Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 14 (1.4.1884)
- Date
- 1884-04-01
- Page
- Seite 214 (sequence 2)
- Language
- German
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2U Bedürfnis bei den noch fast überall herrschenden stabilen! gottesdienstlichen Einrichtungen sich sehr abgeschwächt hatte. Es gab ganze Provinzen, in welchen kaum ein oder zwei Rabbinate besetzt waren. Z. B. die Rheinprovinz, die aus französischer Zeit noch drei Confistorialrabbinen hatte, zählt gegenwärtig 8 Rabbinen. Die Provinz Sachsen hatte zwei, jetzt fünf; Pommern und Preußen waren fast gar nicht mit Rabbinen versehen und nur Stolp war mit gutem Beispiele vorangegangen. Die Zahl von 33 Anmeldungen bezeugte deshalb eine außergewöhnlich rege Theilnahme und veranlaßte uns, baldmöglichst an die Ausführung zu gehen. So ungern wir es übernahmen, Ort und Zeit der Versammlung zu bestimmen, so gab es doch hierfür keinen anderen Ausweg, natürlich von vornherein mit dem Vorbehalt, daß die Versammlungen von da ab Ort und Zeit selbst zu beschließen hätten. Namentlich der Grund, eine Stadt zu wählen, die möglichst im Herzen Deutschlands gelegen, von allen Theilnehmern leicht erreicht werden könne, richtete unseren Blick auf Braunschweig, dessen Gemeinde sich sehr vortheilhaft auszeichnete und zu einem neutralen Boden wie geschaffen war. Wir erinnern uns lebhaft, wie wir uns mitten im Winter persönlich dahin begaben und uns mitten in der Fahrt von einem starken Schneefall betroffen fanden, so daß die Lokomotive stecken blieb und erst nach sechsstündiger Arbeit wieder befreit und zum Ziele gebracht werden konnte. Wir fanden bei dem, ein Jahr vorher angestellten Landesrabbiner vr. Herzfeld und den Vorstehern L. Helfft, W. Hertz und F. Jüdel die herzlichste Aufnahme. Die Arrangements waren bei dem überaus guten Willen der Gemeinde, in deren Familien die Theilnehmer der Versammlung gastliche Aufnahme finden sollten, bald getroffen und ein Comits gewählt. Am 26. März richteten wir das Schreiben an den Vorstand, welches dieser dem Magistrate und durch diesen dem herzoglichen Staatsministerium vorzulegen hatte, um für die Abhaltung der Versammlung die behördliche Erlaubniß zu erhalten. J) Diese erfolgte am 12. April. Jetzt erwachte das allgemeinste Interesse an der bevorstehenden Versammlung und bereits bildeten sich die verschiedensten Parteianfichten und Parteiwünsche. Wer die in der A. Z. d. I. je nach dem Einlaufe mitgetheilten Anmeldungen durchmusterte, erkannte sofort, daß kein einziger Rabbiner, welcher sich zu den sog. Orthodoxen zählte, sein Erscheinen angezeigt hatte. Nur die gemäßigte und die nach damaligen Begriffen extreme Richtung war vertreten. So war es dann auch später in den Versammlungen. Es ist dies eine Thalsache, die für uns einen geschichtlichen Werth hat und die wir deshalb nachdrücklich betonen. Die orthodoxe Partei schloß sich von diesem Unternehmen absichtlich aus; sie wollte nicht einmal den Versuch 1) S. Protokolle der ersten Rabbinerversammlung (Braunschweia, Bieweg 1*44). ©. VII ff. machen, die Ausgleichung der Differenzen anzustreben; sie beabsichtigte also von vornherein, sich als eine Gegenpartei aufzustellen und einen vollständigen Bruch zu constatiren. Immer wiederholt wurden auch die orchodoxen Rabbiner ersucht, an dem gemeinsamen Werke sich zu betheiligen. Alles vergebens. Es ist hiermit dokumentirt, daß die sog. orthodoxe Partei sich abscheiden, sich separiren wollte und daß dies von ihr allein ausgegangen ist. Ob eine Ausgleichung statt» gefunden, ob man ein Terrain ausfindig gemacht hätte, auf welchem man vereint bleiben und wirken konnte, ist fraglich. Aber daß nicht einmal ein Versuch gemacht werden konnte, war allein die Schuld der orthodoxen Seite. Natürlich wurde hierdurch den gemäßigter Reform ergebenen Rabbinen die Sache sehr erleichtert und ein einheitlicher Charakter möglich gemacht. Die erste Rabbinerversammlung fand also zu Braunschweig vom 12—19. Juni statt. Die Braunschweiger Gemeinde hatte alles Wünschenswetthe gethan, um die Versammlung in würdigster Weise aufzunehmen. Es erschienen 24 Rabbinen, von welchen jetzt noch 6 am Leben find: Formstecher, Herxheimer, Heidenheim und Schreiber dieses in Deutschland; S. Adler und S. Hirsch in Amerika, jener in New-Uork, dieser in Philadelphia. Eine eigenthümliche Wirkung machte diese Versammlung aus die umgebende christliche Welt, und da sich dieselbe in Frankfurt a.M. wiederholte, so mögen wir hier derselben Erwähnung thun, da sie für die damalige Zeit bezeichnend ist. Man hatte sich wahrscheinlich vorgestellt, daß der größere Theil dieser Rabbinen in seltsamer altfränkischer Gewandung erscheinen und ihren jüdischen Jargon recht drastisch ettönen lassen würde. Nichts von allem dem. Alle diese Männer in europäischer, wenn auch dem geistlichen Stande angemessener Kleidung, alle diese Männer sich aufs Gewandteste in reinster deutscher Sprache ausdrückend, auch meist in der improvisirten Duskussion beredtsam, und sich in den besten parlamentarischen Formen bewegend, obschon die letzteren in jener Zeit allgemein noch wenig in Uebung standen — dies wirkte sympathisch auf die christliche Umgebung und machte die Versammlung zu einer nach dieser Richtung hin sehr wohlthätig wirkenden Erscheinung. Nach den Eröffnungsreden des vr. Herzseld und der unsrigen wurde das Bureau gewählt. Vorsitzender ward der älteste der anwesenden Rabbiner vr. Maier aus Stuttgart, der das Präsidium in würdigster Weise führte. Später wurde es zum Usus, daß immer der Ottsrabbiner den Vorsitz einnahm. Die erste Frage war, ob die Sitzungen öffentlich sein sollten? und dies wurde mit großer Majorität bejaht. Schreiber dieses hatte einen Entwurf von Statuten angesertigt. Derselbe wurde nach langen Verhandlungen mit einigen Veränderungen angenommen. Ebenso hatten wir einen Anttag gestellt: die Antworten des französischen San-