Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1884)
- Date
- 1884-03-04
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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149 gegolten, und als Mann mit weißem Haar muß ich dies! erleben!" Da war es Lasker, der ihn tröstete. „Was wollen Sie," sagte er zu uns, „wollen Sie einem Kranken einen! Vorwurf daraus machen, daß er die Cholera hat? Auch das; Antisemitenthum ist eine Epidemie, welche diese Leute be- ' fallen hat." Diese Ruhe Lasters der antisemitischen Bewegung gegenüber stellt ihn zwar psychologisch hoch und beweist den weiten Gesichtskreis, in welchem er stand; aber für die Sache selbst war dieser Quietismus nicht zu loben. Einer Krankheit gegenüber darf man die Hände nicht in den Schoß legen,! sondern muß auf Heilmittel denken und diese mit äußerster! Anstrengung anzuwenden suchen. Laster folgte darin nicht! dem Beispiele seiner Freunde B. H. Oppenheim und Ludwig! Bamberger, die gleich vom Beginne an kräftig und entschieden dem Antisemitismus die Spitze boten. Jedenfalls sieht man aus diesen Mittheilungen, wie interessant die von Lcvy & Müller herausgegebene Broschüre ist. Wir kommen zur zweiten: Es werde Licht! Eine Tenkpredigt zur Charakteristik Eduard Lasters. Bon Di*. Ludwig Stein. (Berlin, Triesner.) Wir brauchen nicht zu betonen, daß Di*. Stein ein Verwandter Lasters ist, um vorauszusetzen, daß diese Rede eine Verherrlichung Lasters ist, die er, besonders in einer „Denkpredigt" wohl verdient hat. Jndeß können wir nicht verhehlen, daß die Ausdrucksweise in dieser Rede oft ungelenk und unzutreffend ist. Wir wollen nur ein Beispiel ansühren. Der Redner spricht von den beredten Lippen, die nunmehr verstummt, von dem Herzen, das jetzt still steht, und fährt fort: „Der Geist, der einst gleich der Sonne mit belebenden Strahlen Alles unterschiedslos beschienen hatte, der aber auch gleich der Sonne für sich keinen Dank und keine Belohnung beanspruchte, dieser Geist hat sich aufgelöst und verflüchtigt." Abgesehen von der hier angewcndctcn Hyperbel könnte man meinen, daß der Redner aus den Glauben an die Unsterblichkeit verzichtet hat. Aber zu unserer Beruhigung fährt er fort: „Lasker ist dahingegangen in jene Sphäre der Wahrheit und Klarheit, in der sein engelgleiches Wesen schon hienieden zu weilen suchte." Run. wenn Lasker, wie wir überzeugt find, jetzt in der Sphäre der Wahrheit und Klarheit weilt, so kann er dies nur als ein Geist, der sich nicht „aufgelöst und verflüchtigt hat." Gegen Ende der Rede spricht Stein auch von den Verdiensten, die Lasker um seine Glaubensbrüder sich erworben. Er vermag allerdings außer dem objektiven Einfluß, den Lasker durch seine Stellung und Leistungen ausübte, wenig anzuführen, denn er muß zugestehcn, daß derselbe in Bezug auf Juden und Judenthum gewöhnlich in einer „diplomatischen Reserve und klugen Passivität" sich hielt. Hier müssen wir dem Redner aber geradezu ein Dementi entgegensetzen. Er sagt: „Ich will nur daran erinnern, daß das bekannte Aus trittsgesetz, dem ein beträchtlicher Theil der deutschen Juden« heit die Gewiffens- und Religionsfreiheit verdankt, wesentlich ein Werk dieses bedeutenden Parlamentariers ist. Seinem entscheidenden Einfluffe und seiner überzeugenden Beredsamkeit allein verdanken viele Israeliten in Deutschland die Erlösung von dem Gewissensdruck, den die jeweilige Majorität gegen die andersgesinnte Minorität allerorten ausgeübt hat." Man mag das Austrittsgesetz beurtheilen wie man will; aber von „Erlösung von Gewiffensdruck," von Gewährung von „Gewiffens- und Religionsfreiheit" hierbei zu sprechen, ist eine tadelnswerthe Uebertreibung. Es handelte sich bei dem Austrittsgesetz nur um eine „Geldfrage," nämlich ob die separationslustigen Juden zu den Cultuskosten der Muttergemeinde beitragen sollen oder nicht? Niemand verwehrte auch vor diesem Gesetze den orthodoxen und eventuell den Reformjuden, sich eine eigene gottesdienstliche Veranstaltung herzustellen, nur daß sie noch zur Muttergemeinde beitragen mußten. Also nicht von einem Gewiffensdruck, von einer Beschränkung der Religionsfreiheit konnte die Rede sein, sondern nur von vermehrten Cultusbeiträgen. In bedeutenden Gemeinden hatte man sich deshalb friedlich dahin verglichen, daß die Gemeindekaffe auch einen Zuschuß für die Cultusanftalt der Separirten zahlte, wobei dann die Gemeindeorganisation und die Erhaltung der gemeinsamen Einrichtungen nicht gefährdet war. Uebrigens blieb das Austrittsgesetz im Verhältniß zur Gesammtheit der preußischen Juden ohne wesentliche Folge, so daß es wiederum nur eine Uebertreibung ist, von einem „beträchtlichen Theil der deutschen Judenheit" zu sprechen. — Man darf eben auch einem Todten nicht mehr Verdienste zuschreiben, als er in Wirklichkeit besaß, und Lasker bedarf solcher Glorisicirung am wenigsten. Die Theilnahme, die Lasker am Hülfskomit^ für die russischen Flüchtlinge bezeugte, ist nicht hoch anzuschlagen, noch dazu da die Anregung von London ausging. — Die merkwüdigste Erscheinung nach dem Hinscheiden des . Verewigten ist, daß der Congreß der Bereinigten Staaten; eine Beileidsadreffe an den deutschen Reichstag richtete, und sie zur Uebermittelung an den Reichstag durch den amerika- . nischen Gesandten bei dem Auswärtigen Amte in Berlin ' überreichen ließ, der Reichskanzler aber die Adresse zurückschickte. Dieser Akt hat selbstverständlich in der gesammten auswärtigen Presse eine sehr scharfe Beurtheilung erfahren.; Wir meinen, daß das Vorgehen des Washingtoner Congreffcs dadurch erst recht ein bedeutsames Relief erhalten hat. Der „Deutsche Reichsanzeiger" veröffentlicht die betreffenden Aktenstücke. die auch in diesem Blatte nicht fehlen dürfen. „Friedrichsruh, den 9. Februar 1r>84. Der Gesandte der Bereinigten Staaten von Amerika hat mittelst der abschriftlich beigefügten Note v. I. d. M. den ebenfalls angeschloffenen Text eines Beschlusses des amerikanischen Repra