Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1884)
- Date
- 1884-02-19
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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115 bie Synode erkennt deshalb rn dem Frieden aller Re« Nationalitäten, ihre Gepflogenheiten mit einem Male zu religionen und Confessionen unter einander, in der gegenseitigen formiren und abzustellen, um sie allesammt mit einem Male Achtung und Gleichberechtigung derselben, sowie in dem nur^auf das Niveau des Zeitalters und der Gesellschaft zu stellen? mit geistigen Waffen und in strengsittlicher Weise geführten Kampf z und wenn sie es beföhlen? Oder sollen die Juden allein um die Wahrheit Eines der großen Ziele der Menschheit; j lauter gebildete und geschniegelte Leute sein? Die Herren die Synode erkennt daher als eine der wesentlichen Auf-! verkennen Zweierlei: einerseits daß durch eine tausendjährige gaben des Judenthums, diese Prinzipien zu bekennen, zu! Tradition eingepflanzte und geheiligte Sitte aus dem Herzen fördern, zu vertreten, dafür zu wirken und zu schaffen." —! und dem Leben der Masse sich nicht mit einem Male her- Andere Erklärungen wird eine ungarisch-jüdische Lan-! dessynode nicht geben können. Wenn wir aber hiermit bcr Aufforderung des Manifestes Folge geleistet, so sehen wir! dies als eine Conzesfion unsererseits an, nicht aber daß die Verfasser eines die Religionsfreiheit proklamirenden Mani-! festes berechtigt wären, eine solche Forderung zu stellen. Die Religionsfreiheit besteht darin, daß jedes Individuum seiner religiösen Ueberzeugung frei leben kann, ohne irgend wem darüber Rechenschaft geben zu müssen, so daß der Staat erst einer aus jener fließenden verbrecherischen Handlung entgegenzutreten hat. Um wie viel weniger kann aber ein Verfahren, wie das Manifest verfolgt, einer seit Jahrtausenden bestehenden Religion gegenüber gestattet sein, deren Lehren aus allen ihren Epochen in zahllosen Schriften ausgesprochen sind und namentlich im letzten Jahrhundert in allen modernen Sprachen zu unzweideutigem Ausdruck gebracht worden find; ja, deren Lehren und Vorschriften, wie namentlich die Zehngebote, vom Christenthume übernommen worden sind, so daß also für einen Unbefangenen gar keine Zweifel über die Glaubenslehren und Sittengesetze des Judenthums möglich find. Wollen sich etwa die Herren über diese Glaubenslehren zu Kritikern und Richtern aufwerfen, die einen zugestehen, die anderen verbieten? . .. Aber sie bleiben bei der Theorie nicht stehen, sie fahren fort: die Juden sollen „ihre mit unserem Zeitalter und der gegenwärtigen Gesellschaft nicht verträglichen Gepflogenheiten reformiren und eventuell abstellen". Auch hierzu sollen sie eine Landessynode berufen. Bor Allem hätte man hierbei zu fragen, welche „Gepflogenheiten" meint denn das Manifest? wo finden wir in ganz bestimmter Erscheinung „das Zeitalter und die gegenwärtige Gesellschaft", mit denen „diese Gepflogenheiten nicht verträglich" find? Denn um Etwas zu reformiren und abzufiellen, muß man doch genau wissen, was gemeint sei — sonst geräth man in die Phrase und mit ihr erst recht in Verwirrung! Meint das Manifest die religiösen Satzungen und Gebräuche? meint es die häuslichen Sitten? meint es die gewerblichen Beschäftigungen? Nun, auf allen diesen Gebieten finden wir bei allen Confesfionen und Nationalitäten in der Bolksmaffe „Gepflogenheiten", die aparter Art find und die im Grunde mit dem, was das Manifest unter Zeitalter und gegenwärtiger Gesellschaft versteht, nicht verträglich find. Befehlen darum die Herren des Manifestes allen diesen Confesfionen und ausreißen läßt, daß es aber andererseits eine unwiderstehliche Macht der Culturentwickelung giebt, der, wenn man nicht mit plumpen Händen hineingreift, mit der Zeit auch die eingewurzeltsten Bräuche und Lebensweisen, Ansichten und Vorurtheile nicht zu widerstehen vermögen. Nun hat man einerseits Jahrhunderte hindurch die Juden auf's Aeußerste ausgeschlossen und in sich abgegrenzt — und zwar in Ungarn so gut wie in allen Ländern, man erinnere sich z, B. der königlichen Freistädte und der Zünfte; man erwäge, auf welche vielfache Weise man sie noch heute ausschließt, beschränkt und hintenansetzt — es find noch keine zwei Jahrzehende, daß man sie in Ungarn emanzipirt hat, und doch haben die Juden andrerseits in diesem kurzen Zeitraum eine Culturentwickelung, eine Befähigung zur Culturentwickelung, ja in zahllosen Individuen eine Entäußerung der alten „Gepflogenheiten", eine mehr oder weniger totale Annäherung an das „Zeitalter und die gegenwärtige Gesellschaft", eine namentlich magyarische Nationalisirung bethätigt, daß sie hierin schon jetzt nicht allein allen billigen Forderungen genügen, sondern die größte Achtung in Anspruch nehmen können. Ist es doch schon so weit gekommen, daß in manchen achtbaren Kreisen man über die Culturbestrebungen der Juden sich beunruhigt und über die daraus entstehende Conkurrenz besorgt und antisemitisch gestimmt wird. Einer auf diesem Wege begriffenen Masse von 6 Millionen Menschen die Forderung plötzlicher Umwandelung stellen, erscheint ebenso einsichtslos wie ungerecht. Kürzer können wir uns mit den folgenden Nummern befassen. Zu Zweit verlangt das Manifest, daß „die Judenschast den berechtigten Anforderungen des Zeitalters entsprechend ihre Kirche und Religionsgemeinden orgauisire". Hiergegen ist Nichts einzuwenden, nur müßte sich die Unabhängigkeitspartei erinnern, daß, als die jüdische ungarische Landessynode eine solche Organisation aufgestellt und die königliche Sanktion dafür erhalten hatte, die Unabhängigkeitspartei es vorzugsweise war, welche die Durchführung dieser Organisation verhinderte und im Namen der Religionsfreiheit den Orthodoxen gestattete, eigene Gemeinden zu bilden, bis die ungarische Judenschaft in drei gesonderte Gemeindearten zerfiel. Wie will sie dies jetzt rückgängig machen, ohne die Religionsfreiheit zu verletzen?... Auch der dritten Forderung: „den öffentlichen Unterricht, von der Rabbinen 8*