Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 11 (11.3.1884)
- Date
- 1884-03-11
- Page
- Seite 169 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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109 schickt hat. Das einzig Richtige in diesem Artikel ist das j Motto von Göthe: „Und wenn du ihnen Stundenlang Ver-j nunft gepredigt, fangen sie immer wieder von vorne an." i Nur muß uns der Mann erlauben, das Motto auf die Antisemiten anzuwenden — weshalb auch Niemand mehr unter-! nimmt, das Wort an sie zu richten, sondern nur an die Menge der Vernünftigen, denen Bernunftgründe noch zugänglich sind. Unserer Beweisführung, daß für Männer, welche die Religionsfreiheit auf ihre Fahne geschrieben, eine „Judenfrage" nicht existiren könne, widerspricht der Schreiber dieser Entgegnung damit, daß in einem Lande der Religionsfreiheit eine Judenfrage existiren könne, so gut wie in einem Lande der Gewerbefreiheit, gewerbliche Fragen; er meint damit das Verlangen nach obligatorischen Innungen, Meisterprüfungen, Arbeiterbüchern, Gewerbebeschränkungen u. dergl. Nun, daß in einem Lande, wo Religions-, Gewerbe- und andere Freiheiten gesetzlich existiren, es Gegner derselben giebt, welche diese Freiheiten bekämpfen und zunichte machen wollen, das weiß Jedermann. Aber auch, daß, wenn diese Forderungen durchdrängen, eben diese Freiheiten nicht mehr beständen, sondern ihr Gegentheil. Unsere Argumentirung galt aber der Unabhängigkeitspartei, welche jene Grundsätze bekennen und denen wir deshalb ihren Widerspruch mit sich selbst nachwiesen. Es ist also nichts als eine logische Escamotage, die der Herr Profeffor sich zu schulden kommen läßt. Hierauf folgen nun die bekannten Ausfälle auf den Talmud und wird die Forderung ausgestellt: „Wir sollten den wahren und unverfälschten Talmud ausliefern" und in die gangbarsten Sprachen übertragen lasten! Der Mann, der sich Profestor titulirt, zeigt damit nur seine Unwissenheit in dieser Materie. Der Talmud ist seit Jahrhunderten in sehr zahlreichen Ausgaben in fast allen civilisirten Ländern und unter christlicher Censur gedruckt worden,') und wir haben keinen anderen und können keinen anderen haben als den gedruckten. Würde noch ein anderer existiren, wie lange wäre dieser ans Licht gezogen! Was die Uebertragungen betrifft, so giebt es dergleichen schon genug. Die Mischna, dieser Grundtext des Talmuds, ist längst von christlichen Gelehrten, von Surenheys (Amsterd. 1668) und Rabe (Ansbach 1760) in lateinischer und deutscher Uebersetzung erschienen; deutsche Uebersetzungen großer Tractate wurden von Pinner und Samter veröffentlicht; der Jerusalemische Talmud ist von Moise Schwab in französischer Uebersetzung herausgegeben und der Babylonische in derselben Sprache von Rabinowitz bearbeitet; vr. Wünsche, ein christlicher Gelehrter, hat den ganzen Midrasch Rabba ins Deutsche übertragen und wer die moralischen Prinzipien des Talmuds kennen lernen will, braucht nur die vielen Uebersetzungen des I) Wir erinnern z. B. an die Ausgabe von Sifroni 1578, welche einer strengen christlichen Censur unterstand. Traktats Pirke-Aboth in die „gangbarsten Sprachen" und die vielen Sentenzensammlungen und Anthologien in italienischer, englischer und deutscher Sprache zu lesen. Dies ist also alles antisemitische Flunkerei, mit welcher unverfroren die unwissende Menge geblendet und „Fragen" aufgeworfen werden sollen, die gar nicht existiren. Frankfurt a. M., im Febr. (Privatmitth.) Eine der hiesigen Stiftungen, deren wohlthätiger Zweck sich so recht segensreich bewährt, ist das israelitische „Mädchenstist", welches seit 1876 herangewachsenen, einer geeigneten hiesigen Häuslichkeit entbehrenden Mädchen, welche sich einem mehr als Elementarbildung erforderndem Berufe widmen, den Schutz eines geordneten und gesitteten Hauswesens und Gelegenheit zur Fortbildung gewährt, hat eben seinen 7. Bericht für das Jahr 1883 ausgegeben. Der Verein zählt jetzt 605 Mitglieder und hatte das Glück, daß Frau Philipp Speyer dem Vereine das bisher unentgeltlich zur Benutzung überlassene Haus nebst dem vollständigen Inventar zum Geschenk gemacht hat. Andererseits aber ist die sinanzielle Lage des Vereins nicht befriedigend, denn bei Mark 15.054 Ausgabe, belief sich die Einnahme auf Mk. 13,183, so daß also eine Mehrausgabe von Mk. 1871 stattfand. Die Zahl der Pfleglinge belief sich auf 23, von denen 6 ihre Ausbildung vollendet haben und durch neue ersetzt worden sind. In Kurzem tritt die 24. ein, womit die gegenwärtigen Mittel des Hauses erschöpft sind. Bemerken wollen wir, daß nicht alle Pflcglinge unentgeltlich gehalten werden, so daß unter den Einnahmen M 4322 als „Pensionsgelder" siguriren. Möge es dem Vereine gelingen, nicht blos seinen Fortbestand zu sichern, sondern auch die Möglichkeit der Erweiterung nach eintretendcm Bedürfniß. Bielefeld, im Febr. (Privatmitth.) Tie „Unterstützungskasfe des Vereins israelitischer Elementarlehrer für Westfalen und die Rheinprovinz" hat ihren Jahresbericht für 1883 veröffentlicht. Der Verein ist bekanntlich auf gesunden Prinzipien basirt und nimmt deshalb einen günstigen Fortgang. Nicht aus den Beiträgen der Lehrer allein, sondern aus den, glücklicherweise sich steigernden Geschenken und Spenden menschenfreundlicher Männer und Frauen vermag der Verein seine verhältnißmäßig bedeutenden Unterstützungen zu gewähren. Die Hälfte der Jahreseinnahmen wird zum Kapital geschlagen, bis dieses so weit angewachsen sein wird, daß der Verein durch den eigenen Besitz in seinen Leistungen gesichert fein wird. Die andere Hälfte wird jährlich nach statutenmäßig festgestellten Quoten vertheilt. Im verstossenen Jahre waren es 45 Va Quoten (gegen 35 im Vorjahre) und jede Quote zu 57 Mark (gegen 60 des Vorjahres), die zur Bertheilung kamen. Es wurden 7 Wittweu mit Kindern und ohne solche, 3 emeritirte Lehrer und 4 Waisen unterii