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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-02-11 · Heft 7 (11.2.1884) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 7 (11.2.1884)
Date
1884-02-11
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Nation in ihrer Mehrheit hat durch ihm gesprochen. Bei ihm Ir war ein vollkommenes Zusammenspiel von Sein, Denken und r Handeln, und das gab ihm die Kraft, das verschaffte ihm das z Vertrauen seiner Mitbürger und derjenigen, an deren Seite er { wirkte. Ihm war eine eigenthümliche Mischung kleinlebigen < Daseins und großer Geistesgaben gegeben, welche überhaupt der j Charakter deutschen Lebens ist. Diese Mischung war es, die Laster! wahrend Jahrzehnte hindurch zum Liebling der Nation gemacht < (Zustimmung). Lasker war nicht eigentlich ein Mann der Frei-! heit und des Volkes; die Flamme, die am stärksten in ihm ' loderte, die Gottheiten seiner Seele, das waren Recht und Ge- < rechügkeit. (Bravo!) Laster war es, der zusammen mit Miquell i den Antrag stellte auf Ausarbeitung eines gemeinsamen deutschen Gesetzbuchs. Er war der unerbitterliche Feind des Polizeistaates und der Militärverwaltung; er hatte einen gewissen aristokratischen Zug. Die Höhe seiner Popularität fällt in die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, doch bei seinem Ankämpfen gegen die Auswüchse desselben unterlag er ein wenig der Gefahr, das gesunde Leben nach dem kranken zu beurteilen. Sein Rechtssinn gab ihm die Waffe in die Hand zu der ewig denkwürdigen Attacke gegen das Eisenbahnconcessionswesen im Abgeordnetenhause. Dem Umschwung der Zollpolitik gegenüber verhielt er sich zuerst abwartend; als jedoch die Belastung der unentbehrlichen Lebensmittel, die Begünstigung der Großindustrie in die Erscheinung trat, ergriff er den graben Gegensatz mit großer Heftigkeit. Er hielt seine bedeutsame Rede gegen den Petroleumzoll und sprach die charakteristischen Worte: „Wir haben jetzt eine aristokratische Politik!", ein Wort, welches an der Stelle, an die es gerichtet war, die höchste Indignation erregte. Und doch hatte er mit dieser Stelle immer sympathisirt, ohne freilich dafür Dank zu finden. Er war ein Stückchen von einem Staatssocialisten und doch dem Kanzler niemals sonderlich sympathisch. Wenn kein ofsicieller Vertreter am Sarge Laskers erschienen war, so geschah es wohl deshalb, weil man sich sagte, der Geist Laskers sei so gefährlich, daß man ihn auch im Tode nicht ehren dürfe. (Stürmischer Beifall.) Seine Beredsamkeit war nicht blendend, aber gründlich und von einer Fülle der Gedanken zeugend. Um jedoch seine Thätigkeit recht zu würdigen, mußte man ihn in der „parlamentarischen Küche", in den Fractionen und Commissionen sehen. Mit einer seltenen Aufopferungsfähigkeit verband er einen erstaunlichen Scharfsinn, eine seltene Kenntniß der Dinge und Personen. Das war wahrscheinlich kein unpraktischer Mensch und kein Utopist. Ein Utopist war er höchstens im Wohlthun." Unter dem, was ihn drückte, darf nicht verschwiegen werden jener eigenthümliche Zug, der sich in Deutschland seit einigen Jahren kenntlich gemacht hat und der, weil die Zeit nicht mehr den Fanatismus des Glaubens verträgt, einen neuen Fanatismus nach Bedürfniß der Fanatiker erfunden hat, den Fanatismus der Rasse. Vielleicht hat er unter diesem Uebel mit am meisten gelitten, aber es wäre ein Jrrthum, zu glauben, raß es ihn um seiner selbst willen, um seiner ihm Nächststehenden willen bekümmert habe. Wenn er alle diese unschönen Erscheinungen schmerzlich empfunden, so war es, weil er sie empfand als einen Fleck auf dem Ehrenschilde der ganzen Nation (Beifall), weil er glaubte , daß die Nation vor sich selbst und noch mehr vor der ganzen Welt herabgesetzt werde. Das Bitterste davon hat ^r wohl schwerlich empfunden; denn seine Seele war so edel geartet, daß er von dem Element der Gemeinheit, was in dieser Bewegung liegt, nicht die richtige Empfindung hatte. Er stand so hoch, daß er das Niedrigste in dieser Bewegung, auch wenn es einen vornehmen Mantel umhing, gar nicht empfand. Man sagte, er sei am gebrochenen Herzen gestorben. Meine verehrten Herren, Männer, die so für die Gesammtheit mit Hingebung arbeiten, sterben nicht am gebrochenen Herzen. Sie haben