Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1884)
- Date
- 1884-03-25
- Page
- Seite 205 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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205 in acht Mischen Häusern größtentheils eingeworfen, in das Haus -cs Vorstehers der Synagogen-Gemeinde Löwe drang 1 zwischen 9 und 10 Uhr ein Trupp Tumultuanten durch den Thorwcg vom Hofe aus ein und zertrümmerte Weniges in der Speisekammer, die Eindringlinge wurden durch 2 Polizeibeamte vertrieben. Das Haus des Löwe liegt abseits in einer Nebenstraße. — Um halb 12 Uhr konnten die Gendarmen und Polizeibeamten unter Anwendung der blanken Waffe die Tumultuanten von der Straße entfernen, um 12 Uhr war Alles ruhig. Für Sonntag waren 10 Gendarmen hierher zusammengezogen. Jüdische Familien sind aus Neustettin nicht geflüchtet. Man erkennt leicht aus diesem Berichte, daß er die Vorgänge so viel wie möglich abzuschwächen und obendrein die erste Bcranlafluug den Juden in die Schuhe zu schieben sucht. Es ist hier notorisch, daß der Bürgermeister und der Landlath sich niemals judenfreundlich bezeigt haben, und will dies in den gerichtlichen Verhandlungen zu Könitz bestätigt stnden. Hierzu kommt, daß der Krawall die unangenehme Folge hat, daß die Stadtgemcinde Ncustcttin nach dem Gesetze vom 11. März 1850 zum Ersatz des bei den Aufläufen verursachten Schadens verpflichtet ist und es ist schon daraus erklärlich, daß auf der einen Seite der Schaden so groß wie möglich, auf der anderen Seite aber so klein wie möglich darzustellen versucht wird. Der Einwand, daß die Gemeinde den Auflauf oder den Schaden nicht habe hindern können, ist nach der in Theorie und Praxis herrschenden Auffassung unzulässig. Ter Schadenanspruch ist binnen 14 Tagen präclusivischer Frist beim Gcmeindcvorftand anzumelden und binnen 4 Wochen nach Zustellung des Bescheides desielben gerichllich geltend zu machen. Gegen die Behauptung des Bürgermeisters, daß die Steine aus der Wohnung eines Juden geworfen worden, spricht klar, daß diese Wohnung gerade den ruhigsten und würdigsten Mitgliedern der hiesigen jüdischen Gemeinde zugeh vrt. Hierüber spricht sich ein Privatbrief eines Neustettincr Bürgers an seine in Berlin wohnenden Geschwister vom 11. März folgendermaßen aus: „Seit gestern Abend Militär hier, in Folge dessen herrscht Ruhe. Natürlich wird wieder der Versuch gemacht, die Schuld an den ganzen Krawallen den Juden in die Schuhe zu schieben. Tie Antisemiten sprengen das Gerücht aus, Flater habe auf die vor Martini's Hotel am Sonnabend Abend wegen des Maskenballs versammelte Menge Steine geworfen. Absolut kein wahres Wort daran. Es haben sich bereits mehrere christliche unbescholtene Bürger gefunden, welche aussagcn, daß die Steinwürfe von der Straße aus stattfanden, so daß es den Anschein hatte, als würde aus dem Hause geworfen. Ja, cs werden auch die Personen namhaft gemacht, die das gethan haben. Außerdem kennt Ihr Flater doch auch zur Genüge, um zu wissen, daß von diesem am allerwenigsten derartiges zu erwarten ist. Und was sollte er für einen Grund dazu gehabt haben? Die Menge verhielt sich ja nach der „Norddeutschen Presse" ganz ruhig und war nur aus Neugierde zusammengekommen. Und in diese harmlose Menge, und hier in Neustettin, soll ein Jude mir nichts dir nichts Steine hineinwerfen'. Der Widersinn, wenn es nichts Schlimmeres ist, zu dem sich das „W. T. B." hergegeben hat, ist zu groß, als daß er nicht für jeden vernünftigen Menschen klar zu Tage läge." Bon hier wird berichtet, daß Buch Holz und seine Frau von hier entwichen sind. Gründe hat dieser Hauptzeuge in den wahrscheinlichen Folgen seiner Zeugenschast bei den gerichtlichen Verhandlungen zu seiner Flucht genug, und die Mittel dazu werden ihm wohl von Seiten der Anstifter gewährt worden seien. — Was die, selbst noch von Herrn v. Puttkammer aufrecht erhaltene Beschuldigung, daß von den Juden Steine geworfen wären, betrisst, so geben wir hier ein Schreiben des Herrn Flater an die „N. St. Z." Er schreibt: „Die Behauptung, daß aus meinen Fenstern, der ich in dem, dem Martini'schen Hotel gegenüberliegenden Wohnhause 2 Treppen hoch wohne, mit Steinen geworfen sei, ist vollständig unwahr, wie ich durch vollständig glaubhafte Zeugen nachzuweisen im Stande bin. Ich bin in meine Wohnung gekommen, höchstens 5 Minuten bevor der Ruf aus dem vor meiner Thür angesammelten Menschenhaufen erscholl, es feien Steine von oben nach unten geworfen worden, und dazu habe ich mein Zimmer gleichzeitig mit einem anderen Herrn betreten. Meine Frau war verreist, mein Mädchen befand sich bei den Kindern in einem der hinteren Wohnzimnier und meine Kinder sind noch zu klein, als daß der Verdacht eines derartigen Frevels gegen sie erhoben werden könnte. Ich kann aber auch durch classische Zeugen Nachweisen, daß Steine von unten nach oben geworfen worden sind, und daß beim jedesmaligen Herunterfallen derselben der Ruf erfolgte: „Die Juden haben schon wieder Steine herunter geworfen." — Ich bin bis heute noch nicht einmal polizeilich über diese Vorgänge vernommen worden. Warum dies nicht geschehen, ist mir unverständlich, da es doch nicht die Absicht sein kann, diesen ungerechten Verdacht auf mir ruhen zu lassen, um die Ursache des Krawalls auf Provocation seitens der Juden zurückführen zu können." Uebrigens wird den Juden in Neustettin das Leben sehr sauer gemacht, und zwar nicht weniger durch Personen aus den sog. gebildeten Ständen, als von der unteren Masse. Es haben daher auch schon mehrere Familien den traurigen Ort verlassen. Wenn die gerichtlichen Untersuchungen, wie man hofft, energisch und unparteiisch durchgeführt werden, so wird man noch genug! erfahren, was man nicht für möglich halten sollte.