Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1884)
- Date
- 1884-04-01
- Page
- Seite 216 (sequence 4)
- Language
- German
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216 Das Judenthum blieb daher, anderen Religionen gegenüber', stets in defensiver Stellung; seine Selbsterhaltung war ihm genügend. Ja, der Talmud fällt sogar ein hartes Urtheil über die Proselyten (Nidda 13). An einer anderen Stelle (Jeb. 47) heißt es: „Wenn Jemand in der Jetztzeit Zum Judenthum übergehen will, so sage man zu ihm: warum willst du dieses thun? Siehest du denn nicht ein, wie verachtet Israel ist?" Man suche ihn also, seines eigenen Bortheils willen, von dem Uebertritte abzuhalten. — Ganz anders das Christenthum. Nachdem die Lehre in ihm aufgekonimen und zur vollsten Ueberzeugung seiner Bekenner geworden war, daß alle außer ihm Stehenden der ewigen Berdammniß verfallen seien'), hielt es sich zur Weltherrschaft berufen, und Zwar wenn nicht aus irdischen politischen Gründen, doch aus himmlischen. Ihm war die Selbsterhaltung ungenügend. Es war vielmehr unaufhörlich bestrebt, möglichst viele Proselyten zu machen, Menschen und Völker zu bekehren, und, wenn es nicht ging auf dem Wege der Güte, sie mit Anwendung der äußersten Gewalt zu zwingen, sich Zu ihm zu bekennen, alle anderen Culte aber auszurotten, um nicht nur seine Macht und sein Ansehen zu erhöhen, sondern auch, wie Lessing in seinem „Nathan" den Tempelherrn sagen läßt, „den Himmel zu bevölkern." — Darum waren den heidnischen Römern die Christen mehr verhaßt als die Juden (Lecky, Sittengeschichte Europas, Bd. I, S. 366 fg.). Der von Semiten, wie man die Juden neuerdings zu nennen beliebt, abstammende und in semitschen Schulen gebildete Jesus sagt nach Matth. 10, 14 und Luc. 9, 5 zu seinen Aposteln, welche ausgeben, zur Buße auffordern und lehren sollten, daß das Himmelsreich nahe herbeigekommen sei: „So euch Jemand nicht aufnehmen noch eure Worte hören will, so gehet heraus aus dem Hause oder Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen", was nach einigen Erklärern eine bildliche Handlung sein, die andeuten sollte: wir nehmen nicht das Geringste von hier mit, wir haben keinen Bortheil für uns gesucht. — Aber wie wenig und wie selten ist spater diese Vorschrift befolgt worden! Zur Herrschaft gelangt, nahm das Christenthum alsbald, den anderen Religionen gegenüber, eine offensive Stellung ein. Schon unter Konstantin wurde den Heiden, unter denen es, wie Gibbon in seiner Geschichte des Untergangs des römischen Reichs, Th. III, Kap. Io, sagt. Viele gab, welche den Vorschriften des Rechts, des Wohlwollens und der Billigkeit nachlebten und im Bewußtsein ihrer Rechtschaffenheit keiner neuen Religion bedurften, der Eintritt in den Staatsdienst untersagt worden; sein Sohn Konstantius ließ unter dem 1. December 353 den Befehl ergehen, daß alle die, welche fortan die Götterbilder verehren I) Der Kirchenvater Augustinus (st. 430) sprach es aus, daß Niemand außerhalb der Kirche selig werden könne, sondern er sei dem Zorne Gottes, der ewigen Berdammniß verfallen, und die Kirchenväter stimmten bei. und ihnen Opfer bringen, mit dem Schwerte niedergeschlagen werden und ihr Vermögen dem Fiscus zufallen solle, und unter Theodosius zogen Priester und Mönche aus, um mit Hülfe einer großen Militärmacht Heiden und Heidenthum mit Feuer und Schwert auszuttlgen. — Und sowie gegen die Heiden, nicht minder gingen die verschiedenen christlichen Sekten und Religionsparteien in offensiver Weise gegen einander zu Werke. Zu den Ursachen, welche den Kaiser Julian (von 361 bis 363 n. Chr.) bewogen, vom Christenthum abzufallen, zählt E. von Lasaulx auf S. 60 seines Buches „Der Untergang des Hellenismus" (München 1854) auch die: der tödtliche Haß, mit welchem die verschiedenen Confesfionen sich gegenseitig anfeindeten, da, wie es daselbst S. 58 heißt, „kein wildes Thier dem Menschen so feindselig sei, wie sich die christlichen Sekten einander mit tödtlichem Haffe verfolgten." Und ib. wird in einer Anmerkung eine Stelle aus Ammänus XVII, 3, 12 citirt, wonach im Jahre 367 in dem Streite zwischen Damasus und Ursinus um den bischöflichen Stuhl in Rom man an einem Tage in der Bafilica des Secinius hundert und sieben und dreißig Erschlagene, Katholiken durch Katholiken, fand. — Das nicht von dem ursprünglichen, sondern umgeänderten Christenthum dem Judenthum auferlegte fünfzehnhundertjährige Martyrium will ich hier übergehen und nur an das erinnern, was ich in der Allg. Zeit, des Judenthums (10. April und 22. Mai 1883) über die „Ursachen der Judenverfolgungen im Mittelalter" und in den „Ansichten des Judenthums über Martyrium" gesagt habe. — Die defensive Stellung, worin das Judenthum, anderen Religionen gegenüber, fortwährend und unbeirrt verharrte, war sowohl für die jüdische Religion als die Juden selbst von bestem Erfolge. Lecky, Gesch. des Ursprunges und Einflusses der Aufklärung in Europa, Bd. I, S. 28, schildert den Compromiß des Christenthums und Heidenthums in folgender Weise: „Religionen gehen nie wirklich unter, es sei denn durch natürlichen Verfall. In den Städten war das Heidenthum auf der Stufe der Hinfälligkeit angekommen, als das Christenthum sich erhob, und daher war in den Städten der Sieg des Christenthums rasch und entschieden; aber auf dem Lande bewahrte noch das Heidenthum seine Kraft und spottete aller Anstrengungen der Priester und Magistrale, es auszurotten. Der Einfall der Barbaren (ins römische Reich) kräftigte noch mehr das heidnische Element, und schließlich wurde eine Art von friedlicher Uebereinkunft abgeschloffen. Das Heidenthum als besonderes System wurde vernichtet, aber seine verschiedenen Grundbestandtheile blieben in umgewandelter Form und unter neuem Namen stehen. Biele Theile des Systems wurden von dem neuen Glauben ausgenommen. Sie verschmolzen innigst mit den Lehren, mit welchen sie am meisten Ähnlichkeit hatten, gaben ihnen einen außerordentlichen Bor-