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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-11 · Heft 11 (11.3.1884) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 11 (11.3.1884)
Date
1884-03-11
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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162 Umgestaltung erfahren; der Luxus und der Lebensgenuß und ausgedehntere derartige geschichtliche Operation, die jedoch haben nicht allein die mittleren Klaffen, sondern auch die I zu aller Zeit, wenn auch in schwächerem Maße stattgefunden. unteren Schichten durchdrungen; aus der patriarchalischen (55>te Geschichte zeigt uns überall sog. Ureinwohner, von wel- Einfachheit des früheren Lebens ist man aller Orten zu einer chen wir nur nicht wissen, wann und woher sie gekommen: übermäßigen Entfaltung der Bedürfniffe, zu viel verwickelteren Lebensnormen gelangt. Alles dies dringt in unzähligen Fällen anstürmend auf das Gewiffen des Individuums ein, schwächt oder bricht dessen sittliche Widerstandskraft und führt zu Verbrechen aller Art, namentlich Unterschlagung, Fälschung, Betrug und Selbstmord. Hierzu kommt, daß der Uebergang aus der Zwangsjacke des absolutistischen und Polizeistaates! zur vollen Rechtsgleichheit, zu dem in einem geordneten Staate möglichsten Grade der persönlichen Freiheit in kurzer Zeit und meist durch revolutionäre Bewegung sich vollzogen hat. In einer solchen Uebergangszeit wächst leicht das Gefühl und Bewußtsein der Freiheit in Unbändigkeit und Zügellosigkeit hinaus, und nach abgeworfener altväterischer Sitte wird das Getreide des Lebens verworren und stürmisch. Daraus erklärt sich auch, warum ein Theil des Volkes sein Ohr den verlockenden Stimmen der Socialisten- und Anarchistenführer öffnet. Andererseits ist jedoch zu erwägen, daß die Sittlichkeit des Volkes unter dem Einfluß der Freiheit einen viel höheren Werth erhält, als unter der Zuchtruthe der Hörigkeit und der Polizeigewalt. Es bedarf aber auch der Zeit, bis sich alle diese neuen Verhältnisse gesetzt haben, bis die rasche Entwickelung wieder zu einer gewissen Stetig keit gelangt ist, und die Menschen sich hineingelebt haben. So schwierig es ist, zu einem geschichtlich gesicherten Urtheil über die Sittlichkeit vergangener Zeiten und Völker zu kommen, so stellt sich uns doch die Wahrnehmung fest, daß auch in sittlicher Beziehung die Epochen nach einander und die Völker in denselben neben einander einen sehr verschiedenen Charakter zeigen. Wir erkennen, daß nach einem allgemeinen Entwickelungsgesetze ein jedes Volk hinsichtlich seines moralischen Lebens eine gewisse Bahn verfolgt. Im Naturzustände hat es rauhe, barbarische Sitten, dennoch in diesen auch moralische Züge, die um so strenger festgehalten werden. Im Fortschritt seiner Entfaltung mildern sich diese Sitten, verfeinern sich weiterhin bis zu einer höheren moralischen Blüthe; nachdem eine gewisse Höhe erreicht ist, wird diese Verfeinerung zum Raffinement, und dieses führt zur Ent artung, die entweder mit Untergang endet oder unter glück lichen Umständen zu einer Wiederverjüngung, zu einer Wieder belebung aller inneren Lebenskräfte sich umwandelt. Blicken wir nun über den Verlaus der Geschichte hin, so gewahren wir, daß von Beginn an stets neue uncultivirte Völker über die ansässigen Stämme einftrömten, sie unterwarfen, ihre Eulturmomente sich aneigneten, fortschritten, bis ein aber maliger Bölkerftrom diesen Prozeß erneuerte. Was man ge wöhnlich die Völkerwanderung nennt, war nur eine stärkere die turanischen, canaanitischen, pelasgischen, etruskischen, keltischen Völkerstämme, von denen wenige, aber doch sichere Ueberreste einer gewiffen Cultur zurückgeblieben sind, durch welche ihr Gedächtniß verewigt worden; die Affyrer, Meder, Chaldäer, Perser, Griechen sind uns die bekannteren Völkerschaften, welche jene früheren Stämme und dann einander überströmten und überwanden. Wie dann die germanischen, slavischen, arabischen, mongolischen und andere asiatische Stämme über die alten Culturvölker gekommen, brauchen wir nur anzudeuten. Hieran schloß sich die Einwanderung der Europäer in Amerika und Australien, deren Urbewohner, von denen jedoch viele schon eine vorangegangene Bevölkerung überwunden hatten, sich vor ihnen zurnckziehen mußten und im Ausfterben begriffen sind. Jndeß machte sich auch eine entgegengesetzte Bewegung kenntlich. Die Griechen und Römer, indem sie Border-Asien und Nordafrika, die letzteren auch Jberien und Gallien ihrer Herrschaft unterzogen, trugen ihre höhere Cultur in diese Länder hinein, und ebenso breitet die europäische Civilisation ihre Herrschaft in Asien und Afrika über minder cultivirte Völker immer mehr aus. Nun, nur ein befangener Forscher kann in diesem großen, consequenten weltgeschichtlichen Prozesse verkennen, daß damit im Großen eine fortschreitende Entwickelung auch des sittlichen Lebenseleincntes verbunden war. Die untergegangenen Völker waren solche, welche entweder auf der erlangten Culturstufe ihre geistigen und sittlichen Kräfte erschöpft hatten, darum stillstandcn oder entartet waren, so daß sie entweder vor einer neuen frischen Naturkraft oder vor der Macht einer höheren Cultur sich beugen mußten und resorbirt wurden. Geben uns nicht selbst die späteren Griechen, welche die Schmarotzer der Römer geworden, und die späteren Römer, welche germanische Krieger in Sold nahmen, Belege hierfür? Sehen wir nun über alle diese Wandelungen hinweg, so muß die sittliche Entwickelung darin bestehen, daß der sittliche Fond in der Menschenseele zu einem immer höheren sittlichen Gefühl und Bewußtsein veredelt und dieses in den Massen immer mehr verbreitet und befestigt wird. Wie langsam nun dies auch in den aufeinanderfolgenden Jahrhunderten und Geschlechtern vor sich gehen möge; wie schwer es auch werde, den Trieben und Leidenschaften entgegenzuwirken, welche die Sinnlichkeit und die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Individuen immer wieder anfachcn und zum Vachrechen führen: so wird der unbefangene Forscher von allen: diesen Erscheinungen seinen Blick nicht trüben lassen, und diese Entwickelung als wirklich vorhanden anerkennen. Vergleichen wir nur im großen Ganzen unsere Zeit mit der vorangegangenen

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