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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-03-04 · Heft 10 (4.3.1884) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 10 (4.3.1884)
Date
1884-03-04
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147_ als bestimmte Systeme auf, sondern erfüllte zahllose Geister j die beiden anderen Richtungen mit großer Erbitterung und und fand ihre Anhänger in allen Schichten der Völker. Es j den Deismus vielleicht mit größerer Kraftanstrengung als verstand sich, daß er vielfache Anfeindungen erfuhr. Man ihren vollen Gegensatz, den Materialismus, weil sie in der stigmatisirte und verwarf ihn als bloße „Naturreligion" oder „Bernunftreligion", indem er sich blos auf die Betrachtung der äußerlichen Natur und Schlüffe der Vernunft stütze. Diesen Borwurf verdiente er auch insofern, als er sich als ein selbständiges Werk des individuellen Geistes in seiner Selbstüberschätzung betrachtete; während er seine beste Wurzel doch nur in der Errungenschaft des geschichtlich entwickelten Menschengeistes hatte und nicht minder aus der Tradition und der von ihr ausgehenden Erziehung erwachsen war, wie alle Erscheinungen des Menschengeschlechts. Der Vorwurf, daß er nur den Verstand befriedige, das Herz aber nicht zu erwärmen vermöge, stammte nur aus feindlichen, selbst engherzigen Kreisen, die Vorgaben, die Befriedigung des Herzens allein aus gewissen Glaubensdogmen schöpfen zu können. Aber der wahre und reine Deismus entquillt dem Herzen eben so sehr, wie dem Verstände und vermag beide in die innigste Harmonie zu bringen, ohne der von Außen angeregten Phantasie zu bedürfen. Wie gesagt, der Deismus hatte nu< seinen egoistischen Stolz auf die eigene Geistesarbeit zu bei seitigen und seine Stütze und Begründung in der geschicht-! lichen Entwickelung der Menschheit, in dem Resultat vieltausendjähriger Geistesarbeit zu suchen. — Die andere Rich-. tung ging weit hierüber hinaus. Die neuere Philosophie, nachdem sie sich durch Descartes den Armen der Scholastik entwunden hatte, begann ihrerseits jene Kreisläufe, die wir in der griechischen Philosophie beobachtet haben. Sie beendete den ersten mit der Schule der Mechaniker und Encyklopädisten,, von denen die erstere das llniversum und alles Leben für eine Maschine erklärte, die andere durch atomistifche Theorien zum Atheismus gelangte. Der zweite Kreislauf wurde von Kant eingeleitet, bis er in unseren Tagen in Pessimismus und in der Theorie des Unbewußten endete, welche schließlich nur den Nihilismus zum Inhalt haben. Hierzu kam nun noch die fruchtbare Ausbildung der Naturwissenschaften, die zwar an sich nur mit dem sinnlich Wahrnehmbaren und dem experimentell Erweisbaren zu thun haben, es sich jedoch in vielen ihrer Jünger nicht versagen, metaphysische Hypothesen selbst aus noch unvollkommen Beobachtetem zu ziehen, welche dem Materialismus und Atheismus Vorschub leisten. Da nun zugleich eine allgemeine Popularisirung der philosophischen Gedanken und des naturwiffcnschaftlichen Wiffens in großem Unfange betrieben wird, so wurde hierdurch die materialistische und atheistische Richtung außerordentlich gefördert. Die Gegenwart bewegt sich deshalb in drei Gegensätzen: von der einen Seite die strengste kirchliche Orthodoxie, von der anderen der Materialismus und Atheismus und in der Mitte der Deismus. Die erstere bekämpft Verbreitung der freisinnigen deistischen Ideen größeren Abbruch für ihre Dogmen und Satzungen und die hierarchische Herrschaft fürchtet, als durch den Materialismus und Atheismus. die mit der religiösen Natur und dem religiös sittlichen Bedürfniß des Menschengeisles in Widerspruch stehen. Diese letzteren suchen alle diejenigen auf ihre Seite zu bringen, welche dem Kirchenthum abgewendet sind, und indem sie den deistischen Ueberzeugungen die Verheißung geistiger Freiheit und die Verlockung menschlicher Selbstvergötterung gegenüberstellen. Alle diese um den gegenwärtigen Menschen kämpfenden Erscheinungen haben sich für die Jetztzeit als Mächte erwiesen, die sich zwar um ihr Terrain mit wechselndem Erfolge bekämpfen, aber sich gegenseitig zu bezwingen noch lange nicht im Stande sind. So steht der Kampf dieser drei Gestaltungen der religiösen Anschauung noch in weiter Aussicht, beweisen aber durch ihre Existenz und ihren Streit schon an sich die fortschreitende Entwickelung auch auf diesem Gebiete. (Schluß folgt.) Eduard Lasker. n. Eduard Laster schlummert in seinem Grabe, das von Lorbeer- und Eichenkränzen bedeckt ist. Aber eine eigenthümliche Verkettung, von der wir weiterhin sprechen werden, läßt seinen Heimgang noch nicht aus den Jntereffen des Tages verschwinden, und wir nehmen daraus Beranlaffung, noch Einiges aus den letzten Tagen seines Lebens nachzutragen, soweit es das in diesem Blatte vertretene specielle Jntereffe berührt. Es war vorauszusetzen, daß der Hintritt Laskers eine Reihe von Broschüren Hervorrufen wird. Im Augenblicke liegen uns zwei derselben vor. Die erste ist in Stuttgart bei Levy & Müller „Eduard Laster. Mit Portrait." erschienen und enthält außer zwei Gedichten in deutscher und englischer Sprache einen Bericht aus Neu-Nork über Laskers letzte Lebenstage, drei Gedenkblätter von Rickert, Hänel und Gneist und einen Nekrolog von Baumbach. Am Sonntage vor seinem Tode wohnte Laster der Jahresversammlung des Mount-Sinai-Hospitalvereins an, und hielt folgende kurze Ansprache: „Ich bitte mich zu entschuldigen, daß ich mich der deutschen Sprache bediene. Obgleich ich höre, daß Ihre Verhandlnngen englisch geführt werden, so weiß ich doch, daß die meisten von Ihnen deutsch verstehen, und es erscheint mir deshalb angemeffen, mich meiner Muttersprache und der ■ Muttersprache der Mehrzahl der Anwesenden zu bedienen. In! der deutschen Sprache kann man ja auch herzlichen Gefühlen 10*

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