Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1884)
- Date
- 1884-02-19
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Achtung Zeugniß giebt, in welcher Kosch stand. Immerhin! ist es erfreulich, daß Wagener, der in der Kreuzzeitung und! in seinem Staatslexicon den Judenhaß so offen und so oft gepredigt hat, am Ende seiner Laufbahn mit Stillschweigen! darüber hinweggeht. Vielleicht will er eben mit den neuesten Antisemiten nicht verwechselt werden. — Von der Bibliotbeea Rabbinica, d. h. von der Uebersetzung des Midrasch Rabba, die vr. August Wünsche bei Otto Schulze in Leipzig herausgiebt, find die fieben- und achtundzwanzigste Lieferung erschienen, welche die Fortsetzung des Midrasch Bemidbar Rabba und zwar von Kap. 7, 1 bis 21, 34 enthalten. — Herr Moritz Baum, der seit 1861 die Funltion eines Mohel ausübt, hat im Selbstverlag (Frankfurt a. M., 1884) herausgegeben: „Der theoretische-praktische Mohel", enthaltend sämmtliche Vorschriften über Milah, nebst vielen interessanten Bemerkungen und Erklärungen. Selbstverständlich steht Verf. auf streng-orthodoxem Boden, und hat er unseres Wissens den wichtigen Gegenstand zum ersten Male in deutscher Sprache vollständig behandelt. — Die verschiedenen Eidesarten nach mosaisch-talmudischem Rechte und die Fälle ihrer Anwendung. Ein Beitrag zur älteren Rechtsgeschichte nach den Originalquellen bearbeitet von vr. I. Blumenstein. (Franks, a. M., Kauffmann, 1883.) Der Verf. hat feinen schwierigen und zum Theil complicirten Gegenstand mit ebenso vieler Klarheit wie Quellenkenntniß beleuchtet, und damit ein interessantes Bild aus dem mosaisch-talmudischen Rechtsgebiete, welches ebenso durch logische Consequenz wie durch das ernsteste Streben nach Gerechtigkeit sich auszeichnet, aufgestellt. — Wir haben für eine andere Stelle unseres Blattes aus der neuesten Schrift unseres geschätzten Mitarbeiters: „Die Völker Oesterreich-Ungarns. Ethnographische und culturhistorifche Schilderungen. Siebenter Band. Die Juden von vr. Gerson Wolf. Mit einer Schlußbetrachtung von I)r. Wilhelm Goldbaum." (Wien und Teschen, Prochalska, 1883), eine Auswahl historischer Notizen und Curiosa bestimmt. Hier deshalb nur die allgemeine Bemerkung, daß diese Geschichte und Charakterschilderung der Juden in Oesterreich fich in völlig objectiver Darstellung bewegt und in drei Abtheilungen bietet: 1) Geschichtliches, 2) Culturverhältniffe, 3) Sitten, Gebräuche, Charakter. Es wird uns hier ein mit Umsicht geordnetes reiches Material geboten, das zu vielen allgemeinen Betrachtungen und Vergleichungen Beranlaffung bietet. Es versteht sich, daß der Versaffer aus diesem Gesichtspunkte von den neuesten Erlebniffen in Oesterreich- Ungarn Umgang nimmt, und darum schließt sich die angehängte Betrachtung von Goldbaum bestens an, welche den Antisemitismus einer kritischen Prüfung unterwirft und ihn nach Verdienst geißelt. Die Abhandlung ist in ebenso schöner wie zutreffender Sprache abgefaßt. Unsere guten Wiener hatten sich eingebildet, daß Wien für den Antisemitismus und für den Socialismus gar keinen Boden hätte, und wehrten sich auch in den Correspondenzen unseres Blattes gegen die Annahme, daß diese Krankheiten auch am Ufer der blauen Donau sich verbreiten und fühlbar machen könnten. Das Gegentheil hat fich zum Bedauern Aller erwiesen. — Ein neues jüdisch - belletristisches Blatt „Die Laubhütte" soll unter der Redaction des Rabbiner Br. S. Meyer in Regensburg zweimal monatlich erscheinen und ist die Probenummer versandt worden. Den Hauptinhalt derselben bildet der Anfang des Roman David Alroy nach der Bearbeitung, welche vom „Institute zur Förderung der Israelitischen Literatur" herausgegeben worden. Die übrigen Piecen bringen des Unterhaltenden und Belehrenden recht viel. — Der Stadtrabbiner Dr. S. L. Schwabacher in Odessa hat „Worte der Erinnerung an Seine Eminenz den in Gott ruhenden Erzbischof Dimitri" gesprochen in der großen Synagoge zu Odeffa, veröffentlicht. Es kann uns nur zu einer herzlichen Beftiedigung gereichen, hier einmal Worte der innigsten Verehrung und Dankbarkeit für einen hohen geistlichen Würdenträger der griechisch-katholischen Kirche von einem jüdischen Kanzelredner, und zwar von der Bedeutung und dem Talente Schwabachers zu vernehmen. Der Erzbischof Dimitri hatte nicht allein in ftüheren ruhigen Zeiten seine Menschenliebe und sein Wohlwollen auch gegen die Juden bethätigt, sondern namentlich bei dem letzten antisemitischen Aufstand durch seinen Einfluß das meiste zur Beruhigung der Gemüther beigetragen. Deshalb verursachte sein plötzliches Hinscheiden bei der jüdischen Bevölkerung Odessas nicht weniger als bei der christlichen eine tief empfundene Trauer, welcher Schwabacher durch sein beredtes Wort Ausdruck verlieh. Jndeß gab ihm sein Gegenstand auch noch Gelegenheit zu anderen Auslassungen. Ausgehend von der Verwunderung, welche gewisse Leute über diese Mittrauer Seitens der Juden äußern würden, stellt der Redner gedrängt die Anschuldigungen dar, welche von antisemitischer Seite gegen das Judenthum erhoben werden und widerlegt sie, die ebenso aus Unwissenheit wie aus Bosheit fließen, in glänzender Weise aus Bibel, Talmud und Rabbinen. Hierauf stellt er die russische Geistlichkeit, die mit höchst geringer Ausnahme in den russischen Juden-Exceffen für die Juden eintrat und mit Anstrengung die Ruhe wieder herzustellen suchte, einen Hofprediger Stöcker und Pater Rohling gegenüber, die er in schärfster Weise charakterisirt. Zuletzt führt er die ganze Bewegung auf den alten Hirtenstreit um einige fette Weiden zurück, der zwischen den Hirten Abraham's und Lott's stattgefunden. Wenn wir dieser in allen Theilen gelungenen Rede unseren Beifall zollen, so nehmen wir die Anrede zum Beginn derselben aus. Sie lautet: „Im Namen des eineinigen Gottes!" Sie erinnert zu sehr an die bei den christlichen Kanzelrednern gebräuchliche Ansprache und der-