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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-02-19 · Heft 8 (19.2.1884) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 8 (19.2.1884)
Date
1884-02-19
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
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118 an Wiegen und Heroldsstäben angebracht. In der griechischen Mythologie und in griechischen Fabeln tritt die Schlange als Wächterin oder Hüterin von Brunnen und Tempeln auf. (Jbycus sä. Schneidewin 195). In der lateinischen Fabel des Phädrus (IV 19) bewacht eine Schlange eine Schätze bergende Höhle und selbst in Talmud erscheint ste als Wächterin am Eingänge der Höhle, welche die Leiche des R. Simon ben Jochai birgt i.B. Mez. 84b) und der Grabeshöhle des R. Kohana (B. Kama 117b). Nirgends ist jedoch eine Spur zu entdecken, daß sie als Sinnbild für die Bewahrung des Zorns oder Grolls gedient hätte. Wenn sie aber der Talmud in unseren Ausspruche dennoch als solches verwendet, so geschieht es, nach meiner Ansicht, nur deshalb, weil ihr das Alterthum das Hüter- oder Wächteramt übertragen. Das hebräische Zeitwort -a: heißt ja auch in seiner Grundbedeutung nichts anderes, als hüten, bewachen, wie z. B. in atror; nx mtw Wächterin oder Hüterin der Weinberge (Hohelied 1. 6.), und nur wenn kein zu bewachendes Object den Worten beigesügt ist, wird nach dem hebräischen Sprachgebrauche ^x, Zorn, hinzugedacht und das Verb im Sinne von „Zorn hüten, Groll bewahren" aufgefaßt. Darum heißt auch ~%cn x$> du sollst nicht hüten oder bewachen: Du sollst den Zorn oder den Groll nicht hüten oder bewachen, der sich gegen einen Mitmenschen in dein Herz geschlichen wegen einer von ihm dir zugefügten Beleidigung oder Kränkung. In demselben Sinn tritt uns dies Wort auch in Nachum 1, 2., Jerem. 3, 5. 12., Ps. 103, 0. und in dem Substantivum ptpü: Bewachung des Zornes entgegen, das sich der Talmud aus dem Zeitworte gebildet (Joma 23a). Dieser Auseinandersetzung zufolge dürste unsere talmud. Sentenz „Jeder Gottesgelehrte, der keine Rache übt, doch in seinem Herzen den Zorn gegen seinen Beleidiger gleich einer Schlange hütet, verdient durchaus nicht Gottesgelehrter genannt zu werden" ebenso berechtigt als natürlich erscheinen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 1. Febr. Ein alter Autor sagte: „Das Alter liebt es, sich in Erinnerung zu bringen, um nicht vergessen zu werden." Dies war wohl das Motiv, welches den Wirklichen Geheimen Ober-Regierungs-Raih Hermann Wagener, den einst vielgenannten, in der letzten Zeit vergessenen, bewog: „Erlebtes. Meine Memoiren aus der Zeit von 1848 dis 1866 und von 1873 bis jetzt, 1. Abtheilung. (Berlin, Pohl, 1884)" herauszugeben. Mürde man diese Schrift blos nach ihrem Umfange (88 S.) beurtheilen wollen, so würde man das Epitheton „geschwätzig" ihr nicht beilegen dürfen; denn diese erste Abtheilung reicht von 1848—1866, befaßt also die Periode der eigentlichen Wirksamkeit des Herrn Wagener. Trotzdem können wir ihr jenes Beiwort nicht ersparen, denn ihr Inhalt ist so oberflächlich, so nichts weiter als Malice und Medisance über die vielgestaltigen Erscheinungen dieser langen und bewegten Zeit, so daß kaum ein halbes Dutzend Männer vor den Augen W.'s Gnade finden, die übrigen mit witzig sein sollenden kurzen Charakterzeichnungen abgethan werden. Nicht blos die Gegner, sondern auch die Anhänger seiner Partei, mit Ausnahme jener Wenigen, die ihm imponirten, z. B. Bismarck, die beiden Brüder v. Gerlach, Stahl, Graf Stolberg, kommen schlimm bei ihm weg. Eben so wenig Neues oder Gründliches erfahren wir über die Ereignisse des gedachten Zeitraums. Kurz, wenn die Schrift nicht erschienen wäre, wäre durchaus nichts verloren gewesen. Selbst was der Verfasser über die Gründung der Kreuzzeitung mittheilt, über deren Fortgang und seinen Austritt aus der Redaction, erhebt sich nicht viel über das Anekdotenhafte. Wir setzten voraus, daß Wagener über seinen famosen Versuch, die Gleichberechtigung der Juden aus der Verfassung zu streichen, mit welchem er 1856 selbst in der sog. Landrathskammer trotz des Beistandes des Präsidenten von Gerlach so schmählich Fiasco machte, sich auslassen werde. Aber er erwähnt dessen uur mit folgender Phrase: er habe innerhalb der großen gouvernementalen Fraction „eine kleinere selbständige, etwa dreißig Mitglieder- Fraction gebildet, welche sich speciell die Aufgabe stellte, Preußen vor dem Rückfall in den bureaukratischen Absolutismus und ebenso vor dem Versinken in den vulgären Constitutionalismus zu bewahren und der Krone eine neue, lebendige und feste Unterlage zu schassen. Zu dem Zwecke wurden von dieser Fraction wiederholt socialpolitische Anträge zur Herstellung corporativer ständischer Genossenschaften und ebenso zur Purificirung unserer „den breiten Stempel ihres Ursprungs tragenden Verfassung" gestellt, doch scheiterten wir damit leider an dem Widerspruche des Ministeriums und der gouvernementalen Fraction, welche in dieser Beziehung von den sich damals noch in den ausgetreteneen Bahnen des Manchesterthums bewegenden katholischen Mitgliedern unterstützt wurde." Allerdings wurde der mit so vielem Eclat eingebrachte, von einem weitläufigen Commissionsberichte des Herrn von Gerlach unterstützte Antrag Wageners auf Streichung der Gleichberechtigung der Juden aus der Verfassung nach einer Bemerkung des Ministeriums durch die einfache Tagesordnung beseitigt, welche Form der katholische Abg. Reichensperger benutzte, um sich in längerer Rede gegen den Antrag zu erklären. So huscht also Wagener über diese seine Heldenthat hinweg. — Außerdem finden wir noch S. 21 die Bemerkung, daß nach der Märzrevolution „es einmal ganz nahe daran war, einen jüdischen Arzt, den Dr. Kosch aus Königsberg zum Cultusminister avanciren zu sehen." Es ist dies wohl nur ein Witz, der damals unter den Reactionären herumgetragen wurde, der aber jedenfalls von der

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