Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 48 (1884)
- Issue
- Heft 7 (11.2.1884)
- Date
- 1884-02-11
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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erläge M Nr 7 der Allgemeinen Zeitung des Iudenthums. Eduard Kasker's Leichenfeier in Deutschland. I. In Zremerhaven. (Nach der „Weser-Zeitung".) Mit dem Frühzuge begaben sich am 24. Januar die Herren, welche als Deputirte des Berliner Comito's oder als Mitglieder des die Feierlichkeiten leitenden hiesigen Reichsvereinsausschusses, als Deputirte der hiesigen israelitischen Gemeinde oder als persönliche Freunde des Verstorbenen daran theilnehmen wollten, nach Bremerhaven. Die Schiffe im Hafen, sowie mehrere benachbarte und in der Stadt belegene Gebäude hatten Trauerflaggen aufgezogen, auch der Dampfer „Neckar", der eine stürmische Reise hinter sich hatte und noch bei Terschelling einen Orkan bestehen mußte, hatte halbstock geflaggt. Von den näheren Verwandten des Verewigten begleitete bekanntlich der in den Ver. Staaten lebende jüngere Bruder Eduard Lasker's die Leiche an Bord des „Neckar" nach Deutschland. Als Deputirte des Berliner Comite's fungirten die Reichstagsabgeordneten Herren I)r. Baumbach, Dr. Wölsfel, Lipke und Dr. Barth; auch der oldenburgische Reichstagsabgeordnete Herr Ahlhorn war erschienen. Vom Reichsvereins-Ausschuß bemerkten wir die Herren H. Claussen, Senator A. Gröning, Syndicus Dr. Marcus, Realschuldirector Debbe u. A.; ferner als Deputirte des nördlichen Bürgervereins die Herren Scriba und Bullenkamp. Die israel. Gemeinde war durch ihren Prediger und ihren Vorstand, die Herren M. Lewinger, G. Bloch, I. Abraham rc. vertreten und in Bremerhaven schlossen sich Vertreter der Stadt, u. A. Stadtdirector Gebhardt, Consul Ed. Ulrichs und zahlreiche Verehrer des Verstorbenen dem Zuge an. Nachdem der Dampfer „Neckar" um 12 Uhr in den neuen Hafen gelegt hatte, wurde zunächst der in einer gelb polirten, vom Reichsverein mit Kränzen und Palmen geschmückten Kiste verpackte Metallsarg, welcher die irdischen Ueberreste Lasker's birgt, von den Matrosen des „Neckar" aus dem Schiff und in feierlichem Zuge unter Vorantritt einer Musikkapelle und gefolgt von den verschiedenen Deputationen in die Lloydhalle getragen, welche einen reichen Flaggen- und Pflanzenschmuck aufzuweisen harte. Nach der Aufbahrung, welche um 121/2 Uhr erfolgte, eröffnete der Präsident des Reichsvereins, Herr Heinr. Claussen, die Feierlichkeit, während welcher tiefes Schweigen herrschte, mit einer kurzen Ansprache. Geehrte Versammlung! v Die irdischen Reste Ed. Lasker's sind auf ihrem Wege zur letzten Ruhestatt in einem bremischen Hafen auf deutschen Boden gelangt. Daher ist es für uns Bremer sowohl Pflicht wie Herzensbedürfniß, an der feierlichen Empfangnahme der Leiche dieses hervorragenden deutschen Mannes durch die aus Berlin herübergekommene Deputation von Freunden desselben uns zu betheiligen. Wir sind überzeugt, durch die Veranstaltung dieser Feierlichkeit dem allgemeinen Gefühl der Bremer Bevölkerung Ausdruck zu geben, denn in Bremen, wie in ganz Deutschland hat die Nachricht, daß dieser allbekannte und verehrte Mann in der Vollkraft seiner Jahre, mitten aus einem Leben, das nur Mühe und Arbeit gewesen ist, plötzlich abberufen worden sei, Schmerz und Trauer erregt. Und wie könnte es anders sein? Ist es doch einzig und ausschließlich im Dienste des deutschen Volkes, daß er gearbeitet unv sich gemüht hat bis zur Erschöpfung seiner Lebenskraft. Kein Volk kann sich rühmen, einen Mann der politischen Arbeit besessen zu haben, der treuer in der Erfüllung selbftgewählter schwerer Pflichten, .freier von jedem selbstsüchtigen Streben gewesen wäre, als Eduard Lasker, dessen Uneigennützigkeit bis zur völligen Aufopferung des eigenen Wohles für höhere Zwecke ging. Die Arbeit seines Lebens galt der einheitlichen und freiheitlichen Entwicklung Deutschlands. Für dieses Ziel strebte er in langjähriger parlamentarischer Wirksamkeit mit einem staunenswerthen Aufgebote von geistiger Kraft. Was ihn aber dem Herzen des deutschen Volkes vor Allem theuer gemacht hat, das ist der hochfliegende Idealismus seines