Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1884)
- Date
- 1884-02-26
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227501-3227511--41523-3309999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
130 Vorstellung und ein sittliches Gefühl zur Natur der Menschenseele gehören, also auch vom Beginn des Menschengeschlechtes an vorhanden waren. Würde dies nicht gewesen sein, so hätte auch keine Entwickelung dieser beiden Momente stattfinden können, da fie sonst weder Gegenstand noch Anstoß gehabt hätte. Viele Forscher haben nun angenommen, daß in der Kindheit des Menschengeschlechtes die monotheistische Idee vorgewaltet hätte und erst später sich polytheistisch ausgestaltet habe. Wir sind der entgegengesetzten Meinung, und berufen uns dabei auf die einfache Thatsache, daß der Mensch der Erscheinungen nacheinnder geltend: das Werden, das Sein und das Vergehen der Wesen. Hier wurde der Polytheismus zur Trinität. So bei den Indern. Jndeß genügten diese Abstraktionen dem Geiste des Volkes nicht, und wurden deshalb wieder polytheistisch ausgestaltet, indem die Gottheit des Lichtes wie der Finsterniß auf eine Vielzahl Götter vertheilt oder mit zahlreichen Hülfsgeistern versehen wurde. Einen anderen Weg schlug die religiöse Vorstellung der europäischen Völker ein. Hier wurde die Gottheit geradezu vermenschlicht, den zahlreichen Göttern und Göttinnen, Halbgöttern seine religiösen Vorstellungen zunächst aus seiner Berührung und Halbgöttinnen alle menschlichen Leidenschaften zugeschriemit der Natur, aus der Empfindung dessen, was die verschiedenen Naturerscheinungen und Wesen an wohlthätigen, heilsamen oder an schädlichen, ja tödtlichen Wirkungen für sie, die Menschen, ausüben. Die Abhängigkeit, in welcher sich der Mensch den Naturgewalten und dem Geschick gegenben, sodaß aus dem Willen derselben Götter bald das Gute und Wohlthätige, bald das Böse und Verderbliche entspringt, und die Götter von den Menschen sich nur durch höhere Kräfte und längere Dauer unterscheiden. Es entstand daraus die Ahnung, daß die so geartete Welt nicht ewig beüber fühlte, die Empfindung des Dankes für die ihn gewor-! stehen könne und wie die Germanen das Reich ihrer Äsen denen Genüffe und Vortheile, der Furcht und Angst vor den > Nachtheilen, ja dem Verderben, die auf ihn einstürmten, die einst vernichtet werden ließen, so sagte sich auch der Grieche, daß sein Zeus dem unabwendbaren Fatum unterthan sei. natürliche Folge alles dessen, die Gunst dieser Naturgewalten Nach noch ganz äußerlicher Anschauung war hier die Herrschaft zu erwerben, und ihren etwaigen Zorn abzuwenden — alles der Götter trinitarisch nach dem Himmel, dem Meere und dies machte den Untergrund aus, aus welchem die religiösen1 der Unterwelt abgetheilt und die einzelnen großen Weltkörper Vorstellungen erwuchsen. Erst viel später konnten sich hierwie Sonne, Mond, Erde, besondern Göttern zugewiesen: der mit Begriffe des Höheren, des Idealen, die Erhebung zu diesem, das Stteben nach diesem, als ein wesentlicher Inhalt der Religion verbinden. Andererseits aber lag dem kindlichen Menschen der Begriff der Einheit aller dieser Naturerscheinungen und Naturgewalten, die Vorstellung eines geordneten, in allen seinen Theilen ineinandergreifenden Weltalls sehr fern und es bedurfte erst einer großen geistigen Entwickelung, um zu einem solchen Begriff zu gelangen. Darum ist der Polytheismus die erste und andauernde Stufe der Vorstellung von Gott, weil eben in jeder bedeutsamen und in das Leben eingreifenden Naturerscheinuug eine besondere göttliche Kraft, eine besondere Gottheit erachtet werden mußte, und deshalb ging und geht der Weg der Entwickelung dahin, den Polytheismus durch den Monotheismus immer mehr zu verdrängen. — Der erste große Schritt auf diesem weilen Wege war es, als man im geistigen Fortschritt begann, von den einzelnen thatsächlichen Ursachen ab- und auf die Wirkungen hinzusehen, indem man diese in ihrer Gemeinsamkeit auffaßte- Es waren diese Wirkungen entweder wohlthätige oder nachtheilige, sowie man auch in der Welt der Menschen das Gute und das Böse entgegengesetzt wirksam sah. Beides wurde auf göttliche Quelle zurückgeführt, und so ward aus dem Polytheismus der Dualismus: die Gottheit des Guten, des Lichtes, und die Gottheit des Bösen, der Finsterniß, die im Kampfe mit einander begriffen sind. So die Aegypter und die Altparsen. Bei einer anderen Völkerfamilie machte sich nicht dieses Bettachten des Nebeneinander, sondern das Polytheismus war durch Abstrattion nicht eingeschränkt und hatte nur den Fetischismus überwunden. Eine große Evolution ging aber in Süd- und Ostasien vor sich. Unter dem Schutze jener polytheistischen Trinitäts-Mythologie waren die Völker einer unerttäglichen Knechtschaft der Priester- und der Kriegerkaste unterworfen und das Leben der Volksmassen auf's Aeußerste gedrückt worden. Da erstand eine Anschauung vom Leben, die bis an die äußerste skeptische und negative Grenze ging. Die Vernichtung der ganzen bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, die mögliche Vernichtung aller Bedürfnisse durch deren Herabsetzung auf's Mindeste, das Aufgehen des Seins in das Nichts, das war der Inhalt der neuen Lehre, des Buddhismus, welcher die Massen schnell zufielen, so daß sie, ohne Kampf und ohne Anwendung von Gewalt sich den Süden und Osten Asiens gewann. Jndeß ist es einsichtlich, daß eine solche, das materielle und das geistige Leben zersetzende und aufhebende Lehre eben nur so lange genügen konnte, als es den Umsturz der bedrückenden Gewalten und Einrichtungen galt. Sie verschmolz daher in Indien selbst bald wieder mit dem Brahmanismus, vergötterte Buddha und seine Jünger, und gestaltete sich im Osten in Lehre und Form wieder zum Polytheismus, wenn auch in etwas abgeschwächtem Maße. Neben allem diesem oder auf dem Grunde desselben ging eine andere höchst bedeutende Entwickelung vor sich. Es war naturgemäß, daß mit der fottschreitenden Entfaltung des Geistes auch die Erfahrungen und Beobachtungen sich