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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-04 · Heft 10 (4.3.1884) · p. Seite 157

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 10 (4.3.1884)
Date
1884-03-04
Page
Seite 157 (sequence 13)
Language
German
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157 alle darauf hinwiesen, daß die Menschheit dem Judenthume zu Danke verpflichtet ist, und in welcher Weise den Juden dieser Dank zum Ausdruck gebracht wird. Es genügt, uns aus den großen Sohn unseres Vaterlandes, Franz Dc-'ck seligen Angedenkens und auf alle jene Celebritäten des Vaterlandes zu berufen, die für die wahre Freiheit eine Lanze einlegten." Schließlich berufen sie sich auf einen Ausspruch von Schleiden und enden: „An die Unabhängigkeits-Partei richten wir zum Schlüsse nur noch die Bitte, sie möge verhindern, daß bei jeder Gelegenheit eine Judenfrage gemacht werde, es wird dann gewiß keine Judenfrage geben. Budapest, 18. Feber 1884. Im Namen der der Versammlung orthodoxer jüdischer Rabbincn Leopold Lipsiz, A.-Sz-lntdcr Rabbi." Pest, 23. Februar. Heute früh wurden die drei Mörder Majlath's hingerichtct. In der Nacht fanden in den Straßen antisemitische Ausschreitungen statt; der Pöbel zerbrach in der Gegend des Strafhauses die Gaslampen und rief: „Es gibt keine Gerechtigkeit, denn die Mörder von Tisza-Eszlar sind frei!" Die Polizei säuberte die Straßen, die Ruhe wurde alsdann nicht mehr gestört. (Köln. Ztg.) (Man sieht, die Antisemiten laßen keine Gelegenheit vorüber, um Pöbelkrawalle in Scene zu setzen!) Frankreich. Paris, 28. Januar. (Privatmitth.) Tie Bekenner des Judenthums in Frankreich und Belgien haben immerhin in geistiger Beziehung eine schwierige Stellung. In diesen beiden Ländern geht, wie bekannt, ein tiefer Riß durch die Geister, indem nur zwei extreme Parteien bestehen: die Freidenker (lidres xeusenis) und die Ultramontancn. Diese Gegensätze haben sich nicht allein zur Unversöhnlichkeit, sondern auch zu heftigem Fanatismus zugeschärft, und beherrschen das ganze öffentliche Leben. Mögen auch zahllose Menschen diesen Extremen nicht angehören und einer ver- Ulittelndcn Richtung folgen: sie sind jenen Parteien gegenüber ohnmächtig, weil sic ohne Mittelpunkt, ohne öffentliche Kundgebung, ohne jedwede Organisation sind. Tie Israeliten können von vornherein den Ultramontanen nicht zugehören: aber ebensowenig läßt cs ihre Ueberzeugung zu, den Freidenkern Folge zu leisten. Andererseits ist das Beispiel ansteckend, und man begegnet daher oft genug Juden, welche sich als Freidenker ausspielen und sich, namentlich in Versammlungen, einen Ruhm daraus machen. Man weiß, wie in der Natur des Juden ein gewiffes ausflackerndes Feuer des Enthusiasmus liegt und so kommt es wohl, daß dergleichen Leutchen geradezu Religionsvcrfolger werden. Nur darf man bei ihnen die Sache nicht zu ernst nehmen. Wir sahen neulich in einer Versammlung einen Juden die These aufstellen, daß man für diejenigen Waisenkinder nicht sorgen solle, deren Vormünder ihnen Religionsunterricht geben lassen wollten. Derselbe Mann ging des anderen Tages ruhig und theilnehmend zu der religiösen Trauung seines Sohnes, und lachte darüber, als man ihm seine Jnconsequenz vorhielt. Wie dem aber auch sei, das ist gewiß, daß gegenwärtig, wer bei uns im öffentlichen Leben irgendwie Mitwirken will, von seiner religiösen Ueberzeugung nichts verlauten laffen darf, weil ihm sonst von den Radikalen ein starkes Mißtrauen zugewendet wird. Auch ist die Folge dieser Zustände, daß nicht wenige, welche durch ihre Ueberzeugung und selbst durch ihre Stellung dem Judenthume treu anhangen, doch in der Oeffentlichkeit vom Charakter desselben bis an die äußerste Grenze aufgeben, und der Freidenkerschaft Concessionen machen, die ihr Judenthum sehr zweideutig erscheinen laffen. Allem diesem gegenüber ist es durchaus nothwendig, daß für die innere Kräftigung und Festigung der religiösen Anschauung mit größerem Eifer, namentlich bei der Jugend gestrebt und gearbeitet werden müßte, daß die Rabbiner, Lehrer und Familienväter sich dessen klar bewußt werden sollten und, daß inmitten dieses Gewühls den Charakter auszubilden als die wesentlichste Aufgabe angesehen würde. Rußland. Aus Rußland, 12. Febr. (Privatmitth.) Die materielle und moralische Lage unserer Glaubensgenossen hier zu Lande ist noch immerfort eine überaus traurige. Nicht allein, daß von allen den vielfachen Ursachen, welche diese bereiten, von legislativer Seite bis jetzt noch keine einzige weggeräumt worden ist, es kommen vielmehr neue Einschränkungen und Sondergesetze hinzu, oder es werden derartige aus dem Staube der Archive hervorgezogen, welche, wenn auch die ursprünglichen Motive augenscheinlich für die Jetztzeit aller raison ä'ötre beraubt sind, von den unteren Beamten und Organen der executiven Gewalt jedoch in der Praxis u:it der härtesten Strenge ausgeführt werden. So hat sich zugleich die Nachricht über eine vermeintliche Beschlußfaffuug des Senats, höheren Ort um die Aufhebung der Jgnatjewschen temporären Maßregeln einzukommen, eine Mittheilung, die fast in sämmtlichen Blättern des In- und Auslandes die Runde machte, und in Folge welcher, wie zugleich damals die Blätter constatirten, sich sofort der russische Cours im Auslande befferte, nach jüngsten vollkommen authentischen Mittheilungen, als eine völlige Mystification erwiesen. Es werden vielmehr diese „Gseroth", welche so viel Unheil für den ohnehin, namentlich in materieller Beziehung, äußerst trostlosen Zustand der jüdischen Bevölkerung in sich tragen, mit solch' scrupulösester Buchstäblichkeit ausgeführt, daß sie die Existenz vieler tausend Familien vollkommen ruiniren und ihr Leben nahezu unmöglich machen. Mit einer desto

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