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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-18 · Heft 12 (18.3.1884) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 12 (18.3.1884)
Date
1884-03-18
Page
Seite 188 (sequence 12)
Language
German
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188 Schrift des Socialismus oder Atheismus beschuldigte? Ganz ebenso werden im Talmud hier und da Aussprüche von z Fanatikern erwähnt, um sie an dieser und an anderen Stellen: zu bekämpfen und als irrig zurückzuweisen. Die Eisenmenger und Consorten reißen nun jene Sentenzen aus dem Zusammenhänge heraus und geben sie für die eigentlichen und wirklichen Ansichten der Talmudisten und des Judenthums aus. Wir wünschten deshalb, daß diejenigen, welche sich mit der Apologie des Talmuds beschäftigen, nicht bloß die schönen und erhabenen sittlichen Aussprüche aus dem Talmud sammelten, sondern auf jenes Manöver der Talmudfresser direkt eingingen und es in klarer unumstößlicher Weise bloßlegten. — Münster, 5. März. (Literarische Notizen.) „Deutsches Lesebuch für die Mittelklasien der Volksschule" von G. Richter und A. Hästers. (Mit ministerieller Genehmigung.) — Ausgearbeitet für isr. Schulen von M. Blumenfeld. — Desgleichen für die Oberklaffen der Volksschulen. — Essen, Druck und Verlag von G. D. Bädeker. Die Lesebücher von Hästers in ihrer früheren Anlage, dann in der Bearbeitung für isr. Schulen durch den verstorbenen vr. Hecht und ferner durch Herrn Blumenfeld sind bekannt. In ihrer neuerlichen Umgestaltung durch Herrn Georg Richter haben dieselben wesentlich gewonnen, indem mehr das jugendliche Gemüth Anziehendes, und zwar nach trefflicher Wahl, ausgenommen ist. Da die früheren Ausgaben für jüd. Schulen wegen der Orthographie nicht mehr zulässig waren, wodurch für unsere Schulen die heikle Lesebuchfrage entstand, so hat sich Herr Blumenfeld durch die Bearbeitung der Richter'schen Ausgaben ein großes Verdienst erworben, umsomehr als das für isr. Schüler Anstößige ausgeschieden, und an deffen Stelle ein Lesestoff eingefügt, der nach Inhalt und Form mustergültig ist. — Kurz, es sind uns in obigen Schriften treffliche Lesebücher geboten, denen wir die allgemeine Einführung in unsere Schulen wünschen. A. T. Aeuil Die Zu-en in Oesterreich. Einige historische Notizen und Curiosa. Im Verlage von Karl Prochaska in Wien erscheint ein Sammelwerk: „Die Völker Oesterreich-Ungarns. Der soeben erschienene 7. Band enthält: „Die Juden von vr. G. Wolf. Mit einer Schlußbetrachtung von vr. W. Goldbaum". (1883. 177 S.). Auffälliger Weise haben wir bis heute diese Schrift unseres Freundes nicht erhalten und begnügen wir uns mit einigen Auszügen aus einer ausführlichen Besprechung in der „Beilage zur Allgemeinen Zeitung" vom 12. Jan. Wolf theilt sein Werk in drei Abschnitte: 1) Geschichtliches, 2) Culturverhältniffe, 3) Sitten, Gebräuche und Charakter. Er hält sich dabei völlig auf dem Standpunkte des Thatsächlichen, während Goldbaum in dem Anhänge auf die antisemitische Bewegung eingeht. Wir wollen hier nun zwar dem Faden der Wolfschen Schrift nicht folgen, sondern nur einige interessante Daten hervorheben. Ueber die erste Einwanderung der Juden in Oesterreich liegen keine Nachrichten vor, und was ältere Autoren darüber berichten, gehört in das Gebiet der Fabel. So berichtet Wolfgang Lazius von einem im Pfeifer'schen Hause am Graben gefundenen Grabstein eines jüdischen Riesen Namens Mardochai, welcher im Jahre 2560 nach Erschaffung der Welt oder 180 Jahre nach dem Auszug aus Aegypten in Wien gestorben ist, und ein zweiter Grabstein eines Juden. Salem Sohn des Baruch, soll die Jahreszahl 4016 getragen haben. Die Juden hätten demnach also anderthalb Jahrtausende ruhig in Wien gelebt, und müffen sich auch eines besonders guten Gesundheitszustandes erfreut haben, da nur leton. zwei von ihnen in dieser Zeit starben. Und wie modern kommen uns diese zwei Juden vor gegen jenen Abraham, welcher nach dem Berichte einer alten Chronik, bald nach der Sintfluth Stockerau gründete! Wolf führt einen Bericht der kaiserlichen Hofkammer vom Jahre 1672 an, in welchem es heißt, daß die Juden „fast vor Christi Geburt und der Zerstörung Jerusalems her" in den meisten Ländern Europa's wohnen, und ist es auch nicht unwahrscheinlich, daß die Juden im Gefolge der römischen Heere nach den Donau-Ländern kamen. Die ersten authentischen Nachrichten über die Juden im Gebiete der jetzigen österreichisch-ungarischen Monarchie datiren aber erst vom 10. Jahrhundert. In Ungarn finden wir sie zuerst unter Bela I. (1061—1063) erwähnt, und die ungarische Gesetzgebung beschäftigte sich schon im Jahre 1092 mit den Ehen zwischen Christen und Juden. Gut Ding will Weile, und so sehen wir jetzt, wie der ungarische Reichstag sich nach 800 Jahren wieder mit dieser Frage beschäftigt. In Böhmen wurde schon anno 1076 die Zahl der Juden, denen der Aufenthalt gestattet war, auf 1060 Seelen beschränkt. , Dagegen zeigte der letzte Babenberger, Friedrich der Streitbare, eine sehr wohlwollende Gesinnung für die Juden, welche in seiner „Ordnung für die Juden in Wien" vom Jahre 1238, mehr aber noch in seinem Statut für die Juden in Oesterreich vom 1. Juli 1244 zum Ausdruck kam. Interessant und bedeutsam ist es, daß an diesem Judenpatente sich zuerst die Zusammengehörigkeit der österreichisch-ungarischen Länder zeigte, denn es wurde 1251 von König Bela IV. in Ungarn, 1254 von Ottokar II. in Böhmen und Mähren,

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