Wesens, die makellose Reinheit seines Charakters, seine glühende Vaterlandsliebe. Das deutsche Volk wird des edlen und bedeutenden Mannes, der ihm bei dem großen Werke der Errichtung des neuen deutschen Reiches mit solcher Hingebung gedient hat, nicht vergessen. Ehre sei seinem Andenken. — Nach ihm hielt der Abg. Baumbach aus dem Wahlkreise des Verewigten eine sehr warme Trauerrede. Reichstagsabgeodneter Dr. Wölffel: Dir, edler, unvergeßlicher Mann, widmen die Freunde, an deren Spitze Du in Treue gegen den Kaiser für des Vaterlandes Größe und des deutschen Volkes Freiheit bis zum letzten Alhemzug selbstlos, wie kaum ein Anderer, gekämpft hast, den wohlverdienten Lorbeer, zugleich als ein Zeichen wahrer Freundschaft, inniger Verehrung und ewiger Dankbarkeit. Ruhe in Frieden! — Mit diesen Worten legte der Redner einen Lorbeerkranz auf den Sarg nieder. Der jüdische Prediger Lewinger legte im Namen der israel. Gemeinde Bremens einen Kranz auf den Sarg mit einer trefflichen Ansprache, anlehnend an das Klagewort Davids über den Tod Saul's und Jonathans. Ohne Ansprachen wurden dann noch mehrere Kränze auf dem Sarg niedergelegt, u. A. von Herrn Reichstagsabgeordneten Ahlhorn, von Herrn Stadtdirector Gebhardt im Namen der Stadt Bremerhaven und von Herrn N. Mohr im Namen der Presse Bremens rc. Nunmehr wurde der Sarg von den Matrosen wieder ausgenommen und während die Musik einen Trauermarsch spielte, nach dem auf einem Gleise vor der Lloydhalle stehenden, im Innern reich mit Kränzen und Flaggen decorirten Güterwagen getragen, in welchem neben der reich geschmückten Sargkiste auch die von Amerika mitgebrachten Kränze und Blumen Platz fanden. II. In Serlin. (Nach der „Köln. Zeitung".) Am 26. Januar 12 Uhr Mittags ist die Leiche Eduard Laskers aus dem Lehrter Bahnhof eingetroffen, auf dem sich eine Anzahl hiesiger Freunde des Heimgegangenen, darunter Mitglieder des Vereins Waldeck, des Berliner Arbeitervereins, Vertreter hiesiger und auswärtiger Blätter sowie mehrere Damen, die Blumen und Kränze zur Schmückung des Sarges mit sich führten, eingefunden hatten. Abends 7t/2 Uhr erfolgte die Ueberführung von der Abfahrtsseite des LehrterBahnhofs nach der Neuen Synagoge in der Oranienburgerstraße. Vor dem mit Guirlanden geschmückten Güterwagen, der den Sarg enthielt, versammelten sich nach und nach etwa hundert Herren. Unter ihnen bemerkte man den Ober-Bürgermeister von Forckenbeck und viele Stadträthe und Stadtverordnete. Die Partei der Seeessionisten des Reichstages war besonders zahlreich vertreten; unter ihren Anhängern und den Vertretern anderer Parteien befanden sich die Abgeordneten Rickert, Ludwig Löwe, Dr. Hermes, Knörke, Eberty, Goldschmidt, Schröder, Kochhann u. A. Die Schriftstellerwelt war durch Julius Rodenberg und viele Redakteure hiesiger Zeitungen vertreten. Den einzelnen Persönlichkeiten schlossen sich die Gesammtvorstände der Berliner Reichstagswahlvereine und von anderen Vereinen die Vorstände des Handwerkervereins, des Berliner Arbeitervereins, des Vereins „ Waldeck", des Louisenstädtischen, Dorotheenstädtischen, Oranienburger Thor- Bezirksvereins, der Bezirksverein der Hamburger und Oranienburger Vorstadt und »viele andere an. Zuletzt erschienen die Verwandten des Verstorbenen, in ihrer Begleitung der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Justizrath Meyer, zahlreiche Repräsentanten der Gemeinde und die Herren vom Comite. Punkt l/28 Uhr wurde der schwere Zinksarg, von Blumen und Kränzen bedeckt, durch acht Träger aus dem Güterwagen gehoben und nach dem draußen harrenden, zweispännigen, schwarzverhangenen Leichenwagen geschafft. Die Menge entblößte das Haupt, und zahlreiche Damen und Herren legten auch hier noch frische Lorbeerkränze auf den Sarg. Die Verwandten folgten zu Wagen, die übrigen Herren zu Fuß. Voran schritten der Inspektor und zwei Nuntien der jüdischen Gemeinde; die Pferde wurden von zwei Führern geleitet, rechts und. links schritten die Träger des Sarges. So bewegte sich der Zug, dem berittene Schutzleute den freien Raum schafften, zur Synagoge. Hier wurpe der Sarg unter reichem Blumenschmuck — vier Kisten mit Kränzen waren allein aus Amerika milgekommen — im Re-