Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1884)
- Date
- 1884-02-26
- Page
- Seite 133 (sequence 5)
- Language
- German
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133 Welchen Einfluß die Haltung der Regierung auf bie; Entwickelung des Antisemitismus geübt hat; welche Fehler die Regierung speziell gewissen Symptomen dieser Bewegung gegenüber begangen hat, darauf muß ich mich nicht weitläufiger einlassen; umso weniger, als nach meiner Ueberzeugung die ganze Bedeutung des Antisemitismus darin liegt, daß er den Ausfluß gewisser socialer Zustände bildet, welche in unserem Volke verbreitet sind und als jede Kurpfuscherei, die fich auf die Fudenfrage als solche beziehen will, möge sie von den Antisemiten ausgehen oder von jenen Herren, die von unseren israelitischen Mitbürgern ein offizielles Religions-Bekenntniß fordern (Heiterkeit); sei es endlich jene, übrigens pflichtgemäße, aber doch ausschließlich polizeiliche Thätigkeit, welche die Regierung in dieser Hinsicht entwickelt sei es endlich eine mehr oder minder gelungene Enunciation jener Grundsätze, welchen ich selbst soeben Ausdruck gegeben habe und welche die riesige Majorität des Landes theilt — wie gesagt, jede auf die sogenannte Ju'oenfrage selbst abzielende Kurpfuscherei wird der Sache selbst absolut nichts nützen, höchstens schaden; denn die Wurzeln dieser Erscheinung liegen viel tiefer und nicht die Symptome, sondern das Uebel selbst muß sanirt werden. (Zustimmung links) Welches ist das Uebel, dessen Symptom der Antisemitismus ist? Da bin ich wieder in der Lage, daß Dasjenige, was ich zu sagen im Begriffe bin, wieder anderen Herren nicht gefallen werde, gleichwie Dasjenige, was ich vorhin sagte, auf einigen Bänken dieser Seite (auf die äußerste Linke zeigend) Mißbilligung gefunden hat. (Bewegung auf der äußersten Linken. Rufe: Bei einigen Mitgliedern!) Diese Richtigstellung nehme ich gern an. Das Uebel, dessen ein Symptom die unter dem Namen Antisemitismus bekannte Bewegung bildet, ist vor Allem ein wirthschaftliches Uebel, das darin besteht, daß in dem plötzlichen Uebergange von Naturalzur Geldwirthschaft, das unser Volk mitmachte, nicht zugleich für eine die Segnungen des Capitals nach allen Seiten gerecht vertheilende Kreditorganisation gesorgt war, die den Schutz des Schwachen bedeutet hätte. In Folge dessen erhob sich das Capital besonders in seinen provinziellen Verzweigungen zu einer solchen Macht über den kleinern Grundbesitz und über den kleinern Gewerbetreibenden, daß diese Klassen eher die gefährliche als die befruchtende Wirkung des Capitals empfanden. Aus diesem Zustande entwickelte sich eine Unsicherheit der kleineren wirthschaftlichcn Existenzen, und da die Besitzer des Capitals größtentheils Juden waren, ward es den ^Agitatoren leicht, die Gereiztheit gegen die Uebergriffc und Gefahren des Capitals gegen die Juden als solche zu lenken." Der Ministerpräsident Tißa füllte den breiten Anfang seiner Rede mit der Abweisung der gegen die Regierung erhobenen Anklage, das Wachsthum und die Verbreitung des Antisemitismus gefördert zu haben. Für uns hat es allein Bedeutung, daß der seit U Jahren die Spitze der ungarischen Regierung einnehmende Staatsmann diese Anklage entschieden zurückweist. Ob und wie dies ihm gelungen sei, steht uns in zweiter Linie. Er erinnert daran, daß Jstoczy allerdings zur Regierungspartei gehört hat, aber sobald der Antisemitismus schroffere Formen angenommen, sei er von der Regierungspartei ausgestoßen worden und habe Platz und Anhänger in der äußersten Linken gesunden. Ferner weist er den Vorwurf zurück, daß er gegen das Eindringen russischer Flüchtlinge nicht energisch genug vorgedrungen sei. Er sagt: „Ich erinnere mich sehr wohl an die Debatte, welche sich aus diesem Anlasse hier im Hause entspann; ich habe nicht die Gelegenheit gehabt, die damaligen Verhandlungen jetzt wieder durchzusehen, aber ich sage heute, was ich damals gesagt habe: Mit Feuer und Schwert verfolgte Flüchtlinge mit Bajonneten in ihr Verderben zurücktreiben zu lassen, — dazu wird man mich niemals bereit finden; wohl aber werde ich Alles Vorkehren, was möglich ist, damit die Massen- Einwanderung, welche man damals befürchtete, hintangehalten werde. Ich habe auch alles Mögliche gethan und wenn Sie der Sache nachgehen, werden Sie finden, daß die Zahl jener Israeliten, welche damals in Folge der Verfolgungen ins Land kamen, keineswegs in die Hunderte geht; sie versammelten sich noch außerhalb des ungarischen Territoriums, wurden einige Zeit mit dem Röthigen versehen, dann gingen sie nach Amerika und später, als es möglich war, in ihre ursprüngliche Heimath zurück und nur Einzelne von ihnen kamen in unser Land. Ich kann daher die Beschuldigung, daß ich Etwas versäumt hätte, nicht annehmen; ich wiederhole vielmehr ganz bestimmt, daß ich in einem ähnlichen Fall ebenso handeln würde, denn die Politik der Unmenschlichkeit wird niemals die meinige sein. (Zustimmung.)" Am schwächsten vertheidigt Tißa die Regierung betreffs des Tißa-Eßlarer Prozesses. Eötvös hatte den Borwurf erhoben, daß die Regierung Ungesetzlichkeiten erlaubt habe, namentlich die Anstellung eines der gesetzlichen Qualification entbehrenden Untersuchungsrichters. Tißa stellte sich, als ob Eötvös von der Wahl der Richter überhaupt gesprochen hätte, und vertheidigt sich damit, daß die Wahl der Richter vom Gerichtshöfe abhänge und von der Regierung nicht beeinflußt werden dürfe. Das wäre ganz richtig wenn es sich hier nicht um einen ungesetzlich gewählten Untersuchungsrichter handelte, wo das Justizministerium allerdings die Pflicht hat, solche Ungesetzlichkeiten nicht zu dulden. Schließlich sagte Tißa noch: „Der Herr Abgeordnete Helft), der übrigens in dieser Hinsicht eine, wie ich glaube, von jedem nüchtern denkenden Menschen zu billigende Aeußerung gethan hat, als er auf die Nothwendigkeit der Verschmelzung hinweisend, dazu