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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-25 · Heft 13 (25.3.1884) · p. Seite 200

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 13 (25.3.1884)
Date
1884-03-25
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
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200' sentanten nicht gesehen. — Der Vertheidiger schließt mit der! Versicherung, nach seiner innersten Ueberzeugung seien die Angeklagten sämmtlich unschuldig. — Nachdem noch der Vertheidiger Justizrath Schennemann und Rechtsanwalt Meibauer sür die Freisprechung aller Angeklagten plaidirt, tritt eine kurze Pause ein. — Bei Wiedereröffnung der Sitzung findet noch eine Replik und Duplik zwischen Staatsanwalt und Vertheidigern statt, der Präsident ertheilt die nöthige Rechtsbelehrung, worauf die Geschworenen nach sehr kurzer Berathung alle Schuldfragen bezüglich sämmtlicher Angeklagten verneinen. Der Gerichtshof erkennt hierauf auf Freisprechung aller Angeklagten und beschließt, den Angeklagten Lesheim sen. sofort aus der Haft zu entlaffen." So endigte dieser Prozeß, welcher nicht minder, wie der von Tißa-Eßlar die Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Welt auf sich gezogen hatte. Wir können indeß nicht verhehlen, daß wir mit Schmerz in den meisten deutschen Blättern vergebens nach einem aufrichtigen Worte der Entrüstung über alle diese Vorgänge und des Bedauerns mit den unglücklichen Juden, die Jahre lang unter dem Drucke einer schmählichen Anklage und einer Verurtheilung und zum Theil auch im Gefängniß schmachteten, gesucht haben. Eine Ausnahme hiervon machte die „Frankfurter Zeitung" und wir heben aus deren Leitartikel vom 9. März eine charakteristische Stelle hervor: „Das Kösliner Verdict wirkte gewaltig auf die Gemüther. Während man auf einer Seite trotzdem an der Unschuld der Verurtheilten festhielt, erhob sich auf der anderen ein frenetischer Jubel und feierte förmliche Orgien. Die Stöcker und Genoffen waren groß; die Scharte, die der Antisemitismus in Tißa-Eßlar erlitten hatte, sollte durch Neustettin ausgewetzt sein. „Wir leben Gottlob nicht in Ungarn!" hieß es, bei uns kommen Verbrechen nicht nur ans Licht, sondern finden auch ihre unerbittlichen Richter; man glaubte Shylok's Lob auf den ersten Spruch der Portia zu hören. Nun ja, wir leben nicht in Ungarn, aber unsere Jstoczy's, unsere Verhovay's haben wir auch und ihr Oberster ist ein Hofprediger des deutschen Kaisers." Er schließt: „Wir sprachen im Eingang von dem letzten Akt des Dramas; sollte es wirklich mit dem Nichtschuldig zu Ende sein? Sollte nicht noch ein anderes Gericht, das einen anderen Codex als das Strafgesetz zur Grundlage seines Spruches zu machen hat, berufen sein, hier noch seines Amtes zu walten? Ja, es wird es thun, und vor diesem Tribunal werden auch die Stöcker und Genoffen ihr Urtheil empfangen. Sie haben sich es schon selbst gesprochen in dem Rausch ihrer fanatischen Verblendung, denn wie hieß es in jenen Versammlungen, in denen Stöcker verkündete, die Juden seien als Brandstifter am eigenen Heiligthum entlarvt und gerichtet worden? „Die Flammen der Neusiettiner Synagoge leuchten weithin und zeugen wider die Juden!" Ja wohl sie leuchten und zeugen, aber was sie jetzt und immerdar beleuchten und bezeugen werden, ist „die Schmach des Jahrhunderts", verkörpert in der Judenhetze, welche die Stirn hat, sich national zu nennen, während sie deutsches Recht, deutsche Sitte, deutsche Intelligenz vor aller Welt schändet!" Der Prozeß ist zu Ende. Aber die Antisemiten konnten diese abermalige Niederlage vor dem Forum des Rechts nicht ruhig ertragen, sondern mußten ihrem Aerger durch Tumulte in Neustettin Luft machen. Diese wurden denn auch am Sonnabend und Sonntag Abend in Scene gesetzt. Man bediente sich hierzu schon oft angewandter Mittel: es sielen auf die versammelte Maffe einige Steine, man schrie: „das haben die Juden gethan", und die Exceffe gingen los. Durch das endliche energischere Einschreiten der Sicherheitsbehörde und durch das Herbeiziehen von 20 Mann Soldaten wurden die Tumulte unterdrückt und seitdem herrscht in Neustettin wieder Ruhe. Das Nähere geben wir in den „Zeitungsnachrichten". Nur Zweifaches wollen wir noch hervorheben. Das „Wolff'sche Telegraphenbureau" verbreitete, daß von „competenter Seite" versichert werde, die Steine seien wirklich aus einer jüdischen Wohnung geflogen. Die Untersuchung hat gezeigt, was jeder Vernünftige voraussetzte, daß dies völlig unwahr ist. Man weiß in Neustettin sehr wohl, wer der Hauptbeförderer des dortigen Antisemitismus war und ist. Das andere Moment ist: die Abgeordneten der Fortschritspartei, Abg. Zelle an der Spitze, haben eine Interpellation in das Abgeordnetenhaus gebracht, welche Freitag den 21. d. zur Verhandlung kommt. Die Interpellation lautet: „Ich frage die königliche Staatsregierung: Ist dieselbe in der Lage, über die tumultuarischen Vorgänge in Neustettin am Sonnabend den 8. und Sonntag den 9. d. Mts. authentische Auskunft zu ertheilen?" Ein Unkenruf )er „Lreuzzeitung". Eine seltene Frühlingspracht ist über die deutsche Erde heraufgezogen. Wir stehen am Ufer des Rheins und blicken auf den herrlichen Wasierspiegel, auf welchem herab und hinauf die Dampfer und die Segelboote fahren, am rechten und am linken Ufer die Dampfroffe lange Züge von Personen und Gütern befördern. Darüber hinaus breiten sich die mit grünen Saaten überzogenen Fluren, die Gärten mit prächtigen Blumenbeeten; überall bieten sich anmuthige Billen und wohlgebaute Dörfer dem Blicke dar; bewaldete Hügel und die anmuthigen Formen des Siebengebirges schließen den Horizont ab. Welch' ein Friede und in ihm welch' reiches Leben in Arbeit, Verkehr und Civilisation! O die goldne Sonne am blauen wolkenlosen Himmel! O die grüne Erde, die für den kommenden Sommer so reiche Ernten verspricht!

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