Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1884)
- Date
- 1884-03-18
- Page
- Seite 189 (sequence 13)
- Language
- German
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später auch in Polen und einigen Gegenden Deutschlands eingeführt. Man könnte die Juden demnach die erste „gemeinsame Angelegenheit" der österreichisch-ungarischen Monarchie nennen. Ungarn und Böhmen fanden es vor sechs Jahrhunderten nicht unter ihrer Würde, ein für das kleine Erzherzogthum gegebenes Gesetz anzunehmen.! Das Statut Friedrichs verlor aber bald unter klerika- J lem Einflüsse seine Bedeutung. Das im Jahre 1267 vom! Cardinal Guido in Wien zusammenberufene Provincialconcil! decretirte eine Menge Beschränkungen und Bedrückungen der 1 Juden. Sie mußten sich durch eine besondere Tracht aus-; zeichnen, den Pfarrern Zehnten und andere Gebühren ent-j richten, sie durften keine neuen Synagogen bauen, keine j Aemter bekleiden u. s. w. Aehnliche Beschlüsse faßte 12 Jahre später ein in Ofen versammeltes Concil. Merkwürdig ist es, daß der überaus fromme und eifrige Kaiser Ferdinand II. sich den Juden sehr gnädig zeigte. Er gestattete ihnen den Bau einer Synagoge in Wien, verbot den katholischen Geistlichen, gegen die Juden zu predigen, und erhob einen Juden in Prag in den österreichischen Adelsstand. Auch ertheilte er im Jahre 1623 den Juden in Böhmen besondere Privilegien, welche er dann 1628 „wegen ihrer jederzeit erzeigten gehorsamen Treue und aufrechten Beständigkeit" erweiterte. Der Klerus verharrte aber in seiner Feindseligkeit gegen die Juden. Als im Jahre 1687 eine Feuersbrunst fast die ganze Prager Judenstadt zerstörte und viele Juden in christlichen Häusern Obdach fanden, verbot der Erzbischof von Prag den Pfarrern, jenen Christen, in deren Häusern Juden wohnten, die letzte Oelung zu spenden. Die letzte Austreibung der Juden aus Wien fand im Jahre 1670 statt, und der Kaiser Leopold ließ sich nur schwer dazu bewegen. Unter Anderem erboten sich die Bürger Wiens, welche sich die jüdische Concurrenz in Handel und Verkehr vom Halse schassen wollten, die Steuern, welche die Juden entrichteten, jährlich 14,000 Gulden der Staatskasse zu ersetzen. Die Juden hatten aber der Austreibung zu verdanken, daß sie die große Pest in Wien im Jahre 1679 und die türkische Belagerung nicht mit erlitten. Die Wiener konnten aber die Steuer nicht aufbringen, und die Juden waren so unentbehrlich, daß man bald wieder an ihre Zurückberufung denken mußte. — Kaiser Karl VI. trat energisch gegen die zwangsweise vollzogene Taufe von Judenkindern ein. Auf eine Beschwerde der Juden in Friaul und im Küstenlande, daß man ihnen öfters ihre Kinder entreiße, um sie zu taufen, verfügte der Kaiser die sofortige Rückgabe der geraubten Kinder und verbot unter strenger Strafe solche unerlaubte Taufen, welche er „Attentate gegen die Gesetze der Natur und der Religion" nannte. Einige Jahre später ereigneten sich ähnliche Fälle im Venetianischen, und die Regierung der Republik nahm das Edikt des Kaisers als Präcedenz an. — Die Kaiserin Maria Theresia war im Anfänge ihrer Regierung den Protestanten und Juden sehr abhold. Sie verfügte im Jahre 1747 die Austreibung der Juden aus Böhmen. Alle Bitten und Vorstellungen derselben, selbst die Verwendung der Behörden und der Stände, fanden kein Gehör bei der Kaiserin. Bis auf wenige mußten die Juden Prag verlassen. Es blieben jedoch die nachtheiligen volkswirthschaftlichen Folgen dieser Maßregel für die Hauptstadt Böhmens nicht aus. Die Häuser verloren an Werth, da viele Wohnungen leer standen, die Producenten, Krämer und Handwerker aller Art mußten zu geringen Preisen ihre Waaren losschlagen oder waren beschäftigungslos, sogar die Haarkräusler und Barbiere klagten über die schwere Noth der Zeit, die über sie in Folge der Vertreibung der Juden gekommen sei. Die böhmischen Stände erklärten, außer Stande zu sein, die Steuern zu zahlen. Unter diesen Verhältnissen entschloß sich die Kaiserin im Jahre 1748, die Juden in Böhmen wieder aufzunehmen, jedoch sollten sie in Verbindung mit ihren Glaubensbrüdern in Mähren und Schlesien außer anderen Steuern noch 300,000 Gulden jährlich als Judensteuer bezahlen. Ein Jahr später legte die Kaiserin den Juden in Ungarn eine Steuer von 20,000 Gulden auf, welche nach und nach bis auf 80,000 Gulden jährlich erhöht wurde. — Kaiser Joseph II. verpflichtete die Juden zum Militärdienst, wobei ihnen sogar gestattet wurde, für sich besonders zu kochen, wie es jetzt mit den mohammedanischen Soldaten aus Bosnien der Fall ist. Wie Wolf erwähnt, haben Juden schon unter Ferdinand II. im kaiserlichen Heere gedient und in noch viel früherer Zeit haben die Juden an den Kriegen der Christen und Mohammedaner in Spanien theilgenommen: Bor der Schlacht bei Zelona (1086) ließ, wie Conde erzählt, König Alfonso VI. von Castilien dem Almorasidenfürstcn Juffuf Vorschlägen, die Schlacht um drei Tage zu verschieben, denn „Morgen ist Freitag und daher für die Moslim kein zum Kämpfen passender Tag, am Sabbath könne man auch nicht schlagen, weil sich in beiden Heeren viele Juden finden und am Sonntag feiern die Christen." Jussuf willigte ein, die Schlacht auf Montag zu verschieben, wurde aber, wie mohammedanische Quellen berichten, von Alfonso trotz der Verabredung am Freitag angegrissen. — Nach dem Artikel 39 der Landesgerichtsordnung für Niederösterreich vom Jahre 1656 durfte die peinliche Frage gegen einen Angeklagten nur einmal angewendet werden; nur sehr starke Leute, Juden und Zigeuner, konnten zwei oder auch drei Mal „ nach vernünftiger Ermessung eines Richters torquirt werden." Allen diesen Beschränkungen machte das Jahr 1848 ein Ende.