Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1884)
- Date
- 1884-02-26
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227511--41524-3310000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
131 mehrten und das Nachdenken über dieselben sich vertiefte. Der Verstand entwickelte stch und wurde Herr über die bis dahin ungezügelte Phantasie. So fing man an zu philosophiren, d. h. aus der Beobachtung vernunftgemäß Folgerungen und Schlüsse zu ziehen. Wenn wir die Religionsbücher der alten Die Lage in Ungarn, n. Es ist nicht unsere Schuld und geschieht nicht nach unserem Wunsche, daß wir uns fort und fort mit Ungarn zu Völker durchforschen, finden wir schon überall tiefe philoso-i beschäftigen haben. Allein die Lage ist dort so schwierig und Phische Gedanken, die mit der polytheistischen Anschauung j verworren, und während in Deutschland und Rußland der Andes Volkes in Widerspruch stehen. Aber erst dem hellenischen. tisemitismus sich still verhält, schlägt er in Ungarn Tag für Tag Geiste gelang es, diese Gedanken in ein System zu bringen,' seine Wellen auf, daß unsere Aufmerksamkeit immerfort dahin d. h. aus gewissen Voraussetzungen einen folgerichtigen Gegezogen wird. Auch in Ungarn ist es schon häufig ausgedankenbau, eine Construktion des Ganzen im logischen Zusprachen worden, daß der Antisemitismus aus Deutschland sammenhang der einzelnen Sätze zusammenzusetzen. Anfangs, "ach dem Magyarenlande verpflanzt worden sei. Dies ist ging dieses Bestreben, das religiöse Gebiet bei Seite lassend,! aber falsch. Denn viele Jahre bevor er in Deutschland sein von der Naturbetrachtung aus und hatte als Ziel, die Haupt erhob, ließ Jstoczy seine fanatischen Anklagen und sichtbare Welt aus einer materiellen Ursache zu erklären. Drohungen und zwar im Abgeordnetenhause selbst erschallen, In rascher Entwickelung aber wurde auch die geistige Welt,! wurde zwar scheinbar ausgelackt, aber doch recht gern gcdas Uebersinnliche in den Kreis der Betrachtung gezogen, duldet und seiner Agitation Thür und Thor geöffnet. Auch die Metaphysik wurde geschaffen. Hier war es, wo der Mozeigen sich alle Verhältnisse anders als in Deutschland. Hier notheismus zum philosophischen Bewußtsein wurde und den nahmen einheitlich alle liberalen Parteien bis in die freiconpopulären Polytheismus negirte. Allerdings war, höchstensj servative hinein, entschiedene Stellung gegen die Antisemiten, mit Ausnahme Platos, der metaphysische Begriff der Gott-j und obsckon die Bewegung weithin ihre Kreise zog, stand heit, wie ihn zunächst Aristoteles construirte, so gut wie indoch die öffentliche Meinung und Achtung nicht auf Seite haltsleer, hatte weder ethischen noch psychischen Inhalt. Aber ( der letzteren. Als die Reichstagswahlen naheten, glaubten immerhin verdrängte er aus den denkenden Geistern die poi die Conservativen durch die Verbindung mit den Antisemiten lytheistischen Vorstellungen, und bereitete der monotheistischen! bei dem Volke Unterstützung zu finden. Aber sie sahen sich Anschauung den Boden. Was dieser Entwickelung bei all' ihrer Wichtigkeit für die Entfaltung und Ausbildung der Geisteskräfte vielen Abbruch that und ihre Wirksamkeit beschränkte, das war der Umstand, daß sie, nach innerem geistigen Gesetze, einem gewissen Kreislauf unterworfen war, der sie im Weiterschreiten durch alle Phasen des Dogmatismus immer wieder zum Skeptizismus führte, zum Zweifel über die Richtigkeit der sinnlichen Wahrnehmungen, die allen Begriffen und Schlüssen zu Grunde liegen, also zur Selbstauslösung des philosophischen Denkens. Einen solchen Kreislauf haben wir in der griechischen Philosophie drei Male nacheinander zu beobachten; immer wieder in größerem Umfange mit dogmatischer Sicherheit beginnend und schließlich in der Negation sich auflösend. War hiermit die Unzulänglichkeit des einseitigen Berstandesgedankens gegeben, so war doch dadurch nicht allein der menschliche Geist durch fortwährende Uebung zu einer bedeutenden Ausbildung gelangt, sondern auch der Polytheismus in großen Kreisen untergraben, da natürlich von dem Philosophieren der strengen Geister viele Lichtwellen, namentlich durch die anschwellende Literatur, auch in weitere Kreise drangen. (Forts, folgt.) bald getäuscht. Selbst an dem Hauptheerde der judengehässigen Bewegung, in Berlin, machten sie ein vollständiges Fiasco; im übrigen Deutschland kamen bei den Wahlen die Antisemiten gar nicht zu Wort und nur zwei oder drei Wahlbezirke in entlegenen Provinzialwinkeln öffneten sich für Stöcker. Im Uebrigen gelang es dem Antisemitismus nur wenig und vorübergehend, im deutschen Reichstage und im preußischen Abgeordnetenhause zum Wort zu kommen, und irgend welchen thatsächlichen Einfluß auf die Gesetzgebung hat er nicht erlangt. Ganz anders in Ungarn. Hier hat er seinen Hauptsitz im Reichstage selbst aufgeschlagen; in diesem hat er sich eine Partei gebildet, und als die Regierungspartei sie in ihrem Schooße nicht duldete, ließ sie sich innerhalb der äußersten Linken nieder; hier ist es, wo die letztere sich als Partei, wenn auch nicht offen zum Antisemitismus bekannte, doch sich antisemitisch gerirt, wie ihr berufenes Manifest hinlänglich bezeugt. Es ist also gerade entgegengesetzt wie in Deutschland: die radikale Linke schlägt ihren Prinzipien ins Gesicht, um aus antisemitischer Allüre bei den bevorstehenden Wahlen Capital zu schlagen. So geht denn kaum eine Debatte im ungarischen Abgeordnetenhause vorüber, ohne eine antisemitische Discussion herbei zu führen. Man wende nicht ein, daß ja das Oberhaus, also die Conservativen, das Mischehegesetz verworfen hat. Abgesehen davon, daß die Majorität nur eine geringe war, und nur durch 9*