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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1884-02-11 · Heft 7 (11.2.1884) · p. Seite 108

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
48 (1884)
Issue
Heft 7 (11.2.1884)
Date
1884-02-11
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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108 können alle Personen aus allen Ständen von nichtpolnischer Abkunft mit Ausnahme der Juden beanspruchen. Die von den Polen Landgüter käuflich erwerbenden Russen sind von der Stempelgebühr befreit. Käufer, welche ein Landgut im Werthe von mindestens 15,000 Rubel für baares Geld und ein Landgut für 30,000 Rubel unter Belassung von Hypothekarschulden erwerben, sind zum Betriebe einer Brennerei ohne Rücksicht auf ihren Stand berechtigt. Kaufleute beider Gilden, welche unter obigen Bedingungen ein Landgut ankaufen, erwerben dadurch ein erbliches Ehrenbürgerrecht. Sowohl den Käufern von Landgütern als auch deren Rechts- Nachfolgern ist untersagt, dieselben an Personen polnischer oder jüdischer Abkunft zu verkaufen, zu verpachten oder zur Verwaltung zu übergeben. Um zur Licitation zugelaffen zu werden, müssen die betreffenden kauflustigen Personen ein von ihrem Generalgouverneur ausgestelltes Zeugniß vorwcisen, welches nach Beibringung von Beweisen der Abkunft, Confession und politischer Gesinnung ausgestellt werden wird. Petersburg, 29. Januar. Nach einer Meldung aus Charkow hat die Regierungsabtheilung für städtische Ange. legenheiten eine Verfügung der dortigen Stadtverordneten- Bersammlung, wonach die Anzahl der in die neu errichtete Handwerksschule aufzunehmenden israelitischen Schüler auf zwei Procent beschränkt sein soll, für hinfällig erklärt. Turek, 28. Jan. (Privatmitth.) Tie hiesige römischkatholische Geistlichkeit hat in der Kirche allen Christen verboten, bei Juden als Dienstboten zu dienen, und wer dieser Vorschrift zuwiderhandcle, werde vom Abcndmahle ausgeschloffen werden. Um Excefle zu verhüten, entließen die jüdischen Familien, welche christliche Dienstboten hatten, diese was übrigens nur wenig der Fall gewesen. — 3n Sagorow (Gouv. Kalisch) fand ein Exceß statt, indem die Bauern die Buden und Verkaufsstätten der zum Jahrmarkt anwesenden Juden überfielen, ausraubten und mehrere verwundeten. Der Schaden der Juden ist beträchtlich. Nach einer Stunde war die Plünderung beendet. Der davon unterrichtete Kreispräsident entsandte alsbald einen Untersuchungsrichter mit Polizei und dieser fand bereits bei 18 reichen Bauern geraubte Waaren und wurden die Uebelthäter sofort verhaftet. — In der großen Fabrikstadt Lodz hegt man große Besorgniffe, weil über 8O00 Arbeiter gegenwärtig brodlos sind. Die Polizei hat bereits über 500 ausländische Arbeitslose nach Hause zurücktransportirt. Auch wurden 6 ausländische Antisemiten, welche den Pöbel aufzuhetzen suchten, verhaftet und nach Petrikau zum Verhör gebracht. Da demungeachtet mancherlei Ausschreitungen auf den Straßen stattfanden, wurden drei Sotinner Kosaken nach Lodz gesandt um die Ordnung aufrecht zu erhalten. — Die Unruhen in Charkow waren ernsterer Natur Auch hier haben auswärtige Agitatoren den Pöbel aufgehetzt. Zum Ausbruch kam es als ein Betrunkener von einem jüdischen Knaben verhöhnt worden, worauf der Pöbel über die jüdischen Kinder herfiel und sie schwer verletzte. Hierauf sammelten sich die Tumultuanten, brachen in die Häuser der Juden, raubten und zertrümmerten Alles und mißhandelten die Juden. Die lokalen Polizeikräfte reichten nicht aus und nur mit Hülfe von 150 Kosaken, die aus der Nähe herangezogen wurden, wurde der Tumult unterdrückt; so daß um acht Uhr Abends die Ruhe wieder hergestellt war. Nicht wenige Tumultuanten wurden hierbei verwundet. Die Untersuchung wurde sofort eröffnet und über 100 Plünderer vorläufig verhaftet, und dem Untersuchungsrichter übergeben. Schon jetzt hat es sich herausgestellt, daß auswärtige Agitatoren die Urheber des Excesses gewesen. M. F. Bonn, 3. Jebr. (Notizen.) Man schreibt aus Marseille: In Carpentras starb jüngst Aron Lisbonne im Alter von 106 Jahren. „Vater Lisbonne". wie man ihn zu nennen pflegte, hat sein volles Bewußtsein bis zu seinem letzten Lebensaugenblicke behalten und genoß die allgemeine Achtung der Stadt. Er war in Carpentras 1778 geboren und hatte so noch die Zeit gesehen, wo die Juden in einem besonderen Viertel wohnten, dessen Thore des Abends geschloffen wurden; und nun hatte er die ganze reiche Entwickelung gesehen, welche die Israeliten in Frankreich und in anderen Ländern erreicht haben. Er hinterläßt noch einen „jungen Bruder", wohnhaft in Nyons, alt — 96 Jahre. — Der Bataillonschef S. C. Rosenwald im 59. französischen Linienregiment, ist zum Obcrstlieutenant im 133. in Lüneville ernannt worden. — Der zu Kamenz-Podolks ^erstorbene Jakob Levinsohn hat ein Legat von 100,000 Rubeln zur Erbauung eines jüdischen Hospitals und Asyls! hinterlaffen. — Aus Tabor (Böhmen) wird gemeldet: Unser Rabbiner Gutmann Klemperer ist am 28. Jan. im Alter von 61 Jahren verschieden; Klemperer lieferte seit vielen I Jahren literarische Beiträge zu Pascheles „Kalender" und zu den „Sippurim". Seine Biographie des Jonathan Eiben-! schütz ist eine seiner besten Arbeiten. — Aus Straßburg )wird vom 31. Jan. gemeldet: l)r. Siegfried Goldschmidt, ordentlicher Professor des Sanskrit an der hiesigen Universität, ist heute einem mehrjährigen schweren Leiden erlegen. Derselbe lehrte seit 1872 an der dortigen Universität und ^hat sich durch Herausgabe von Originalwerken bedeutende Verdienste um die indische Literatur erworben.

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