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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-11 · Heft 11 (11.3.1884) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 11 (11.3.1884)
Date
1884-03-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. j Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste l Rr. SL) und Oesterreich bei allen Postämtern» außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson tu Bonn. Gxpeöitiorr: Leipzig, Woßpccrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. Phrlippson in Bonn direct» in allen übrigen an die BerlaaShandlnng. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 48. Jahrgang. Leipzig, den 11. März 1884. ^No. 11. Inhalt. Leitende Artikel: Die fortschreitende Entwickelung. VII. (Schluß.) — Der Staatssocialismus und die mosaische Verfassung.— Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bonn, Frankfurt a. M.» Bielefeld, Könitz, München, Fürth. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Prag, Pest. — Rußland: Aus Rußland. — Aegypten: Kairo.— Amerika: Philadelphia.— Bonn: Notizen. — Feuilleton: Arbeit und Arbeiter im Alterthum. Jccitcaic'c j Bonn, 5. März. , Die fortschreitende Entwickelung.! VII. | (Schluß.) j „Voll Liste ist das Herz, mehr als Alles, und siech ist es, wer durchschaut es?" (Jerem. 17, 9.)! Nachdem wir die Entfaltung der religiösen Idee in deni Individuen zu erkennen bemüht waren, bleibt uns noch das! zweite Moment zur Betrachtung, die Frage nach der steigenden Sittlichkeit in den Individuen. Wir sehen dabei von; dem allerdings bedeutendsten Theile, von der Bersittlichung der Gesellschaft, des Staates ab, weil wir diese bereits in; einem früheren Artikel behandelt haben. Gerade die Frage,! ob auch in den Individuen die Sittlichkeit in ansteigender j Linie sich entwickelt, ist wohl die schwierigste ans dem ganzen! Gebiete, welches wir durchwandert haben. Am Beginne des! gesellschaftlichen Lebens steht das Verbrechen des Bruder-! mordes, unter welchem der Kampf der nomadisirenden Hirten; mit den sich ansiedelnden Landbebauern zu verstehen ist, wie er wohl in den verschiedensten Theilen der Erde bis zur Vernichtung der Gegner stattgefunden. Und heute behaupten Viele, mit den Zahlen der Criminalstatistik in der Hand» daß die Zahl der Verbrechen in erschreckendem Maße zunimmt und eine Verwilderung der unteren Volksmaffen eingetreten sei. Diese Behauptung erscheint uns, trotz jener Zahlen, sehr fraglich. Um aus der Statistik der Verbrechen einen Schluß zu ziehen, muß man mehrfache Punkte in Erwägung nehmen: 1) die starke Zunahme der Bevölkerung selbst, deren Prozentsatz auf den der Verbrechen angerechnet werden muß; 2) die durch die Gesetzgebung vermehrte Zahl der straffälligen Handlungen, und zwar ganzer Gattungen, von denen die frühere Strafpraxis nichts wußte und auf welche die Controls der Aufsichtsbehörden gar nicht oder nur lässig gerichtet war, z. B. die Lebensmittelverfälschungen, zu denen meist die moderne Chemie die Mittel geliefert hat; 3) die Berücksichtigung, daß ein sehr großer Prozentsatz der Verbrechen durch rückfällige Subjekte verübt wird, so daß jene in der Statistik der Verbrechen immer wieder gezählt werden, während die Individuen dieselben sind; 4) ist die Anhäufung der Menschenmasien in den großen Städten, wohin sich zugleich das schlimmste Gesindel zieht, und selbst die Ansammlung einer dichten Arbeiterbevölkerung in begrenzten Bezirken nicht zu übersehen. Denn eine dichtgedrängte Bevölkerung giebt natürlich viel mehr Veranlassung und Gelegenheit zu Verbrechen als eine mäßig oder gar dünn über eine große Landschaft verbreitete. Unter Erwägung aller dieser Momente wird das Urtheil über die allgemeine Moralität ganz anders ausfallen, als die nackten Zahlen der Statistik zu beweisen scheinet!, bevor diese Statistik nicht einen wahrhaft wissenschaftlichen Charakter erhalten hat. Aber es giebt noch andere Gesichtspunkte, die nicht vernachlässigt werden dürfen. Das letzte halbe Jahrhundert hat in allen Zweigen und Künsten des Lebens einen gegen frühere Zeiten außerordentlichen Aufschwung genommen; die Lebensverhältnisse haben eine völlige 11

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