Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-02-11 · Heft 7 (11.2.1884) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 7 (11.2.1884)
Date
1884-02-11
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227501-3227509--41497-3309971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

prrsentantensaal niedergesetzt, wo er bis zum Beerdigungstage von zwei Wächtern bewacht wird.' — 1. In der Synagoge^'). Am 28. Vormittag 11 Uhr begann in der neuen Synagoge die Leichenfeier und unmittelbar daran schloß sich die Beerdigung auf dem alten Friedhofe der jüdischen Gemeinde an der Schönhauser Allee. Das Ganze gehörte zu den imposantesten Trauer- Veranstaltungen, welche Berlin jemals für Angehörige bürgerlichen Standes gesehen hat. Wohl hunderttausend Menschen sammelten sich seit den Morgenstunden in den die Synagoge umgebenden Straßen, theils als Zuschauer, theils als Gruppen in dem großartigen Leichenzuge. Begreiflicherweise fand nur ein kleiner Bruchtheil (etwa 2000 Personen umfassend) Eintritt in die Synagoge. In einem Nebensaale der Synagoge wurde der Sarg einstweilen aufgestellt und gestern Sonntag von der Familie und vielen Freunden des Verstorbenen in Augenschein genommen. Es ist ein Metallsarg, der mit schwarzem Tuch ausgeschlagen und mit Griffen und Rosetten aus Bronze versehen ist. Der Deckel ist flach und nach amerikanischem Brauch so gearbeitet, daß der obere Theil zurückgezogen werden kann. Darunter befindet sich eine Scheibe aus Spiegelglas, welche den Verstorbenen bis zur Brust sichtbar macht. Die Züge des Gesichts sind merkwürdig unverändert; man meint das Wachsbild eines friedlich Schlafenden zu erblicken. Der Leichnam ist mit schwarzem Frack und weißer Halsbinde bekleidet, weiße Handschuhe bedecken die Hände. Eine Unzahl von Kränzen, Kissen und Palmen ist aus New- Uork mitgekommen. Dazu gesellen sich endlose Spenden der hiesigen Freunde, der drei liberalen Fractionen des Abgeordnetenhauses und des Reichstages, von Vereinen und Gesellschaften aus Berlin und einer großen Zahl deutscher Städte aus allen Bundesstaaten. Die Zahl der Kränze mehrte sich mit jeder Minute nach Oeffnung der Synagoge; unter anderm legte der Vorstand des Vereins „Berliner Presse" drei Kränze nieder, welche der Verein selbst, ferner der Schriftsteller- Verein Concordia in Wien und die Association litteraire internationale zu Paris gewidmet hatten. Der Meininger Wahlkreis des Verstorbenen spendete einen silbernen Lorberkranz auf schwarzem Kissen mit silbergestickter Inschrift. Die jüdische Gemeinde zu Wien hatte ein Beileidstelegramm gesandt. Die Synagoge bot einen erhebenden Anblick, das Allerheiligste war schwarz drapirt, die Stufen, welche hinaufführen, mit schwarzen Teppichen belegt, schwere Vorhänge aus schwarzem Sammt mit Silberstickerei hingen von den Thüren herab. Altar und Kanzel waren mit weißen Damastdecken geschmückt; zu beiden Seiten der Stufen erhoben sich brennende Kandelaber. Vor dem Altar hatte man eine hohe Empore errichtet, darauf stand von Blumen, Palmenzweigen und Kränzen überdeckt der Sarg. Dicht vor demselben waren Plätze für die Familie und die allernächsten Freunde des Verstorbenen reservirt, das Mittelschiff füllten die'Mitglieder des Landtages und Reichstages, des Magistrats von Berlin, der mit dem Oberbürgermeister v. Forckenbeck und dem Bürgermeister Duncker in corpore erschienen war, ferner eingeladene Personen von Namen aus allen Ständen und die Deputationen der betheiligten Vereine. Hier bemerkte man u. a.: die Staatsminister a. D. Dr. Delbrück und Camphausen, den Präsidenten des Reichs-Invalid enfonds Michaelis, die Geh. Räthe Dr. Bonitz vom Cultusministerium und Kerbel vom Justizministerium, Dr. Wehrenpfennig, Geh. Rath Schulz vom Reichs-Eisenbahnamt, den griechischen Gesandten Rhangabe u. s. w., ferner die Präsidenten und einen Theil des Bureaus des Abgeordnetenhauses, den Präsidenten des Reichstages v. Levetzow und den zweiten Vieepräsidenten Geh. Hofrath Ackermann aus Dresden (der erste Vicepräsident, Frhr. v. Franckenstein, ist wohl durch den Landtag in München zurückgehalten worden). Viele auswärtige Mitglieder des Reichstags von der Linken waren erschienen. Das Abgeordneten , Haus war durch alle Fractionen vertreten; "die rechte Seit..