Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1884)
- Date
- 1884-04-01
- Page
- Seite 217 (sequence 5)
- Language
- German
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217 rang im christlichen System und machten sie besonders beliebt und daß es ihre Pflicht sei, dieselben auf's Aeußerste zu ver- und einflußreich. Alterthumsforscher haben schon längst nachfolgen und zu vernichten. Wie Neander, Allg. Geschichte der gewiesen, daß man die Spuren dieser Vermischung in fast Religion und Kirche, Bd. V, S. 2-18 sg., erzählt, hat Papst jedem Theile des römisch -katholischen Glaubens entdecken Gregor X. im Jahre 1274 in Lyon ein allgemeines Concil kann." — Ja, noch im 11. und 12. Jahrhundert waren, zusammenberufen, um unter andern Angelegenheiten auch die wie uns die Kirchengeschichte erzählt, die Sendboten, welche Veranstaltung eines neuen Krcuzzuges nach dem Oriente bedie heidnischen Völker des Nordens, die Pommern, Dänen:c., rathen und beschließen zu lassen. Allein aus dem Concil zum Christenthum zu bekehren versuchten, gezwungen, falls gab es eine starke Partei, welche die Kreuzzüge bekämpfte, ihre Versuche gelingen sollten, sich manche ihrer Anschauungen! Unter den Gründen, welche sie herbeibrachte, warauch der: zu accommodiren. — Das Judenthum aber blieb dadurch, daß! Es sei dem Beispiele Christi und der Apostel entgegen, daß es auf dem Gebiete anderer Religionen keine Eroberungen! man mit dem Schwerte für die Religion streite und das zu machen thatig war, vor dergleichen Compromiffen bewahrt,; Blut der Ungläubigen vergieße . . . Wenn es auch den fremde Anschauungen konnten nicht in dasselbe cindringen.i Christen gestattet wäre, sich selbst zu vertheidigen, so folge — Und eben dadurch blieb auch das Judenthum vor einer nicht daraus, daß sie die Ungläubigen in ihren Ländern überallzugroßen Intoleranz bewahrt. Es mag wohl richtig sein, fallen dürften. Man dürfe die Sarazenen ebensowenig verwas von Bielen behauptet wird, daß monotheistische Religi-, folgen als die Juden, die unterworfenen Sarazenen in Europa, onen von Hause aus intolerant seien. Allein die Intoleranz die Götzendiener :c. Die Unglücksfälle, welche die Kreuzfahrer hat Grade, und der höchste ist unzweifelhaft der, wenn die i betroffen, hätten bewiesen, daß diese Unternehmungen nicht Bekenner der einen Religion den Bekennern der anderen die dem Willen Gottes gemäß seien". Allein der dem Concil traurige Alternative stellen: entweder von ihrer angestammten > beiwohnende General des Dominikanerordens, Humbert de Religion abzufallen und zu jener überzutreten oder sich dem! Romanis, suchte den angegebenen Grund in folgender Weise Henker zu überliefern. Diese grausame Intoleranz, welche im! zu widerlegen: „Etwas Anderes sei es mit der ersten Pflan» Christenthum und Mohammedanismus feste Wurzel faßte und zung, etwas Anderes mit der Erhaltung der Kirche .... Millionen Menschen das Leben kostete, kam im Judenthun^ Etwas Anderes sei es mit der ersten christlichen Gemeinde nie vor. Daher mag es auch gekommen sein, daß, als die j gewesen, da sie noch keine Macht beseffen hatte und durch Sonne der Aufklärung am Horizonte der Menschheit aufging; Demuth sich fortpflanzen mußte, etwas Anderes jetzt, da das und die Toleranz gepredigt wurde, die Juden sehr viel Em-; christliche Volk mächtig geworden und nicht ohne Grund das pfänglichteit und Geneigtheit zu deren Aufnahme undAneig-! Schwert trage. Früher habe die Kirche zu ihrer Vertheinung zeigten. Zwar gab es schon im Mittelalter manche! digung die Gabe des Wunders besessen, jetzt, da ihr die kirchliche und weltliche Fürsten, Concilien, Magistrate :c., Wunder fehlen, müsse sie die Waffen gebrauchen." — Letzwelche die gewaltsame Nöthigung zur Annahme der Taufe,, terer' Gedanke, daß nämlich die Verfolgung an die Stelle die Zwangstaufe, verboten, aber ihre Stimme fand bei den der Wunder getreten sei, wird öfters dahin erklärt, daß der fanatisirten und in krasser Unwissenheit erhaltenen Volks- Eifer zur Verfolgung der Ungläubigen als vom heiligen Geiste Massen kein Gehör, da diese von dem Jahrhunderte lang eingegeben und die Macht zu deren Unterdrückung als eine durch Priester und Mönche mit allen möglichen Mitteln ge-; Gabe der Gottheit anzusehen sei. — Man würde aber sehr pflegten festen Glauben durchdrungen waren, daß alle außer irren, wenn man annähme, dieser Gedanke sei mit dem Mittel ihrer Kirche Stehenden der ewigen Berdammniß J) verfallen. alter geschwunden. Lecky, Gesch. des Ursprungs :c., Bd. l, - ' S. 116, erzählt: „Als Locke seine berühmten Briefe über die I) Nichts steht der Toleranz so sehr entgegen, wie der Glaubenssatz von der ausschließenden Seligkeit im Jenseits. Das Judenthum hat aber ihn nie in sich ausgenommen. Gerade im Gegenihcil. Das Buch Koheleth spricht es klar und unzweideutig aus: „Ter Staub kehrt zurück zur Erde, woraus er ward; der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat." Es spricht also dem Menschen als solchen! ohne Rücksicht auf sein Glaubensbekcnntniß das Zurückkehren zu Gott zu. — Ebenso wird in der Mischna (Spr. der Väter 5, 22) die Theilhabe an der künftigen Seligkeit nicht von irgend einem Glaubensbekenntnisse abhängig gemacht, sondern von sittlichen Eigenschaften, von gesellschaftlichen Tugenden: „Wer ein wohlwollendes Auge, einen demüthigen Geist und ein genügsames Gemüth besitzt, ist ein Jünger Abrahams, genießt diese Welt und wird Erbe der künftigen sein " — Und in Tract. Sanhedrin heißt es: „Die Frommen aller Völker sind der ^künftigen Welt theilhast." — Unter solcher Voraussetzung fehlte dem Judenthum ein sehr wichtiges Motiv, Andersglaubende zu sich zu bekehren, Proselyten zu machen und die innezuhaltende defensive Stellung zu übeffchreiren. — Duldung schrieb (um 167G, wurde ihm die Behauptung cntgegengestellt, cs wäre unter den gewöhnlichen Umständen für die Wohlfahrt des Christcnthums nothwendig, es durch Verfolgung zu unterstützen, d. h. die weltliche Macht müsse seine Gegner unterdrücken. Als das Christenthum noch der Anerkennung des Staates ermangelte, war es nicht in der gehörigen Lage; daher wurden die Naturgesetze zu seinen Gunsten unterbrochen, und fortwährende Wunder sicherten seinen Sieg. Als ihm aber die Bekehrung Konstantin's die weltliche Macht zur Verfügung stellte, war die Aera des Uebernatürlichen geschlossen. Die Macht zur Verfolgung war erlangt, und daher wurde die Macht, Wunder zu thun, zurück-