Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-25 · Heft 13 (25.3.1884) · p. Seite 201

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 13 (25.3.1884)
Date
1884-03-25
Page
Seite 201 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227515--41598-3310084
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

201 - - Und doch ist es dem Menschen nur auf wenige Augen-: mal das Bestreben bemerkbar, „das Judenthum in die Stelblicke gegeben, sich dieses Friedens in Natur und Menschen^ lung eines Weltaschenbrödels herabzudrücken, mit der es sich wclt, sich dieser Herrlichkeit in Gottes und in des Menschen! Jahrhunderte lang hat begnügen müssen," und die sogen. Werken zu erfreuen. Da ertönen mitten in diesem Frieden die Schlachtrufe der Parteien, und was noch schlimmer ist, „Humanität der Zeit" sei „keine Bürgschaft dagegen." Sie geht aber noch weiter; sie schließt: „Ueber die Formen, in die Unkenrufe derer, welche den Frieden unter den Menschen | denen sie (die zu erwartende Katastrophe) sich entwickeln wird, Haffen, weil da kein Spielraum für ihre Herrsch' und Hab-> braucht man nicht zu streiten. Sie kann ebenso wohl ohne gier übrig bleibt, weil im friedlichen Verkehr der Menschen j Spuren äußerer Gewalt verlaufen, wie sie sich das Dynamit sich diese brüderlich die Hand zu reichen lernen, und jene > unterthänig machen kann, das sich heute noch überwiegend dunklen Mächte nur aus Zwist und Hader, aus dem Zu-1 gegen andere Potenzen des Staates und der Gesellschaft richsammenbruch aller sittlichen Gewalten ihr Bestehen und ihreZet." Halten wir uns an das letztere. Denn der andere Befriedigung ziehen ... Weg, die „Katastrophe ohne Spuren äußerer Gewalt," d. h. Die „Kreuzzeitung" vom 13. d. bringt, anknüpfend an auf gesetzgeberischem Wege abspiclen zu lassen, ist der „Kr. die Neustettiner Exceffe, einen Leitartikel, der wohl Alles >Z." doch nur eine beiläufige Phrase. Die „Kr. Z." spricht übertrifft, was an Judenhaß und Judenhetze in dem an die- , hier Wünsche und Hoffnungen aus, aber glücklicher Weise sen so reichen Blatte bis jetzt geleistet worden. Sagen wir; sind diese noch lange keine Wirklichkeit. Also das Dynamit! im Voraus unsere Meinung. Wer diesen Artikel liest und j Die Kr. Ztg. vergißt hierbei aber ein sehr wesentliches Modazu die wüthige Rede Stöckers im Abgeordnetenhause vom j ment. Die Juden wohnen nicht mehr in abgeschlossenen 14., der muß bei ruhiger Prüfung zu der Schlußfolgerung kommen: diese Leute spielen ihre letzten Trumpfe aus; sie sind zum Bewußtsein einer erfolglosen Agitation gekommen; Ghetti. Wenn ein Haus, in welchem Juden wohnen, mit Dynamit in die Luft gesprengt wird, so fliegen auch die Christen mit, die in, diesem und in den benachbarten Häusern ffe fühlen, daß sie auf dem bisherigen Wege zu keinem Ziele wohnen. Diese Art „Katastrophe" würde also die Christen gelangen, und deshalb machen sie ihrer Wuth in äußerster Leidenschaftlichkeit, die sie nur mit Mühe zu verhalten vermögen, ungescheut Luft. Dies ist der Eindruck, den auf uns die Expektorationen Stöckers und der Kreuzzeitung gemacht haben. Sie wollen uns Furcht einjagen, Schrecken cinflößen — das wird ihnen nicht gelingen. Wer nicht feige ist und weiß, daß er für Recht und Wahrheit und nur mit gesetzlichen Waffen eintritt, der läßt sich selbst von den furchtbarsten Drohungen des Gegners und von diesen am wenigsten ebenso gut treffen wie die Juden. Denn die „Kr. Z." kann doch nicht meinen, daß, nachdem man im Synagogenbrande zu Neustettin das Petroleum im Spiele glaubte, nur die Synagogen mit Dynamit gesprengt werden würden? Ta-? wäre immerhin ein Mißgeschick, aber keine „Katastrophe" für die Juden. Ueberhaupt würde das Dynamit zu einer solchen Rolle gelangen, dann würde es sich sicherlich nicht auf die Juden beschränken; dann würde es so weit gekommen sein, daß die ganze menschliche Gesellschaft in Gefahr stünde, in schrecken. — Die „Kreuzzeitung" versichert zunächst, daß ftc j bic Lust gesprengt zu werden, und so etwas kann sich nur einiges Mitgefühl mit den verfolgten Juden in Neustettin gedie leidenschaftlich erregte Phantasie der Kreuzzcitung cinhabt, daß dieses aber schnell dem Unwillen gewichen sei, den bilden. Aber wir haben hiermit den Mittelpunkt der ganzen ihr die Uebertreibungen erweckt, deren sich einige Berliner Blätter schuldig gemacht. Welche wohlfeile Weise, das Mitgefühl mit unschuldig verurtheilten, jetzt wieder rehabilitirten und nun doch gemißhandelten Menschen los zu werden! Uebertreibungen, das muß doch erst erwiesen werden. Ihnen gegenüber stehen die Versuche, die Vorgänge abzu- Sache berührt. Die Verhältnisse liegen jetzt so, daß eine „Katastrophe", welche das gesammte Judenthum beträfe, nur mit einer Katastrophe der gesammten bürgerlichen und staatlichen Gesellschaft zusammenfielc. Denkt sich die „Kr. Ztg." eine solche die Juden vernichtende Katastrophe, so könnte diese nur mit dem Untergange des ganzen Rechtsstaates vor schwächen und auf ein harmloses Minimum abzumindern. I sich gehen, mit dem Zusammenbruch aller gesetzlichen Ord- Doch das wird, hoffen wir, die gerichtliche Untersuchung ans nung, mit der Vernichtung aller staatlichen, richterlichen und Licht stellen. Die „Kr. Z." erhebt sich aber schnell zu höheren Ansichten. Sie vergißt das kleine pommersche Städtchen und besieht sich die ganze Weltlage betreffs der Juden. Sie schaut rückwärts und bemerkt die „furchtbaren Katastrophen", die im Laufe der Geschichte das Judenthum, nicht erlitten, sondern „sich selbst zugezogen habe." „Auch die Gegenwart gemahne wieder daran, daß eine solche Katastrophe im Anzuge ist." In der nichtjüdischen Welt mache sich wieder einpolizeilichen Gewalt. Eine solche Katastrophe für die Juden wäre also eine Katastrophe für den ganzen Staat unddie ganze Gesellschaft. Nun, wenn der Himmel einstürzt und die Erde zermalmt, darf der Einzelne sich nicht beklagen, daß er mit der Gesammtheit untergeht. Es ist also eine bloße Spiegelfechterei, wenn die „Kr. Z." meint, „die Humanität der Zeit" sei „keine Bürgschaft dagegen". Es gilt hier keine Humanität, es gilt den Bestand des Staates, des Geis

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.