Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1884)
- Date
- 1884-02-26
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
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132 Heranziehen österreichischer Magnaten, Ungarn indigen sind, bewirkt wurde, zugsweise ein klerikales und gegen diesen ersten Versuch, die Civilehe einzuführen, gerichtet. Die Discussion hatte deshalb nur wenig antisemitische Färbung. Wenn nun jetzt die Frage aufgeworfen wird, wie werden die Reichstagswahlcn ausfallen? so kann man sich nicht der Besorgniß entschlagen, daß der neue Reichstag eine größere Anzahl entschiedener Antisemiten enthalten werde als die bisherigen sechs. Mehrfache Ursachen haben sich vereinigt, um eine viel heftigere judcnfeindliche Strömung im Volke hervorzurufen, als dies jemals in Deutschland der Fall war. Die Antisemiten kämpfen um ihre Existenz, die äußerste Linke Äe zufällig auch in! umhin kann; denn wer diesem Uebel gegenüber keinen Standwar das Motiv vor-1 Punkt hat, wer sich über den Ursprung dieses Uebels, über die Mittel zur Sanirung kein Bild schafft, der hat gegenüber einer leider sehr bedeutenden Seite der heutigen Zustände des Landes keinen Standpunkt. Ich spreche von dem Antisemitismus. Was ich von der antisemitischen Agitation selbst halte, muß ich hier wohl nicht weitläufiger erklären. (Rufe rechts: Doch, es wird nicht schaden!) Denjenigen, die so thun, als hätten sie Zweifel in dieser Hinsicht (Heiterkeit links), will ich den Gefallen erweisen. Folgendes zu erklären: Nachdem ich im Cultus der Rechtsgleichheit erzogen bin und das politische Dogma der Rechtsgleichheit niemals verleugnen werde hat sich mit ihnen verbunden; das Volk wird den antisemi- (Stürmische Zustimmung links); nachdem ich an den Grundtischen Schlagwörtern und Flugblättern ein offenes Ohr leihen, sätzen meines christlichen Glaubens unerschütterlich festhalte. Dennoch glauben wir, daß die Dinge sich so viel ungünstiger; unter welchem die Nächstenliebe zu den kardinalsten gehört darstellen, als es in der Wirklichkeit ist. Auch die große (Allgemeine lebhafte Zustimmung): muß ich vom politischen Regierungspartei und die gemäßigte Opposition müssen um wie vom moralischen Gesichtspunkte eine Agitation entschieden ihre Existenz kämpfen, und haben sich stets gegen den Antij verurtheilen, deren subjektive und Gehässigkeit verbreitende semitismus erklärt. Aber auch die Conservativen mit ihrem! Tendenzen gegen beide Grundprinzipien verstoßen. (Allgemächtigen Einfluß können dem Radikalismus das Feld nicht räumen und dürfen die Regierungspartei nicht im Stiche lassen. Es handelt sich hier zugleich um den Bestand des Ministeriums Tißa, das die Radikalen und Antisemiten stürzen wollen. Es ftägt sich also, wie weit dieses im Volke noch Wurzel hat und ob es aus diesem Kampfe mit einer Mehrheit, sei diese größer oder kleiner, siegreich hervorgehen werde. Auch das Oberhaus, also die Magnaten, sieht seinen Bestand in Frage gestellt. Mit Tißa weiß es sich zu verständigen; die Radikalen müssen den Umguß des Oberhauses in erster Linie in ihr Programm aufnehmen. Dies Dinge im Augenblicke. Ob und wie weit zu den Wahlen ändern werde, kann bei dem bewegten und! beweglichen Charakter des politischen Lebens in Ungarn Nie-? mand vorauswissen.! Die Debatten über die Absetzung des Mischehegesetzes! von der Tagesordnung zogen sich bis in die Sitzung am 8. Februar hinein, wo endlich der ministerielle Antrag mit! 171 Stimmen gegen 131 angenommen wurde (s. vor. Nr.).! Wir haben aus denselben noch zwei wichtige Momente her-! vorzuheben: die Rede des Magnaten Grafen Albert Apponyi > und des Ministerpräsidenten Tißa. Der erste ist ein Führer I der Agrarier, und auch dies ist bedeutsam, daß, während in Deutschland die Agrarier den Antisemitismus förderten, ja zum Theil hervorzurufen sich bemühten, hier einer der ersten der Agrarier sich gegen denselben entschieden erhob. Nachdem er über die Finanzen und die kroatischen Zustände gesprochen, sagte er: „Unter den nämlichen Gesichtspunkt fallen die Symptome jenes andern Uebels, mit welchem sich dieser Tage so Biele beschäftigt haben und welches zu illustriren auch ich nicht meine stürmische Zustimmung.) Und weil ich hierüber schon so viel ausgesprochen habe, kann ich nicht umhin, auf einen Passus der neulichen Rede des Herrn Abgeordneten Karl Eötvös zu reflektiren. (Hört!) Er hat nämlich den Antisemitismus in mehrere Kategorien getheilt und dabei den Antisemitismus des hohen Klerus und des Klerus überhaupt erwähnt. Ich weiß nicht, woher der Herr Abgeordnete dies hat. Meines Wissens — und es wäre traurig, wenn es anders wäre — giebt es in Ungarn keinen einzigen Prälaten, keine einzige hervorragendere Perist die Lage der j sönlichkeit in der Geistlichkeit Ungarns, von welcher die antisich dieselbe bis j semitische Bewegung in Ungarn auch nur die geringste Aufmunterung erhalten hätte; und wenn vielleicht in den Reihen des niederen Klerus sich hie und da Einzelne finden, die mit der Bewegung Hand in Hand gehen, wie mir selbst bekannt ist, daß Solches hie und da vorgekommen, so halte ich dies für eine sehr traurige Erscheinung und ich kann meinerseits nichts Anderes thun, als — soweit man meiner schwachen Stimme Gehör zu schenken geneigt ist und soweit der Kreis meines Einflusses reicht — die Diener der Kirche und besonders jener Kirche, welcher anzugehören ich das Glück habe, flehentlich zu bitten, den in seinem Wesen antichristlichen Charakter dieser Bewegung nicht zu verkennen und jede Gemeinschaft mit derselben zurückzuweisen. (Stürmische Zustimmung. Lärm von Seite der Antisemiten.) Ich kann nichts dafür; ich habe vorausgesehen, daß Dasjenige, was ich über diesen Gegenstand sagen muß, den Herren Antisemiten nicht gefallen werde; aber ich bin daran gewöhnt, in allen Dingen meine Ansicht auszusprechen, ohne Rücksicht darauf, wem sie gefällt und wem nicht. (Zustimmung.)