Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1884)
- Date
- 1884-02-26
- Page
- Seite 136 (sequence 8)
- Language
- German
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Die Angelegenheit hat seit der letzten Verhandlung so an Umfang zugenommen, daß 117 Zeugen zu vernehmen sein werden. Für den Prozeß find vorläufig 4 Tage in Aussicht genommen. Oesterreich-Ungarn. Wie«, 12. Februar. — Man wird sich erinnern, daß der Rabbiner von Florisdorf, vr. Bloch, durch seine sehr heftigen Streitschriften gegen Rohling nnd Genossen allgegemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen und von einem galizischen Wahlkreis in den Reichsrath gewählt worden. Diese Wahl mußte den Abg. Bloch in eine peinliche Lage versetzen. Denn es war ihm hiermit von selbst die Bedingung gestellt, der polnischen Partei anzugehören und in ihrem Feldzuge gegen das Deutschthum Folge zu leisten. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses ging deshalb eine mißliebige Scene vor sich, welche die „Voss. Z." folgendermaßen beschreibt: „In dem publicistischen Streit mit dem antisemitischen Profeffor Rohling in Prag hatte der jüdische Rabbiner Abg. vr. Bloch die Sympathien aller Liberalen auf seiner Seite, wenn er auch hier und da in der Maßlosigkeit der Form den antisemitischen Kampfhahn noch überbieten zu müffen glaubte. Eine Folge der Polemik zwischen Rohling und Bloch war u. A. die Klage des ersteren gegen den Rabbiner wegen Verleumdung und Ehrenbeleidigung, da vr. Bloch dem Prager Profeffor vorgeworfen hatte, er habe wiffentlich eine falsche eidliche Aussage abgegeben. Der Jmmunitätsausschuß des Abgeordnetenhauses beantragte nun heute Eingangs der Sitzung, dem Auslieferungsbegehren (d. h. die Aufhebung der Immunität zur Verfolgung des gerichtlichen Verfahrens) des Gerichts in dieser Klagsache Folge zu geben, da die Klage des Prager Professors begründet zu sein scheine, vr. Bloch, der übrigens selbst für seine Auslieferung eintrat, glaubte in diesem Nebensatz des Ausschußberichtes eine unbefugte Parteinahme gegen seine Person zu erblicken, protestirte dagegen und wollte sich in eine ausführliche Erörterung des ganzen Streites cinlaffen; doch fast das ganze Haus zeigte dem Hospitanten des Polen-Clubs in unzweideutiger Weise, daß es keine Lust habe, die verschiedenen Auslegungen von Talmudstellen mit anzuhören; selbst die Galerie war ziemlich ungeberdig über das plötzliche Auftauchen der antisemischen Frage im Parlament, wo man heute auf die Debatte über den Gesetzentwurf, betreffend die Entschädigung unschuldig Berurtheilter, viel gespannter war. Uebrigens hat sich vr. Bloch die Gunst der Linken und des Publikums schon längst verscherzt durch die Stellungnahme gegen die deutsche Staatssprache, zu der er sich verleiten ließ, um nicht aus dem Polenclub ausgeschlossen zu werden, dem er wiederum hatte beitreten müssen, wenn er sein Mandat in Galizien behalten wollte. Wenn der deutsch-national-antisemische Abgeordnete von Schönerer aber glaubte, er könne aus der Mißliebigkeit des Rabbiners von Florisdorf Kapital für den Antisemitismus schlagen, so hatte er sich gründlich getäuscht. Als er die Rolle eines Jstoczy übernahm und mit lauter Stimme in's Haus hineinrief, daß die Antisemiten in Oester» reich, in deren Namen er spreche, die Juden so lange für die Ermordung der Esther Solymoffy verantwortlich machen würden, bis die Leiche der Esther nicht herbeigeschafft und zweifellos agnoscirt sei, da fand er im Plenum des Hauses und auf den Galerien nur Hohngelächter und Zischen als Antwort. Nur Monsignore Greuter fühlte sich durch die intolerante Brandrede Schönerer's so sympathisch berührt, daß er ihm die Hand drückte. Pest, 10. Februar. (Privatmitth.) Dem Tißa-Eßlarer Gemeinderichter Gabriel Farkas wurde von Sr. Maj. dem Könige in Anerkennung seiner eifrigen Dienste das silberne Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Die P. Bl. behaupten, daß die ungestörte Aufrechterhaltung der Ruhe in Tißa- Eßlar fast ausschließlich das Verdienst des dortigen Gemeinderichters Farkas sei und daß die Regierung nur aus „Rücksichten der Delicateffe" mit der Durchführung des vom Obergefpan gestellten Antrags, dem verdienten Mann den Ausdruck der allerhöchsten Anerkennung zu Theil werden zu lassen, einige Monate gewartet habe. Pest, 12. Februar. (Privatmitth.) Dem Berwaltungs» berichte der hiesigen israelitischen Gemeinde für das Jahr 1883 entnehmen wir die folgenden Daten. Im Knabenwaisenhause, dessen Fond 311788 fl. 18 kr. beträgt, befanden sich bis zum Schlüsse des Jahres 58 Zöglinge; die Erhaltungskosten stellten sich nach je einem Zöglinge auf 165 fl. 34 kr. Im israel. Taubstummcn-Jnstitute wurden 60 interne Zöglinge erzogen, darunter 42 zahlende; 5 Zöglinge sind römisch-katholisch. Die Zahl der Schüler, für deren Religions-Unterricht die Gemeinde zu sorgen hat, betrug 9132. Geboren wurden 881 eheliche und 149 uneheliche Knaben, 899 eheliche und 160 uneheliche Mädchen, zusammen 1780 eheliche und 309 uneheliche Kinder; dagegen starben 1381 Personen. Die Zahl der Trauungen belief sich auf 472; an Heirathsausstattungs-Beiträgen wurden 4250 fl. verwendet. Scheidungen fanden 13 statt. Das Budget für 1881 weist einen Bedarf von 194 065 fl. 82 kr. auf, wogegen zur Bedeckung 188 045 fl. 24 kr. zur Verfügung stehen; das Deficit von 6020 fl. 58 kr. soll durch Ersparungen ausgeglichen werden. Pest, 14. Februar. (Privatmitth.) Ihr „Offenes Sendschreiben an die Ungarische Unabhängigkeitspartei" hat hier einen allgemeinen Eindruck gemacht und war eine Zeit lang Tagesgespräch. Charakteristisch für die hiesigen Zustände und i ein neuer Beweis für die allgemein verbreitete antisemitische Gesinnung ist es, daß bis jetzt selbst die der Unabhängig-