einen solchen Zug von Glauben in Brust und Herzen, der nicht auszurotten ist durch vorübergehende Erscheinungen.. (Beifall.) Er hatte ein Herz, das viel zu tapfer ist, um durch eine kurze Periode sich anfechten und zerreißen zu lassen, ein Herz, kühn und tapfer und fest bis zum letzten Augenblick. Wenn sie wissen wollen, woran er gestorben ist, wenn wir Menschen überhaupt davon Rechenschaft geben können, so sage ich: er ist an Überarbeitung gestorben. (Beifall.) Er hat das Wort „Schonung" nicht gekannt. Im Dienst der Pflicht hat er sich aufgearbeitet, zuletzt grade, indem er der Regierung des deutschen Reiches einen schätzenswerten Dienst leistete, für den sie allein ihm auf lange Jahre hinaus dankbar zu sein verpflichtet wäre. Er hat sich krank gearbeitet an dem Gesetz, welches die Krankenkafsenvorlage gebracht hat; er allein hat das Verdienst, wenn anders es eines war, daß es zustande kam. Es wurde vorgelegi, verwickelt mit dem Unfallverstcherungsgesetz, das uns noch in der Zukunft beschäftigen soll. Damals ging ich mit Lasker spazieren und ich warf, ohne weiter viel dabei zu denken, und vielleicht bereue ich es heute, die Worte ins Gespräch: „Bon diesem Gesetze wäre ein Theil vielleicht zu retten, wenn man die Krankenkassen herausschälte." Sofort warf er sich auf diesen Gedanken; -er ging nach Hause und arbeitete diesen Gedanken aus, und allein seinen riesigen Anstrengungen in der Commission war es zu danken, wenn es zu iftande kam, daß er es aus dem Wust herausarbeitete. Seine letzte Rede, welche er vor uns gehalten hat — sein Geist war noch frisch und klar, nur erlahmt waren die Schwingen —, galt eben diesem Gesetz. Damit hauchte er seine letzte Kraft aus. Was hat er auch an Ovationen in Deutschland in bessern frühern Jahren genossen! Wer an seiner Stelle hätte sich nicht die Brust höher schwellen lassen, sich stolzer gefühlt, als er es that bei allen Huldigungen, die ihm in den Jahren von 1870 bis 1875 dargebracht wurden. Heute muß man daran erinnern, daß zwei deutsche Universitäten Freiburg und Leipzig, ihn zum Doctor lionoriZ causa machten, die eine zum Doctor juris, bte andere zum philosophischen. Heute muß man daran erinnern, wo unsere Universitäten nicht mehr um den Ruhm ringen, die Gerechtigkeit in der Person eines oben unliebsamen Abgeordneten zu ehren. (Lebhafter Beifall.) Ja, verehrte Anwesende, ich gedenke jener Zeit, als bei jeder Gesetzvorbereitung Minister und Bundesräthe aufhorchten auf : Laskers Aeußerungen, wie sie wußten, das Geschick des Ge- ' setzes hinge ab von seiner Entscheidung, und daß ein Mini- : ster zu seinem Secretär sagte: „Lasker hat sich zustimmend ' geäußert, nun bin ich dicke durch" (Heiterkeit) — derartige Aeußerungen könnte ich mehrfach citiren. Ich habe es erlebt,; daß ein hoher Staatsbeamter, der die Unabhängigkeit der Ge- . sinnung heute dadurch zeigte, daß er bei der Trauerfeier eben- ' falls fehlte (Bewegung), bei seiner Beförderung in sein jetzi- ' ges hohes Amt zu Lasker sagte: „Ich hoffe, daß Sie mir in - meinem neuen Amt dieselbe Förderung leihen wie in meinem l früheren." Sie begaben sich zu ihm die drei Treppen hinauf, er , begab sich nie zu einem von ihnen, weil er nichts von ihnen - verlangte. Er empfing auch jenfeit des Oceans von denen, l die nicht von Parteileidenschaft und Parteihaß verblendet waren, : die Huldigungen, die er verdiente und die ihm Deutschland - auch in Zukunft nicht schuldig bleiben wird. Jene große Nat Lion ehrte ihn, und ihm war es dadurch vergönnt, die Sonne * seines Ruhmes, die hier gewissermaßen ein wenig verdunkelt : war, noch einmal gleichsam von einem hohen Berge herab - leuchten zu sehen. In diesem schönen Abglanz der kommen- - den und wohlverdienten Unsterblichkeit ging er dahin. (<Et wegung.) - Prof. Hänel, der nunmehr sprechen sollte, erklärte, daß; er nach dieser Rede nichts mehr zu sagen hätte. Der Bor- > trag der achtstimmigen Motette von Neithardt: „Sei getreu i bis an den Tod" schloß die ebenso würdige als eindrucksvolle - Feier. Die Rede hatte auf alle Anwesende ersichtlich eine er- - greifende Wirkung geübt. Bamberger wurde von Freunden l umdrängt, welche ihm ihren Dank ausdrückten. i Greßnee & SchrayM in<Mwkia.

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