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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-04-01 · Heft 14 (1.4.1884) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 14 (1.4.1884)
Date
1884-04-01
Page
Seite 219 (sequence 7)
Language
German
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SIS Gesichtskreis unseres Geistes sich erweitert, wir es desto nothwendiger finden, sowohl unsere Principien als unsere Argumente einer nochmaligen Prüfung zu unterwerfen. Und in der That, wenn wir die Schwache unserer Fähigkeiten, den Umfang, bis zu welchem unsere Begriffe von der Atmosphäre, in welcher wir leben, gefärbt find, und vor Allem die unendliche Natur des Wesens betrachten, zu welchem wir uns erheben, so kann man unmöglich dem Argwohn entgehen, daß alle unsere Begriffe über diesen Gegenstand parteiisch und verworren sein müssen, daß unsere Versuche, die religiösen Meinungen in absolute Wahrheit und Falschheit einzutheilen, nothwendiger Weise vergeblich sind: daß verschiedene Menschen, je nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten, einen schwachen Schimmer von den verschiedenen Seiten der göttlichen Natur SSeUti vicj Deutschland. Berlin, im März. (Privatmitth.) Das Rabbinat der Gemeinde zu Berlin (die Herren vr. Ungerleider, Frankl und Maybaum) hat unter dem Eindruck der gegenwärtigen Zeitströmung, vereint mit einer Anzahl Collegen den Beschluß gefaßt, sich an die Rabbinen Deutschlands mit einer Einladung zu gemeinsamer Arbeit an der Ehre des jüdischen Stammes und Glaubens und deshalb zum Beitritt zu einer „allgemeinen Versammlung der Rabbiner Deutschlands in Berlin" zu wenden. Zwei Fragen traten dabei zunächst in den Vordergrund: ob nicht die Bildung einer Synode und ferner ob nicht die Wahl eines andern Versammlungsortes vorzuziehen sei? Allein wer unter Allen ist am meisten verpflichtet, den Schimpf, der in den jüngsten Jahren auf die Glaubenslehre und das Glaubensleben Israels gehäuft wurde, als einen ungerechten und an keiner Stelle begründeten nachzuweisen, als diejenigen, welche die Gemeinden selber sich zu Lehrern ihres religiösen Glaubens und Auslegern ihrer religiösen Vorschriften eingesetzt haben? Fällt doch bei der Erniedrigung, welche den Juden um ihrer Religion willen bereitet wird, die größte Verantwortung den Rabbinen zu, welchen die Gemeinden sich in Allem anvertraut haben, was für Recht und Wahrheit auf dem Gebiet des Glaubens und der religiösen Moral gilt. Die Gemeinden haben in hohem Grade ein Recht dazu, von ihren Rabbinen ein offenes, muthiges Eintreten für das zu verlangen, zu dessen Lehrern und. ersten Hütern diese berufen sind.') Bon dieser Erwägung geleitet, wurde gegen die Synode und für „die allgemeine Versammlung der Rabbiner Deutschlands" entschieden. 1) Das hätte früher geschehen sollen! Da wurden wir aber stets gerade von Berlin zurückgewiesen'. Redaktion. erlangen, und daß keiner von ihnen ein Recht hat, sich den Besitz einer solchen Summe vollkommener Wahrheit anzumaßen, daß es für ihn unnöthig sei, seine Ansicht mit denen anderer, selbst der unwissendsten Menschen zu berichtigen und zu bereichern." — Unter den Deutschen ist bekanntlich Lessing der hervorragendste und edelste Priester der Duldung. Den Glaubenssatz von der ausschließlichen Seligkeit zurückweisend, behauptete er, daß die Erkenntniß der vollen absoluten religiösen Wahrheit für den menschlichen Geist unmöglich sei, und daß eine Religion, welche von ihren Bekennern thätige > Menschenliebe, Gerechtigkeit, Duldung und Humanität fordert, als die vorzüglichste, ihren göttlichen Ursprung bekundende zu erachten sei. Und in dem Juden Nathan hat er uns ein Musterbild dieses Humanitätsglaubens dargestellt. — Betreffs der Wahl des Ortes konnte kein Zweifel bestehen. Die Metropole des deutschen Reichs, in welchem alle Bedingungen vereinigt sind, der bezeichneten Versammlung die erforderliche Höhe und dem von derselben im Dienste des Judenthums gesprochenem Worte den stärksten Nachhall zn geben, ist allein berufen, die Rabbinerversammlung bei sich aufzunehmen. Es kam nun auf die Feststellung der Berathungsgegenstände an, welche der „allgemeinen Versammlung der Rabbiner Deutschlands" unterbreitet werden sollen. Man war bedacht, einen gemeinsamen Boden zu gewinnen, auf welchem sich die verschiedenen Richtungen zusammenschließen und die gesonderten Parteien vereint zum Segen des Judenthums zusammenfinden können. Geht doch das Gefühl des Schmerzes, wie ein gemeinsames, durch die Reihen Israels und verwundet doch sein Stachel hüben und drüben in gleicher Weise die an dem geheiligten Erbe der Väter, an der beglückenden Größe ihres Glaubens in Treue Hangenden! Bon diesem Gesichtspunkte aus hat man sich geeinigt, der Rabbinerversammlung folgende drei Bcrathungsgegenstände zu unterbreiten: 1. Oeffentliche Erklärung die interconsessioneüe Stellung des Judenthums betreffend; 2. Mittel zur Hebung des religiösen Sinnes und zur Förderung des Religionsunterrichts; 3. Bildung eines Verbandes der Rabbiner Deutschlands. In erster Reihe glaubte man, die Rabbiner der Landes¬ und Provinzial-Hauptstädte hören zu müssen, weil diese am wahrscheinlichsten über die Geneigtheit ihrer Collegen zum Beitritt zur Rabbinerversammlung Ausschluß geben, beziehungsweise bei derselben das Interesse dafür anregen könnten. Der Erfolg war wie vorauszusehen, ein befriedigender. Mit herzlichem Danke für die empfangene Anregung drückte eine

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