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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-25 · Heft 13 (25.3.1884) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 13 (25.3.1884)
Date
1884-03-25
Page
Seite 206 (sequence 14)
Language
German
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Oesterreich-Ungarn. Wien, 11. Marz. (Privatmitth.) Gestern Bormittag wurde eine aus den Rabbinern Schreiber (Preßburg), Kuttner (Eisenstadt) und Katz (Deutsch-Kreutz) bestehende Deputation der orthodoxen Gemeinden in Ungarn von Sr. Majestät dem Kaiser ein Audienz empsangen. Der Führer der Deputation überreichte dem Monarchen ein Memoire, in welchen sie Namens der orthodoxen Gemeinden gegen die Ent-' scheidung des k. ungarischen Cultusministers betr. der Ausbildung und Anstellung orthodoxer Rabbiner an die Hülfe des Kaisers appelliren. Der Monarch empfing die orthodoxe Deputation auf das Huldvollste und versprach, die Angelegenheit prüfen taffen zu wollen. Nach halbstündiger Audienz wurden die Rabbiner huldvollst entlaffen. — Professor Rohling, welcher seine Professur an der Prager theologischen Fakultät niederlegte, hat, wie „Pokrok" schreibt, auf persönliches Ersuchen des Kardinals Fürst Schwarzenberg seine Abdication zurückgezogen. Wien, im März. (Privatmitth.) Der hiesige „Betha- Midrasch-Berein" hat für das Jahr 1883 seinen Rechnungsausweis ausgegeben. Die einleitenden Worte sagen uns, daß das Vermögen des Vereins durch Spenden in erfreulicher Weise gewachsen, dagegen die jährlichen Beiträge von Mitgliedern und die Bethausspenden in den letzten Jahren sich fühlbar vermindert haben, weshalb an das theilnehmende Publikum nach dieser Richtung hin eine eindringliche Bitte gerichtet wird. Die Einnahmen für die laufenden Ausgaben betrugen 6551 fl., die Ausgaben 5262 fl., das Vermögen betrug 40,850 fl. Die Vorlesungen im Wintersemester waren: I. H. Weiß Geschichte der palästinensischen Amoräer, Tractat Chullin, das Buch Daniel; M. Friedmann das Erste Buch Samuel, Bereschit Rabba und Erklärung der laufenden Parascha; Dir. Joel Müller das Buch Cusari. Außerdem wurden zweimal wöchentlich Vorträge über Bibel und Mischna vor Gymnasialschülern von Herrn Friedmann gehalten. Lemberg, 6. März. Bekanntlich wurde die minderjährige Tochter des Prager Kaufmannes Philipp in einem Lemberger Kloster gegen den Willen ihrer Eltern zurückgehalten und deren Auslieferung verweigert. Die von dem Vater des Mädchens eingeleiteten Schritte zur Wiedererlangung seines Kindes blieben fruchtlos und das Mädchen ging schließlich zum christlichen Glauben über. Herr Philipp nahm nun in den letzten Tagen Audienz beim Monarchen, welcher den Auftrag ertheilte, daß die Tochter dem Vater ausgeliefert werde, was heute geschah. Frankreich. Paris, 14. März. Durch den Deputirten von Algier Herrn Letellier ist eine mit 300 Unterschriften versehene Petition bei der französischen Deputirtenkammer eingebracht worden. In derselben protestiren die Israeliten von Algier gegen die dortige Armenverwaltung, welche die Juden von jedem Antheil an den Unterstützungen ausschließen und verlangen vom Parlament, daß es ihr Anrecht wahre und den Dürftigen unter den Juden das in Geld gereicht werde, was sie z. B. an Fleisch nicht gebrauchen können. Dieselbe Petition wurde von Herrn Henri Tubiana bei der Regierung von Algerien eingereicht, in welcher dieser ausführlich das Recht der Israeliten auseinandersetzt. Rußland. St. Petersburg, 12. März. (Privatmitth.) In den letzten Tagen hat sich unsere Lage wesentlich verschlimmert. Die hiesige Polizei begann mit erneuter Härte Hunderte jüdische Familien, die seit einer Reihe von Jahren hier auf Grund von Commisscheinen von Kaufleuten erster Gilde lebten, ohne Weiteres auszuweisen. In der verflossenen Woche sind nicht weniger als 186 Familien ihres Aufenthaltsrechts beraubt worden, weil nach Angabe der Polizei ihre Prinzipäle sich auch ohne sie behelfen könnten. Von den schonungslosen , alle Menschenwürde beleidigenden Maßregeln bei der Ausweisung hier zu erzählen, bin ich leider nicht im Stande. Mir blutet das Herz, wenn ich nur an sie denke. Das war noch wenig, da kam ein Circular des Minister des Innern von 10.—22. Febr. a. c., nach welchem Handwerker, die in den innern Provinzen des Reichs, wo sonst der Aufenthalt den Juden verboten ist, auf Grund des Rechts, welches ihnen als solchen zusteht, wohnhaft sind, mit ihrem Fache aber sich nicht befassen, aus den betreffenden Provinzen ausgewiesen werden sollen, was wiederum Tausende und abermal Tausende jüdischer Familien der Willkür und Habsucht der Polizei ausliefert. Ein anderes Circular des Kriegsministers verbietet absolut die Aufnahme der Juden in die Medicinchirurgische Kriegsakademie, wo bis jetzt wenigstens 5 Proz. Aufnahme fanden. Doch dies Alles ist nur von geringerer Bedeutung im Vergleiche zu der tiefen Verzweiflung, welche in mehreren Provinzen gegenwärtig herrscht, in Folge der Ausweisung der Juden aus den Dörfern. Man glaubte anfangs, die Entscheidung des regierenden Senats in der „Tschernigow-Angelegenheit" werde so manchem verfolgungssüchtigen Administrator die Lust benehmen, nach seinem Gutdünken die „Temporären Vorschriften" zu interpretiren, aber weit gefehlt. Selbst im Gouvernement Tschernigow hat die competente Entscheidung des Senats nicht gefruchtet, und dauern dort die Verfolgungen nach wie vor fort, worüber man hier in maßgebenden Kreisen nicht wenig erstaunt ist. Diese Verschlimmerung der Lage unserer Brüder wird in Zusammenhang gebracht mit einem hier gegenwärtig tagenden geheimen Antisemiten-Congreß, an welchem Apostel der

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