernerhin vor solchen Herren sich zu schützen wißen: das hat der Ausgang der beiden Versammlungen am Sonntag und Montag in Bochum und in Dortmund gezeigt, wo Herr Liebermann von Sonnenberg ein klägliches Fiasko erlitt?' Stuttgart, 16. März. (Privatmitth.) Der Staatsanzeiger für Württemberg veröffentlicht einen Bericht des K. Justizministeriums über den Stand der gerichtlichen Strafanstalten pro 1883. Nach demselben war der Stand pro 1882: 1310 Evang., 770 Kathol., 14 (Israel. neucingeliefert: 2172 „ 1112 „ 14 „ zurückgeliefert: 136 „ „ 1 „ übernommen: 45 „ 24 „ — „ zus.: 3664 1959 ., 29 Abgang: 2471 „ 1123 „ 22 „ Verbleibt: 1193 Evang., 836 Kathol., 7 Israel. 0,9 Evang., 1,3 Kathol., 0,5 Israel, auf 1000 Seelen Bevölkerung, folglich ein Minus von 117 0,09 Evang., Plus von 66 — 0,01 Kathol., Minus von 7 — 0,5 Israel, auf 1000 Seelen, oder gegen 1882: ein Minus von 9 Proc. Evang., Plus von 8 Proc. Kathol., Minus von 50 Proc. Israel., gewiß ein recht günstiges Resultat für die Moralität unserer württembergischen Israeliten. O efterreich-Ungarn. Wien, 20. März. (Privatmitth.) Nach dem Gesetze vom Jahre 1872 gehören die Kosten für den Religionsunterricht in den Mittelschulen zu dem allgemeinen Schulaufwande und werden daher aus derselben Kaffe bestritten, aus welcher die anderen Lehrer rc. bezahlt werden. Ferner bestimmt das angeführte Gesetz, wenn in sämmtlichen Klaffen 20 Schüler einer Confession angehören, so muß für dieselben ein Religionslehrer bestellt werden. Für den Religionsunterricht in den Volks- und Bürgerschulen bestanden bisher nicht diese Normen und hatte die Confession die Kosten für den Religionsunterricht zu tragen. In den letzten Tagen brachte der Unterrichtsminister zwei Gesetzesvorlagen im Reichsrathe ein, welche für die Volks- und Bürgerschulen in Betreff des Religionsunterrichts dieselben Normen, wie für die Mittelschulen aufstellt. Falls diese Vorlage Gesetz wird, dann würde die hiesige Gemeinde bedeutende Kosten ersparen. In Folge der Schulnovelle, die im vorigen Jahre in Kraft trat, wurde jüngst an einer hiesigen Volksschule, in welcher die Mehrzahl der Schüler Israeliten find, ein Israelite, Herr Nathan Sträußle, zum Oberlehrer bestellt. Es ist bei uns nicht selten, daß Juden in den Adels-, ja in den Freiherrnstand erhoben werden. Seltener jedoch ist es, daß jemand die große goldene Salvatormedaille erhält, und selbstverständlich noch seltener erhalten sie Juden. Es ist das nämlich die höchste Auszeichnung, welche die Stadt Wien zu vergeben hat. Es mag daher erwähnt werden, daß dieselbe jüngst den Herrn Ritter v. Borkenau, Bicepräses des Vorstandes der israel. Cultusgemeinde, zu Theil wurde, der seit Jahren Budgetreferent im Gemeinderathe ist. Prag, im März. (Privatmitth.) Der Cyclus der diesjährigen Vorträge im hiesigen Vereine zur Verbreitung der Wissenschaft des Judenthums fand am 2. d. M. einen überaus würdigen Abschluß mit dem Bortrage des Herrn Universitätsprofeffors Di-. Kämpf, welchen derselbe vor einem zahlreichen, nicht nur aus Israeliten bestehendem Publikum hielt. Mit gewohnter Meisterschaft behandelte der Redner das Thema: „Die Agricultur nach canonischem (d. h. biblischem) Princip." Nach einer kurzen Darlegung der Motive, das angeführte Thema gerade jetzt als ein zeitge- , mäßes wissenschaftlich zu beleuchten, wurde nachgewiesen, daß! die Agricultur vom canonischen Standpunkte als eine dem! Menschen vorzugsweise geziemende Beschäftigung aufgefaßt