Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1884)
- Date
- 1884-03-18
- Page
- Seite 187 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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187 und die Gemeinde dadurch im Stande war, ein bescheidenereicher Wirksamkeit. Zum Schluffe hob der Redner noch herres, aber immerhin sehr würdiges Gotteshaus zu errichten. — Ans Nyiregyhaza wird gemeldet: Auf Initiative des aus dem Tißa-Eßlarer Prozesse bekannten Dr. Ignaz Heumann wurde die Bereinigung der Orthodoxen und der Muttergemeinde, welche vor Jahren zum Schaden Beider sich von einander losgetrennt hatten, zur Freude Aller bewerkstelligt. Beide Gemeinden verbleiben synagogal im Statusquo, die Administration jedoch wird von nun an eine einheitliche sein. — Aus Pest wird geschrieben: Gestern wurde hier ein junger Mann verhaftet, der sich allerorts als vr. pliil. Ludwig Gansfried ausgab und in zahlreichen Provinzstädten auf Grund gefälschter Schriften für eine angeblich in der Hauptstadt zu errichtende Synagoge und ein israelitisches Waisenhaus leichtgläubigen Leuten namhafte Beträge entlockte. Ter Schwindler wurde heute dem Criminalgerichtc übergeben. — Der Vorstand der Synagogengemeinde T h o r n ersucht uns um Veröffentlichung folgender Mittheilung: Sonntag 10''2 llhr Vormittags versammelte sich ein größerer Kreis von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, dem sich auch mehrere andere unserer Mitbürger anschloffen, auf dem jüdischen Friedhofe, um zum Andenken an den vor einem Jahre verstorbenen Kaufmann Isaak Mieses eine Gedächtnißfeier zu begehen. Eingeleitet wurde dieselbe mit dem Gesänge einiger Psalmen. Nachdem darauf das Grabdenkmal enthüllt worden, ergriff Herr Rabbiner vr. Oppenheim das Wort. In gehaltvoller und ergreifender Rede schilderte Herr vr. O. die bedeutende Individualität des Verblichenen. Der Gefeierte, so hob der Redner hervor, gehörte noch zu der Reihe jener Männer, welche die Wissenschaft um ihrer selbst willen lieben; und pflegen, unbekümmert um etwaige aus ihr zu schöpfende äußere Bortheile oder eine durch sie zu erringende Lebensstellung. Dieser ideale Zug war es mit in erster Reihe, wodurch es dem Verblichenen gelungen ist, sich zu einer von aller Einseitigkeit so reinen und geläuterten Welt- und Lebensanschauung zu erheben. Dieser Zug war es auch, der ihn bis in sein spätestes Alter unaufhörlich antrieb, sich in die Gedankenwelt der hervorragendsten Geister zu vertiefen. Mieses wollte und konnte nicht Fachmann sein in dem engeren Sinne des Wortes. Er befolgte den Grundsatz jener alten Weisen: „Mache nicht die Wissenschaft zum Spaten, um damit zu graben", wie schwer auch die Kämpfe sein mochten, die er dieserhalb zu bestehen hatte, wie große Entbehrungen er sich auch auferlegen mußte, um jenem Grundsätze, welcher ihm eine wesentliche Bedingung der Unabhängigkeit der Gesinnung und des Charakters zu sein schien, unerschütterlich treu zu bleiben. So gehörte der Verblichene zu jenen Männern, welche stets durch ihr ideales Wesen und durch ihre Charakterfestigkeit auf ihre Umgebung mächtig einwirkten. So war sein Leben an sich schon eine That, ein Beispiel von segensvor, daß der ideale Zug in dem Charakter des seligen Hrn. Mieses sich auch darin kund gab, daß er, obgleich er sich in die Werke der freisinnigsten Denker vertiefte und in den letzten Jahren sich mit denselben fast noch mehr befaßte, als mit dem jüdischen Schriftthume, dennoch streng rituell lebte und den Jndifferentismus der in dieser Beziehung in unseren Tagen allenthalben zu finden ist, oft bitter tadelte. Bonn, 3. März. (Literarische Notizen.) In diesen Tagen erschien: „Geist der griechischen Geschichte von vr. Johann Jacoby. Nach dessen Tode herausgegebeu von Franz Rühl. (Berlin, Hofmann, 1884.) Es ist dies also eine hinterlassene Arbeit Johann Jacoby's, die deshalb von! Interesse ist, als sie die Vielseitigkeit und geistige Regsamkeit!des berühmten Abgeordneten und politischen Schriftstellers erweist. An sich ist sie jedoch nur ein „Auszug aus Grote's Geschichte Griechenlands", wie auch auf dem eigentlichen Titelblatte angegeben ist. Man kann deshalb voraussetzen, daß Jacoby sie nur zum eigenen Nutzen, nicht aber für die i Ocffentlichkeit verfaßt hat. — Der Talmud. Drei Reden von |Dr. M. Horovitz, Rabbiner. Frankfurt a. M. Slobotzky, (883. An die drei Tage, an welchen der Redner diese Kanzelvorträge hielt, den ersten und den Schlußtag des Laubhüttenfestes und den Sabbath Chaje Sara anschließend, stellt er Aussprüche und Sentenzen des Talmud und Midrasch, welche sich auf diese Tage beziehen, zusammen, um die humanen und erhabenen Ansichten der Talmudisten von Duldsamkeit, Menschenliebe, Bestimmung des Menschen, Unsterblichkeit, Recht und Gerechtigkeit, Freiheit, Glauben und Wissen zu erweisen. Der Berf. geht hierbei allerdings einen bereits vielbeschrittenen Weg; aber, indem er die nur gelegentlich dieser drei Tage schon gegebenen Auslassungen des Talmuds hervorhebt, wird dadurch indirekt der unübersehbare Schatz herrlicher Aussprüche und der darin ausgcdrückten Anschauungen erwiesen. Solche Zusammenstellungen sind für unsre Glaubensgenossen selbst nützlich, nicht bloß weil sie das Bewußtsein jener sittlichen Momente erneuern und stärken, sondern auch weil die gegenwärtigen Juden selbst sich häufig der Mißachtung des Talmuds nicht entschlagen können, da sie ihn nicht kennen, und doch so oft verurthcilen sehen. Wenn die Gegner dennoch nicht aufhören, menschenfeindliche Aussprüche oder doch weniger edle aus dem Talmud zu citiren: so thun sie es eben mit absichtlicher Vernachlässigung der Natur dieses Werkes. Wenn wir z. B. gegenwärtig den Socialismus oder den Atheismus bekämpfen wollen, müssen wir selbstverständlich die socialistischen oder atheistischen Lehren angeben, um sie zu bekämpfen und ihre Trugschlüsse nachzuweisen. Was würde man nun dazu sagen, wenn Jemand absichtlich diese Wiedergabe socialistischer oder atheistischer Ansichten aus dem Zusammenhänge herausrisse und unsre 12*