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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-02-19 · Heft 8 (19.2.1884) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 8 (19.2.1884)
Date
1884-02-19
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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116 bildung angefangen auf allen Stufen im ungarischen nativtraten Geiste zu regeln," erregt uns kein Bedenken, wenn wir dabei voraussetzen dürfen, daß die Ungarn für die Volksbildung und den Volksunterricht aller Klaffen die nothwendige Energie und Fürsorge entfalten. Hierzu kommt nun die vierte Bedingung: „das Hereinströmen der ausländischen Iudenschaft durch Verstrengerung der Niederlaffungsbedingungen, ja selbst durch das Verbot der Einwanderung für eine gewisse Zeit zu verhindern." Hierzu natürlich können die Juden nichts thun, sondern es ist die Sache der Gesetzgebung und Verwaltung. Es ist eine Frage der inländischen Jntereffen, in welche der Ausländer nicht einzureden hat. Hierauf folgen noch verschiedene allgemeine Sätze, indem, wenn diese „Maßnahmen" nicht sofort ergriffen würden, die schwersten politischen und sozialen Folgen vorausgesagt werden, insbesondere aber verwarnt wird, von der antisemitischen Leidenschaft das Streben nach Unabhängigkeit und Selbstständigkeit des ungarischen Staates verdrängen zu laffen. Wenn wir dieses ganze Elaborat überschauen und gewahren, wie das Manifest die wichtigsten Momente, wie die Justizreform, die Berwaltungsreform, die Steuerreform, die Reform des Oberhauses, die Heeresreform, die Zollreform u. s. w. nur mit flüchtigen und allgemeinen Sätzen berührt und sich dann gerade über die Judenfrage in genaues und ausführliches Detail versenkt: so kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß einerseits die Unabhängigkeitspartei in der Verlegenheit gewesen, der antisemitischen Strömung in Anbetracht der bevorstehenden Wahlen nicht entgegentreten zu wollen, und doch ihre Prinzipien der Rechtsgleichheit und Religionsfreiheit nicht geradezu aufgeben zu können, und andererseits, um es offen zu sagen, in dieser Partei selbst» wenn nicht offenbare, doch wie Pulßky es ausgesprochen, verkappte Antisemiten vorhanden und thätig sind. Dies geht auch aus der Parteiverhandlung über das Manifest hervor. Man hatte allerdings von einer „Unabhängigkeitspartci" eine andere Vorstellung. Die Mitglieder einer Unabhängigkeitspartei, die nach der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ihres vaterländischen Staates streben, müßten vor Allem selbst unabhängige und selbstständige Männer sein; sie dürften aufgewiegelten Leidenschaften nicht noch Vorschub leisten; sie sollten ihr, durch so viele Nationalitäten und so vielen Nationalhaß zerriffenes Vaterland nicht noch durch weitere Spaltungen, durch Anschwellen neuen Haffes, durch Entfremdung einer immerhin nicht geringfügigen und dem Magyarenthum ergebenen Volksklaffe von jener Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, für die sie kämpfen, nicht noch weiter entfernen; sie mußten diese antisemitische Bewegung als das erkennen und kennzeichnen, was sie ist, als einen Ausfluß fanatischen und individuellen Haffes, der die niedrigen Triebe einer gewissen Masse benutzt, um zu einer mächtigen Strömung anzuschwellen, die Verderben verbreitet und Ungarn an den Rand der Abhängigkeit bringen wird. Wir haben die Vorstellung, daß eine Unabhängigkeitspartei fest stehen müsse wie der Leuchtthurm auf dem Felsen mitten in der Brandung des Meeres, um dem vielbewegten Volke zur Leitung und zum Anhalt zu dienen. Möge dieses Wort wohlwollend ausgenommen werden. Ich hielt mich zu ihm berechtigt, da ich seit 48 Jahren die durch alle Länder verbreitete „Allgemeine Zeitung des Judenthums" redigire, welche die Culturentwickelung der Juden nach allen Richtungen hin zu fördern und die wiffenschaftliche Durcharbeitung des Judenthums zur Aufgabe hat und unter Anderem eine „Ausführliche Darstellung der israelitischen Religionslehre" in drei Bänden (Leipzig, Baumgärtner) verfaßt habe, die von den Unterrichts-Minsterien Oesterreichs und Preußens und von den betr. Behörden Württembergs und Badens zur Einführung in die höheren Lehranstalten für die jüdischen Schüler approbirt ist. Wir wiffen die große Bedeutung des magyarischen Staates für die Civilisation im Osten sehr wohl zu würdigen und wünschen ihm von Herzen nachhaltige Kräftigung und in Einheitlichkeit dauernde Festigung. Dr. Ludwig Philipps«« emerit. Rabbiner. Die richtige Erklärung einer Talmudstelle. Bon Dr. Landsberger. Darmstadt, im Februar. In den hinterlaffenen Schriften meines vor ungefähr drei Jahren verstorbenen Schwiegervaters, des Rabbiners S. G. Loewe fand ich die Erklärung eines höchst auffälligen talmudischen Ausspruchs, die ich mich hier zu veröffentlichen gedrängt fühle. Mein Schwiegervater warf nämlich unter Anderem die Frage auf, wie der Talmud gegen das ausdrückliche mosaische Verbot: „von cpn Du sollst keine Rache üben und keinen Groll hüten" 3. Buch Mos. 19, 18., den Grundsatz aufzustellen vermochte, daß ein Gottesgelehrter, der sich nicht rächt und nicht Groll hütet gleich einer Schlange, nicht als wahrhafter Gottesgelehrter zu betrachten sei, d. h. den Namen eines solchen nicht verdient: „vom opu i:\stp nun bi nn -nofcn btud" Diese Stelle bezeichnete er als glücklichen Fund für alle Talmudfeinde, und die verschiedenen Versuche der Commentatoren, sie zu erklären, als durchaus nicht dazu angethan, die Unmoralität und den Widerspruch des Grundsatzes gegen die sittlich hohe mosaische Anordnung zu beseitigen. Der Sinn, den man den talmudischen Worten beilegt, meinte er aber, liefere einen neuen Beweis, wie sehr die irrige Auffaffung,

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