Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1884)
- Date
- 1884-02-26
- Page
- Seite 139 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227511--41532-3310008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
139 der Polizeibehörden, Kreis- und Revierbeamten aufzunehmen, ■ diejenigen Juden aber, welche gegenwärtig solche Posten cinnehmen, nicht länger als ein Jahr, bis sie sich eine andere Art Beschäftigung aufsuchen, zu behalten." Wie doch solche Leute verteufelt fein müssen, die an Vermehrung de» Elends, am Jammer und Wehklagen ihrer nicht weniger als sie im Ebenbilde Gottes geschaffenen Mitmenschen Gefallen finden! Ja, wahrlich, man braucht gerade nicht erklärter und ge* brandmarkter Mörder zu sein, um Menschenblut zu vergießen, man kann es noch viel bequemer thun, wenn man mit hohen Orden und wohlklingenden Titeln decorirter Würdenträger ist, wenn man den Posten eines höheren Administrators einnimmt, n. b. wenn man nur genügend verteufelt und gehörig entmenscht ist. Gott sei Dank, daß doch nicht alle unsere Administratoren so verteufelt und entmenscht sind, und daß in ihrer Mitte solche humane und tolerante Staatsmänner sich finden, wie Herr von Deljanoff, unser Minister der Bolksaufklärung, der an alle Curatoren der Lehrbezirke ein Circular ergehen ließ. auf Grund welches von nun an auf Verlangen der jüdischen Eltern ihre Kinder am Sabbath und jüdischen Feiertagen von den Schularbeiten dispensirt werden, mit der Bedingung, daß die betreffenden Schüler das versäumte Pensum einholen, desgleichen soll die Schulobrigkeit dafür sorgen, daß schristliche Arbeiten an besagten Tagen möglichst unterbleiben. Der bekannte jüdische Crösus zu Odessa, H. Israel Brodsky, hat, wie „das Volksblatt" des Herrn Zederbaum zu berichten weiß, fünfzigtausend Rubel (50000 Rubel) zum besten des jüdischen Vereins am Orte „Trud" (Arbeit) gespendet. Wie sticht mit dieser Nachricht von der wahrhaft jüdischen Splendidität dieses Odeffaer Crösus eine andere nicht minder verbürgte, von der deprimirenden Knauserei für jüdische milde Stiftungen eines andern viel bedeutendere» Odeffaer Crösus, nämlich: des Herrn M. Effrusii, Schwiegersohn des Barons Rothschild aus Paris, ab, welcher zum Besten des Curatoriums der armen Schüler der hiesigen jüdischen Elementarschulen, an deren Spitze die von Allen hochgeachtete und allgemein wegen ihres unermüdlichen Eifers in Dingen der Wohlthätigkeit verehrten Frau Dr. Soloweitzig steht, nach langen Verhandlungen mit den im Namen dieser hochverehrten Dame abcommandirten Repräsentanten des genannten Curatoriums, die für einen Effruffi und einen Schwiegersohn Rothschilds wahrhafte Bettelgabe von 20 Rubel, sage zwanzig Rubel, während er zum Besten der „Gesellschaft des rothen Kreuzes" 25 Tausend Rubel geschenkt hat. Und doch müffen wir armen Juden schon für die wirklich großen Ehren, welche Herrn Effruffi oder viel richtiger seiner Frau oder noch richtiger ihren beiden Taschen von Seiten der höchsten Aristokratie, die Kaiserliche Familie nicht ausgenommen, erwiesen werden, so theuer bezahlen. Daß Herr Effruffi und Gemahlin auf dem Kaiserlichen Ball im Winterpalais, zu welchem bis jetzt blos die höchste Aristokratie und die vornehmsten Repräsentanten der höheren Bureaukratie den Zutritt hatte, als gewöhnlicher Odeffaer Kaufmann erster Gilde, eingeladen wurden und dort Aller Aufmerksamkeit auf sich lenkten durch übermäßige Pracht, ihrer ebenso reichen als glänzenden Toiletten, können uns die Antisemiten nicht verzeihen und so genießen wir schon den rrc: unserer Reichen in leider nur allzu unerwünschtes Weise. Bon der Thätigkeit der Judencommission verlautet noch immer nichts Wesentliches. Die in der soeben von mir empfangenen Nr. 6 Ihres geschätzten Blattes mitgetheilte Nachricht aus Warschau, eine Entscheidung des regierenden Senats betreffend, ist. wie es sich erweist, eine von der antisemitischen „Nowoje Wremia" ausgebrütete Zeitungsente, die sie tendenziös in Umlauf setzte, um gerade eine derartige Entscheidung zu vereiteln. Nächstens etwas Näheres darüber. Petersburg» 14. Februar. Das Bestreben, in hervorragende Stellungen jetzt nur Vollblutruffen zu berufen, macht sich immer mehr geltend. In ärztlichen Kreisen Petersburgs macht ein diesbezüglicher Fall von sich reden. Der dirigirendc Arzt des großen Marinehospitals hatte unlängst seinen Abschied genommen. Wäre die Neubesetzung der Stelle, wie man erwartete, durch Hinaufrücken erfolgt, so hätte sie ein Israelit erhalten. Derselbe wurde aber ebenso wenig wie ein Pole, der ein zweites Anrecht auf den Posten hatte, überhaupt in Vorschlag gebracht. Da die Stelle aber eine äußerst verantwortliche ist, so entschloß sich die zuständige Behörde, die in einiger Verlegenheit war, den dirigirenden Arzt des Obuchow'schen Hospitals, einen Deutschruffen als Candidaten zu präsentiren. Derselbe wurde aber rundweg abgelehnt und statt deffen ein Ruffe berufen, den man in ärztlichen Kreisen wenigstens nicht für die geeignete Persönlichkeit hält. Uebrigens dehnt sich die Bevorzugung der National - Russen auch schon auf unbedeutendere Stellen aus. Riga, im Februar. (Privatmitth.) Im Alter von 94 Jahren ist hier in der Frühe des 3. Schwat ein Mann aus dem Leben geschieden, deffen Name in der Geschichte unserer Gemeinde für alle Zeiten fortleben wird, Herr Phöbus Jljisch. An seinem Leichenbegängnisse, welches am darauffolgenden Freitag stattfand, nahmen denn auch sämmtliche Honoratioren der Gemeinde theil; auch der Sohn des Verstorbenen, Herr Robert Jljisch, der bekannte „Flaneur" des? St. Petersburger Herold, war herbeigeeilt. Die ergreifende Grabrede des Herrn Dr. Ehrlich schilderte in beredten Wori ten das Wirken des Verblichenen. Aus derselben heben wir folgende Sätze hervor: „Ihm ist es zu verdanken, daß über-