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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-25 · Heft 13 (25.3.1884) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 13 (25.3.1884)
Date
1884-03-25
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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197 war aber doch erst ein Jahr nach dein Brande mit seinen ' Anschuldigungen hervorgetreten und zwar zuerst bei dem Heerlager der Antisemiten, der Redaction der „Norddeutschen Presse". Daß er dem Trünke ergeben, wird bezeugt. Seine Anklage beruhte bekanntlich darauf, daß er auf Anordnung Heidemanns Holz von ihrem Hofe weg und in einen Stall j gepackt und zwei Bretter aus dem Zaune gebrochen' habe, um den Zugang zur Synagoge zu erleichtern. Hierzu! fügte er nunmehr eine neue Beschuldigung. Er habe im! Hause der Heidemanns ein mit Pulver versehenes Stück; Zündschnur gefunden, oder vielmehr das Dienstmädchen Hilger habe sie ihm gegeben, mit welcher Schnur die Heidemanns die Synagoge wahrscheinlich angezündet hätten. Außerdem! wollte er die Lesheims mit der Petroleumkanne in die Syna-' goge gehen gesehen haben. Im letzteren Punkte ergaben sich alsbald die mannichfachsten Widersprüche in seinen früheren und jetzigen Aussagen, und Gleiches war in allen Nebensachen der Fall. Hinsichtlich des Wegpackens des Holzes in den Stall gaben mehrere Zeugen an, daß sie gleich nach dem Brande den Stall von allem Holze frei gefunden, und mit dem jüngeren Heidemann ihn mit Fellen, Leder und Möbeln angefüllt hätten. Ebenso bekundeten Zeugen, daß sie das Holz unberührt auf dem Hofe gesehen, und eine Nachbarin erinnerte sich genau, daß sie am Morgen des Tages, an welchem der Brand ausgebrochen, ihr Söhnchcn verwarnt habe, auf das Holz zu klettern, von welchem er leicht herabfallen konnte. Was nun die Zündschnur betrifft, so ergab sich Fol-! gendes: Schon am Anfang des Verhörs gerieth Buchholz mit seiner Frau in vollsten Widerspruch über die Zeit, in welcher er die Schnur gefunden. Dienstmädchen Hilger behauptet mit! vollster Entschiedenheit, daß sie die Schnur weder auf dem Heidemann'schen Spinde gefunden noch eine solche Schnur in der Heidemann'schen Wohnung jemals gesehen habe. — Criminal-Commissarius Höft: Im Aufträge des Ministers des Innern und mit Zustimmung des Ministers der Justiz' war ich in der gegenwärtigen Prozeßangelcgcnheit nach Neustettin gereist, um Erhebungen in dieser Sache anzustellen. Ich bestellte u. A. den Zeugen Buchholz zu mir in Mündts Hotel. Buchholz sagte mir, er könne Nichts weiter sagen, als was er bereits gesagt. Am Abend wurde plötzlich die Thür in meinem Zimmer ganz ungestüm aufgerissen, und Buchholz trat in vollständig angetrunkenem Zustande herein. Er sagte: „Nun, Hrrr Commissar, sehen Sie! Nun ist es doch klar, daß die Juden den Tempel angezündet haben. Nun liegen die Juden ordentlich drin, nun werden die Juden alle aufgehängt, und wir Christen find frei. Dieses habe ich in der Heidemann'schen Wohnung gefunden, und es ist klar, daß die Juden damit den Tempel angezündet haben." Buchholz überreichte mir ein Papier, in dem die Zündschnur eingewickelt war. Ich entfaltete das Papier, besah mir die Schnur und fragte: „Wann haben Sie die Schnur gesunden?" Buchholz erwiederte: „Am Tage nach dem Brande fand sie die Bertha Hilger in der Heidemann'schen Wohnung. Im Sommer 1883 habe ich die Schnur meinem Freunde Wienicke gezeigt; wir haben ein Stück von der Zündschnur abgeschnitten, es angezündet und gefunden, daß Pulver darin sei." Ich sagte: „Aber. Buchholz, weshalb treten Sie denn erst jetzt mit einem solch wichtigen Belastungsmaterial vor? Weshalb haben Sie das nicht wenigstens beim Schwurgericht in Köslin vorgebracht?" Buchholz antwortete mir: „In Köslin war das nicht nothwendig, da wußte ich ja, daß die Juden ohnehin drin liegen." Ich bestellte mir an demselben Abende noch den Wienccke; dieser war aber so betrunken, daß ich nicht mit ihm verhandeln konnte. Ich hieß ihn deshalb am andern Morgen wiederkommen; Wienecke antwortete mir jedoch, er müsse erst mit seiner Frau sprechen, ehe er etwas! sage. Trotz wiederholter Vorhaltungen war er zu einer Aus- Zage nicht zu bewegen. Ich bestellte ihn wiederum, und da! sagte mir Wienicke: „Ich sage Nichts; meine Frau meint, ich soll Nichts sagen." Inzwischen hatte ich Frau Buchholz laden lassen. Diese erzählte mir auch von dem mit der ' Schnur in der Schmiede vorgenommenen Experiment, das j — und so sagte auch Buchholz —14 Tage nach dem Brande! stattgefunden habe. Frau Buchholz bemerkte ferner, sie sei, als die Schnur in der Heidemann'schen Wohnung gefunden wurde, zugegen gewesen: sie wußte aber Nichts von dieser Auffindung. — Buchholz und Wienicke bestätigen, daß der Erstere die Schnur 14 Tage nach dem Brande vorzeigte; Experimente hätten sie jedoch nicht vorgenommen. — Der Präsident verwarnt den Buchholz in eindringlichster Weise; derselbe bleibt jedoch bei seiner Behauptung. — Criminal- Eommissar Hoeft: Ich habe die Vernehmung dieses Zeugen sofort verbotene niedergeschrieben und das Referat zu den Akten eingercicht. — Der Präsident bestätigt das. — Dienstmädchen Hilger bestreitet mit vollster Entschiedenheit, die vorliegende Zündschnur gefunden zu haben. — Eriminal-Commissar Hoeft: Ich habe ein Stückchen Schnur angezündet;; dasselbe enthält in der That Pulver. — Steinsetzer Janitz j bekundet, daß ihm Buchholz vom Wegpacken des Holzes u.; s. w., nichts aber von der Zündschnur erzählt habe. Solche Zündschnur werde von Steinsetzern behufs Sprengung der Steine benutzt und Buchholz habe ihnen bisweilen geholfen, , Steine entzweizuschlagen. Waren hiermit die belastenden Aussagen des Buchholz theils als unzuverlässig, theils als unwahr erwiesen, so trat in der Sitzung vom 6. März ein wichtiger Zncidenzfall ein. Der Bertheidiger Rechtsanwalt Dr. Sello nahm das Wort: Ich erlaube mir folgende Mittheilung zu machen: Der Steinsetzmeister Beyer hat gestern Herrn Justizrath Scheunemann in dessen Hotel aufgesucht und ihm gesagt, sein Ge-

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