Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 10 (4.3.1884)
- Date
- 1884-03-04
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 den besten Ausdruck verleihen und ich muß Ihnen aus vollem Herzen für Ihre Einladung zu dieser Versammlung und für den freundlichen Empfang, welchen Sie mir bereiteten, danken. Es macht mir das größte Vergnügen, Augenzeuge des lebhaften, in dieser Versammlung sich kundgebenden Interesses zu sein. Bei meiner Reise durch Amerika haben die wohlthütigen Anstalten der Juden einen besonders tiefen und befriedigenden Eindruck auf mich gemacht. Ich sehe in diesem lebhaften Interesse an den Werken der Liebe und der Wohlthätigkeit die schönste und erhabenste Auffassung des Judenthunrs. Und die sorgfältige Bewahrung dieser heiligen Pflicht veranlaßt mich auch, die Thatsache zu übersehen, daß ich in anderer Hinsicht nur geringe Versuche unter den Juden Amerikas zur Bewahrung der Traditionen aus alten Zeiten wahrgenommen habe. Als die Gottheit Israel auserwähte, um der Lehrer und der Führer der Nationen zu sein, sollte, wie ich es auffaßte, ein großer Theil der Pflicht in der Ausübung des Wohlthätigkeitssinnes und der thatkräftigen Bruderliebe, welche jüdische Charaktereigenschaften sind, bestehen. Die heutige Versammlung liefert mir einen genügenden Beweis dafür, daß dieser Theil der Mission der Nation in hinreichendem Maße ausgeübt wird, wenn ich sehe, daß Männer, welche die ganze Woche hindurch Sklaven ihrer eigenen materiellen Interessen sind, den einzigen Tag der Erholung der Sorge und dem Schutze der Armen und Leidenden widmen. Ich sehe hier dicht neben einander die Behütung der Waisen und der Kranken und Leidenden, und ich kann mich an nichts unter Allem, was ich bei meiner Reise in Amerika gesehen, erinnern, das so erfrischend und anregend auf mich wirkte, als diese Beweise dafür, daß die Juden, welche hier freier sind, als in irgend einem andern Lande, mit um so größerer Energie und Hingebung die Ausübung der Wohlthätigkeit pflegen und dadurch Zeugniß oblegen für all das Gute, welches in der jüdischen Raffe zu finden ist, wo immer dieselbe auch wohnen mag. Möge deren segensreiche Thätigkeit auch in der Zukunft nicht abnehmen und die nationale Mission niemals weniger ausgeübt werden, als bisher. Gestatten Sie mir nun. Ihnen dafür zu danken, daß Sie mir eine Gelegenheit boten, Zeuge dieser glänzenden Bethätigung Ihrer wohlthätigen Gesinnungen zu sein." Man wird in diesen wenigen Sätzen den Nachdruck bemerken, den Lasker auf die „nationale Mission der Juden" legte, und daß er den amerikanischen Juden leise, aber verständlich einen Vorwurf daraus machte, sich von den jüdischen Traditionen so weit entfernt zu haben. Bei einer Unterredung mit einem der Redakteure des Blattes „American Hebrew" sprach sich Di-. Lasker über die Lage der Juden in Deutschland im Wesentlichen folgendermaßen aus: „Die Juden gehören zu den besten Bürgern Deutschlands. Sie machen nicht nur in intellektueller Beziehung große Fortschritte, sondern auch in der Industrie, in der sie sich eine geachtete Stellung erringen. Dem juristischen Berufe geben sich eine Menge von ihnen hin, die durch Fähigkeit und Integrität einen hohen Rang unter ihren Kollegen erlangen. Es stehen ihrem Streben nach hohen Posten keine anderen Schwierigkeiten im Wege, als daß vielleicht die Regierung nicht zu viele jüdische Richter in einem Distrikte anstellt, weil dadurch Vorurtheil und Mißstimmung hervor gerufen würde. Auch im medicinischen Fache ist der Einfluß der Juden fühlbar und auf dem Gebiete der Wiffenschaft nehmen sie eine eminente Stellung ein. Auch hierin treten ihrem Weiterkommen keine Hindernisse entgegen. An den Universitäten sind sie zahlreich zu finden und Viele nehmen Lehrstühle ein, obgleich man da noch Borurtheile gegen sie hegt. Gegen die Erwählung meines Freundes Prof. Rosenthal zum Rektor der Universität Erlangen wurde als Argument geltend gemacht, daß die Universität einen ausgesprochen theologischen Charakter habe. Die Professoren, die gegen ihn stimmten, hatten keine persönliche Abneigung gegen ihn und wußten, daß er bei den Studenten ungemein beliebt ist. Der einzige Einwand gegen ihn war, daß er Jude ist. Dagegen wurde ein anderer Freund von mir, Pros. Behrend, der Rechtswissenschaft lehrt, zum Rektor der Universität Greifswald gewählt. Obgleich ohne Zweifel an der deutschen Presse zahlreiche Juden thätig sind und selbst an tonangebenden Blättern prominente Stellungen einnehmen, so hat man ihre Zahl doch überschätzt. Sie kontroliren die Presse in Deutschland sicherlich nicht in einem Maße, wie es in Oesterreich der Fall ist." In dem Nekrolog sagt der Reichstagsabgeordnete Karl Baumbach. „Merkwürdig war es mir, daß Lasker der antisemitischen Bewegung gegenüber nicht aus der Ruhe kam, und ich muß in dieser Hinsicht nach den Eindrücken, welche ich im täglichen Verkehr mit ihm gewonnen, den gegentheiligen Behauptungen in der Presse widersprechen. Wohl nahm er den lebhaftesten Antheil an der Bewegung, welche ' zu Gunsten der unglücklichen russischen Juden namentlich von London ausging, woselbst die große Rathhausversammlung am 1. Februar 1882 unter dem Vorsitz des Lordmayor stattfand, nachdem die deutsche antisemitische Bewegung, ins Russische übersetzt, zu unerhörten Gräulthaten geführt hatte. Aber für die Berliner Judenhetze hatte er eher Worte des Mitleids als der Verachtung. Ich erinnere mich, daß Berthold Auerbach am Abend vor seinem Geburtstage seinen Freund Lasker aufsuchte und das Gespräch auf die Antisemitenbewegung brachte. Mit Thränen im Auge erzählte uns der greise Dichter, wie man in einer Berliner Restauration hinter ihm „Hepp-Hepp" gerufen habe, und es ist mir unvergeßlich, wie Auerbach sagte: „69 Jahre alt bin ich geworden, und meine Arbeit hat nur dem Deutschen Volk