--.'))' *) Siehe auch das Feuilleton. "i'-: durch etwa 6 Mitglieder, das Centrum durch die Abgg. Wind- Horst, v. Heereman, Lieber u. a. Der greise Abg. v. Bockum- Dolffs war einer der ersten, die in der Synagoge erschienen; in seiner Nähe stand der hochbetagte evangelische Geistliche Dr. Thomas, der frühere Äustizminister v. Bernuth, der Geb. Rath Dr. Beseler (beide Mitglieder des Herrenhauses) u. s. f. Die freie wissenschaftliche Vereinigung der hiesigen Studirenden hatte zwei Chargirte in vollem Wichs entsandt, welche zur Rechten und Linken des Katafalks sich aufstellten. Zehn Minuten nach 11 Uhr ertönte die Orgel zum Beginn der Feier. Der Synagogenchor sang den Psalm: „Der Mensch, wie Gras sind seine Tage, wie des Feldes Blume blüht er." Darauf erschien der Rabbiner Dr. Frankl auf der Kanzel und hielt die ebenso geistig durchdachte wie zum Herzen sprechende Gedächtnisrede. Der Geistliche begann mit einem Dankgebet für die Gaben, welche dem Heimgegangenen verliehen gewesen, und für das, was er geleistet. Die folgenden Betrachtungen lehnten sich an den Text: Psalm 45, 5: . Und dies sei dein Schmuck: zieh einher und dringe durch für Wahrheit, Sanftmut!) und Gerechtigkeit, und Großes wird dir zeigen deine Rechte." Man habe einem doppelten Schmerze Ausdruck zu geben bei dem frühen Heimgang des Verstorbenen und dem Umstand, daß der treueste Sohn seines deutschen Vaterlandes auf fremder Erde habe sterben müssen. Drüben im fernen Westen, in einem andern Welttheile habe man empfunden, was Deutschland an dem Manne verliere, den wir heute betrauern, und den Deutschen sei es nun geboten, in einen Wettstreit einzutreten mit der befreundeten edlen Nation unter dem Sternenbanner in der letzten Ehre für den großen Sohn Deutschlands, den Streiter für Recht und Freiheit, den Fortbildner der Menschheit, da man sich anschicke, den sterblichen Leib des Heimgegangenen der heiligen Erde anzuvertrauen, ibn, der bedürfnislos wie die Weisen der Vorzeit, seine ganze Kraft dem Vaterlande geweiht habe. Die heutige Versammlung sei die höchste Ehre für den Heimgegangenen, hier seien die Männer und die erlesenen Namen, hier die Vereine vertreten, mit denen er für alles Große, Gute und Edle gewirkt habe. An der Einmündung dieses Lebens in die Ewigkeit gezieme sich ein Rückblick zu seinen Quellen. Die Rede gab nun ein kurzes, prägnantes Bild über Erziehungs-, Bildungs- und Lebensgang Lasters an der Hand des oben mitgetheilten Textes und zeigte, wie in seinem Wesen und Wirken „Wahrheit, Sanftmut!) und Gerechtigkeit" vorgewaltet hätten; seine Person hätte eine Bereinigung des Rechtsfreundes und des Menschenfreundes gezeigt, auf Grund deren er feine Kenntnisse und Erfahrungen ver-' werthet hätte. Die Leidensgeschichte seiner Glaubensgenossen Härte ihn gerecht und duldsam und jedem Zwange und jeder Beschränkung anderer Religionsgesellschaften abgeneigt gemacht. So mußte er in tadelloser Sittenreinheit die Anerkennung der Mitwelt finden, die heute dem Todten noch in höherm Maße zutheil werde, als sie der Lebende finden konnte. Seine Glau- Lensbrüder hätten ihm überdies den Zoll innigen Dankes darzubringen für die Wärme und Innigkeit, womit er auch für ihre Interessen eingetreten sei- Lasters Leben und Wirken sei ein lebendiger Beweis dafür, wie sich Judenthum, Vaterlandsliebe und Menschenthum in heiligem Dreiklang zu wohlgefügter Harmonie zu einigen und zu verschmelzen vermöchten. Daran knüpfte sich ein Hinweis auf seine Thätigkeit in der Ge^> Hebung. „In der Summe seines Lebens" —- so etwa i"ic Schluß — „hinterläßt der Verstorbene das BerrO-'..-. Schließt euch innig zusammen in Freimuth und ■0;. mb wirket für Vaterland und Menschheit! Arbeitet r.n\ Lohnes, nicht um Dankes, nicht um der Ehre willen, 'o Wahrheit und Gesittung um Gottes willen; erhaltet r.'.v .V : Glauben an die Menschheit. Der letzte Triumpf Liebe und dem Rechte." v, sang der Chor drei Verse eines besonders für die Feier :i Freunde Lasters gedichteten Liedes und hierauf richtete ordnete Dr. Friedrich Kapp eine Ansprache an die rrsammlung, aus welcher wir einige Sätze hervorhsben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.