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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-04 · Heft 10 (4.3.1884) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 10 (4.3.1884)
Date
1884-03-04
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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klärungen des Herrn Herman es sich lediglich um ein Ge-! meinde- und Schulgesetz und etwa noch um Reception han-! delt. — Jetzt kommt Herman zu dem, was er den eigentlichen Stein des Anstoßes nennt: „Gewisse Gepflogenheiten und Sitten". Um diese zu bezeichnen sagt er: „Wohlan denn! Begeben Sie sich in die wildromantischen Thäler der Marmaros, besuchen Sie die freundlichen Thäler der oberen Comitate Ungarns, dort werden Sie den Juden schon nach der galizisch-jüdischen Kleidung erkennen und „Kleider machen Leute", und zwar im verschiedenen Sinne des Wortes; der Reisende betritt das Gasthaus, deffen Wirthschast ein orthodoxer Jude fühtt; ist der Jude nicht auch auf Auskocherei eingerichtet und der christliche Reisende will dennoch speisen, so muß er außer der Speise auch das Besteck bezahlen, welches als unrein vor seinen Augen vernichtet wird." Nun, wenn der Verfasser der Antwort uns für seinen Zweck erst in einige entlegene Landstriche Ungarns entführen muß, so hat er sich selbst widerlegt. Er giebt damit zu, daß der größere Theil der ungarischen Juden auf solcher Stufe nicht mehr steht, und dann kann ein allgemeiner Borwurf für die gesammte Judenheit nicht daraus gezogen werden. Vielmehr beweist er damit, was ich in meinem Sendschreiben gesagt: Jahrhunderte alte Gepflogenheiten und Sitten lassen sich nicht durch Synodalbeschlüsse, noch durch irgend welche Vorschriften beseitigen, sondern allein durch die unwiderstehliche Macht der Culturbewegung, und diese hat sich in allen civilisirten Ländern und auch in Ungarn hinlänglich bewährt. — Herr Herman schließt damit, daß es sich nicht blos um die Regelung der Verhältnisse der Judenschaft zum Staate handle, sondern „um die Beruhigung der tangirten und zählenden Massen." Hiermit hat er aber erst recht den Vorwurf bekräfttgt, der gegen das Manifest erhoben worden: daß es, statt zu beruhigen, der Aufregung Vorschub geleistet, dieselbe gewissermaßen für berechtigt erklärt und den Antisemiten die Hand geboten habe! Hätte die Unabhängigkeitspartei eine solche Beruhigung wirklich beabsichtigt, so hätte sie einen ganz anderen Weg einschlagen müssen, als obschwebenden Borurtheilen über „Glaubensartikel und Gepflogenheiten" neue Nahrung zuzuführen. Im Uebrigen hat das Manifest und die Darlegung seiner Irrungen auch bereits innerhalb der Partei selbst und für sie nachtheilig zu wirken nicht verfehlt, denn, wie berichtet wird, wollen die Siebenbürger Mitglieder gerade wegen der in demselben aufgeworfenen „Judenfrage" ein eignes Wahlmanifest erlassen, da man in Siebenbürgen von Anttsemitismus nichts weiß. Gewiß, die Unabhängigkeitspartei hatte in den Ungarn zerwühlenden Kämpfen eine hohe und edle Aufgabe zu erfüllen — sie hat sie nicht verstanden und nicht erfüllt. Literarischer Wochenbericht. Braunschweig, 22. Febr. Erklärung des Professor Dr. Herzfeld zu einer im Literar. Centralblatt d. I. Nr. 3 erschienenen Recension seines Buches „Einblicke in das Sprachliche der semitischen Urzeit".') Ein sehr geehrter College fand besagte Recension so „empörend", daß er mich dringend ersuchte, ihr entgegenzutreten. Ich ließihm antworten, daß ich schwer krank sei, jedoch sehr dankbar dafür sein würde, wenn er für mich eintteten wolle, nöthigenfalls als beauftragt von mir. Demzufolge fragte er bei dem Herausgeber jenes „Centralblattes" an, ob er eine Replik auf besagte Recension aufnehmen werde; und der Herausgeber lehnte dies ab, in Ausdrücken, die kaum weniger als die Recension selbst antisemitisch waren. Noch weiter indessen aufgefordert und selbst bestürmt, zu repliciren, enschloß ich mich endlich zu einer Entgegnung in dieser Zeitung. Was nun diese Recension in antisemitieis geleistet hat, will ich voranschicken, weil daraus sofort klar wird, welchem giftigen Boden das Urtheil über mich entstiegen ist. Da ist gesagt, mein Buch sei „ein Symptom jener weitverbreiteten semitischen Unverfrorenheit, die sich nicht scheue, das elendeste Zeug großartig auf den Büchermarkt zu werfen, sowie von der Nachgiebigkeit der Universitäten in Verleihung des Doctortitels an so manchen von Osten kommenden jüdischen Jüngling, wodurch sie an dieser semitischen Selbstüberhebung mit schuld" seien. Ich gehe auf solche Schmähreden nicht ein, erinnere jedoch an die Thatsache, daß diese von Osten kommenden jüdischen Jünglinge meistens mehr Geist besitzen als ihre hochmüthigen Verächter in den westlichen Landen; dies sage ich nicht zu eigenen Gunsten, denn ich bin aus der Provinz Sachsen. Und bis auf einen einzigen Punkt kann ich auch nicht auf das eingehen, was die Recension von mir persönlich aussagt. Nämlich „von dem, was zu sprachwissenschaftlichen Untersuchungen gehöre, sei in diesem Buche nicht die geringste Spur zu erkennen; es fehle an aller und jeder Methode und ebensosehr an der empirischen Kenntniß des Stoffes, der nun so kritiklos als möglich behandelt werde." Ich protestire freilich gegen dieses Urtheil und halte jeden Satz desselben für beispiellos ungerecht; aber ich selbst weiß hiergegen nichts weiter zu sagen oder zu thun. Wie sollte ich es anfangen, diese Behauptungen zu widerlegen, da sie insgesammt, ohne Beibringung auch nur eines einzigen Beispiels oder Beweises dafür aus dem Buche, kahl hingestellt wurden? avrog l'cpa. Sollte ich mir von Jemandem auf- 1) Obschon wir grundsätzlich Repliken auf Kritiken in anderen! Blättern nicht zulassen, so bildet der obige Fall eine gerechtfertigte i Ausnahme, und wir gestatten einem Veteran der jüdischen Wissen-! schaft gern das Wort gegen einen maßlosen Angriff. Redaktion.

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